Plattdeutsches Buch berichtet von Weihnachtsbräuchen auf dem Lande anno 1870 Wenn der Kloas kommt

Steinhagen  (WB). Heute liegen Geschenkeberge unter dem Baum – Playstation, Smartphone, Barbie, Playmobil... Doch vor 70 Jahren freuten sich Kinder über Bauklötze, eine neue Hose und Mandarinen. Und vor 150 Jahren gab es auf dem Land in Steinhagen und Brockhagen nur Küchlein und Pfeffernüsse auf den Teller – und einen Weihnachtsmann, vor dem man sich besser in acht nahm.

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Weihnachten 1942 bei der Pfarrersfamilie Maschke, fotografiert von Pfarrer Otto Maschke selbst: Hilde Maschke spielt mit den Kindern Gertraud und Martin (9) Flöte, die Jüngste, Ulla, schaut ins Bilderbuch. Bescherung war Heiligabend.    
Weihnachten 1942 bei der Pfarrersfamilie Maschke, fotografiert von Pfarrer Otto Maschke selbst: Hilde Maschke spielt mit den Kindern Gertraud und Martin (9) Flöte, die Jüngste, Ulla, schaut ins Bilderbuch. Bescherung war Heiligabend.    

Wie waren früher die Weihnachtsbräuche in der Gemeinde? Darüber gibt das Buch eines Autors Auskunft, der in diesem Jahr im Brockhagener »Plattdeutschen Liederbuch« zu neuen Ehren gekommen ist: Heinrich Stolte, 1858 auf dem Ströhen geboren, 1935 gestorben, Lehrer und Bewahrer der damals schon gefährdeten niederdeutschen Mundart seines heimatlichen Landstrichs. Von Heinrich Stolte stammt das Buch »Bauernhof und Mundart in Ravensberg«, in dem er sich im Jahr 1931 an seine Kinderzeit um 1870 erinnert.

Soltes Buch stand auch im Pfarrhaus

Wilken Ordelheide, Vorsitzender des Heimatvereins Brockhagen, hat sich mit seiner Laienspielschar etliche plattdeutsche Textpassagen zu landwirtschaftlichen Techniken, der Hauswirtschaft und eben zu weihnachtlichen Traditionen erschlossen. Auch im Hause des Steinhagener Pfarrers Otto Maschke stand das Buch im Regal – persönlich überreicht vom Autor, der mit dem Pfarrer gut bekannt war. Dort ist es dem Pfarrerssohn, Kreisheimatpfleger Martin Maschke, auch erstmals in die Hände gefallen.

Wie war das nun Weihnachten vor fast 150 Jahren? »Bescherung war damals, wie auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg zu meiner Kinderzeit, nicht Heiligabend, sondern erst morgens am ersten Weihnachtstag«, weiß Wilken Ordelheide. Dann kam das Christkind. Die Kinder stellten am Abend Teller auf den Tisch und wurden mit Süßigkeiten und Äpfeln belohnt: »Wuihnachten stellen wui Ohmds Teller upp den Disk. Den annern Muarn leigen doa lütke runne Kauken, Pirpernürde, Krengel unn Appels uppe.« Aber: »Spierlsaken unn Dannenbeime hadde datt Christkuind doamoals noch nich«, schreibt Heinrich Stolte – also: Weder Spielzeug noch Tannenbaum brachte das Christkind mit.

Die Kinder mussten früh ins Bett

Aber vor dem Christkind kam noch der Kloas: Der Abend vor Weihnachten, das war der »Kloas Ohmd«. Doch dieser Nikolaus war durchaus kein gütiger Mann. Er konnte den Kindern, die um 1870 in Steinhagen und Brockhagen aufwuchsen, schon Angst machen – jedenfalls befürchtete das die Mutter. »Dann mössen wui freauh noan Bette. Mudder sier, datt Christkuind dröwwen wui nich seihn unn den Kloas leid ett nich innt Huis kurmen. De Mudder woll nich, datt de Kloas uss bange make.«

Das Christkind durften die Kinder nicht sehen, deshalb mussten sie früh ins Bett, und der »Kloas« wurde nichts ins Haus gelassen, weil die Mutter nicht wollte, dass er die Kinder ängstigte. Schließlich ging die Legende, dass einst ein Mädchen aus der Nachbarschaft vor dem Kloas weglief, sich versteckte und dabei erfror.

»Wir hatten als Kinder auch noch Angst vorm Kloas«, erinnert sich Wilken Ordelheide. »Wir haben die Tür abgeschlossen«, sagt er: Denn die Kinder saßen gerade in der Badwanne, als sie meinten, den Kloas im Haus wahrzunehmen – und sperrten zu.

Feines Brot zum Feiertag

Erfreulicher als der Kloas war da das gute Brot, das man zu Weihnachten aß. Normalerweise wurde zu Hause gebacken, aber zu Festtagen wie Michaelis, Weihnachten und Ostern brachte man Roggenmehl zum örtlichen Bäcker, der daraus feinstes »Kleimbreaut« machte. Das sagte auch etwas über das finanzielle Wohlergehen aus. Überliefert ist dazu nämlich ein Spruch: »Wuihnachten bäcket jeidermann, Austern de doa kann, Pingsten de ruike Mann«. Weihnachten hat also offenbar fast jeder genug Mehl, Ostern lässt nur noch derjenige, der es sich erlauben kann, backen und Pfingsten haben nur noch die Reichen genug Mehl für dieses Brot.

So bescheiden die Zeiten: Dass die Kinder ihre Weihnachtsgeschenke verglichen, berichtet Stolte auch, wie Martin Maschke weiß: Weihnachten seien sie von Haus zu Haus gegangen und hätten sich erzählt, was das Christkind gebracht habe. Neujahr habe man Prosit gesagt – was das heiße, das habe man als Kind nicht gewusst, so Stolte

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