Nutzungsänderung des Gemeindehauses: Pfarrer Ulrich Potz im Interview »Problematik ist lange bekannt«

Steinhagen-Amshausen (WB). Mit Empörung und Zorn haben die Amshausener am Sonntag die Ankündigung der Kirchengemeinde aufgenommen : Das Friedrich-von-Bodelschwingh-Haus soll in weiten Teilen der Diakonie für eine Tagespflege zur Verfügung stehen, die Gemeinde zieht sich auf einen kleinen Andachtsraum zurück. Der Weihnachtsfrieden scheint empfindlich gestört. Wie geht es nun weiter? WB-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold hat darüber mit dem Presbyteriumsvorsitzenden, Pfarrer Ulrich Potz, gesprochen.

Das Amshausener Gemeindehaus wird bald nur noch zu einem kleinen Teil kirchengemeindlich genutzt sein.
Das Amshausener Gemeindehaus wird bald nur noch zu einem kleinen Teil kirchengemeindlich genutzt sein. Foto: Bluhm-Weinhold

Die Sinnhaftigkeit der Nutzung des Gemeindehauses durch die Diakonie schien Sonntag gar nicht in Frage zu stehen. Aber der Vorwurf aus der Versammlung war deutlich: Ich will als Gemeindeglied wenigstens gehört werden. Warum hat man die Gemeinde nicht eher einbezogen?

Ulrich Potz: Das Presbyterium wusste um die Brisanz und hat die Forderung wohl gehört. Wir wissen, dass solche weitreichenden Entscheidungen nicht ohne emotionale Reaktionen bleiben. Wir sind nicht leichtfertig damit umgegangen. Es geht hier um Heimatverlust. Da ist Trauerarbeit zu leisten. Auch die Wertschätzung des Ehrenamtes steht nicht in Frage mit dieser Entscheidung.

Aber warum wurde hinter verschlossener Tür beraten und entschieden?

Potz: Das Presbyterium hat das Mandat, für die Kirchengemeinde wichtige Entscheidungen zu treffen. Alle Mitglieder entscheiden nicht aus eigener Vorteilsnahme, sondern im Sinne der Gesamtgemeinde. Und diese Entscheidung hat sich keines der 16 Mitglieder leicht gemacht.

Warum hat man nicht wenigstens die Ehrenamtlichen einbezogen?

Potz: Wir wissen seit mehr als einer Dekade, dass eine Unwucht entstanden ist zwischen den festen Kosten für das Haus und dessen Auslastung. Die Problematik war seit 2006 bekannt und in der Gemeinde lange virulent. Man hat aus Angst vor starken emotionalen Reaktionen lange gewartet. Aber jetzt bekamen wir die Möglichkeit, mit der Diakonie einen kirchlichen Partner hineinzunehmen. Dahinter stehen wir als Gemeindeleitung. Wir können der Gemeinde nur sagen: Wir wissen, dass es euch anfasst, aber zeigt uns Alternativen. Die hat es bislang nicht gegeben.

Sie betonen die Unwirtschaftlichkeit des Gebäudes, die fehlende Ausnutzung, die Investitionen, die nötig wären...

Potz: Wir müssen nach Sachlage entscheiden. Die Kirchengemeinde darf keinen Profit machen, aber wir haben einen auskömmlichen Haushalt vorzulegen. Das Bodelschwingh-Haus ist insbesondere im Vergleich ein nachhaltiges Subventionsobjekt. Zehn Wochenstunden Teilauslastung stehen 650 Quadratmeter Gebäude mit Betriebskosten und personellen Kosten entgegen. Die Gottesdienste werden selbst zu Anlässen wie dem Volkstrauertag selten von mehr als zehn Teilnehmern besucht. Frauenhilfe oder auch der Spieleabend des Fördervereins haben selten mehr als 25 oder 30 Besucher. Heimatverein und Männerchor waren immer willkommen im Saal. Wir stehen aber nicht in der Pflicht, für diese Vereine etwas vorzusehen, vor allem dann nicht, wenn die Kosten allein bei der Kirchengemeinde liegen. Beim Bodelschwingh-Haus hätte zudem die energetische Sanierung angestanden. Viele Gemeinden müssen Gemeindehäuser schließen: Brockhagen, Versmold, Bokel sind Beispiele aus der Umgebung. Mit Blick auf die Zahl der Gemeindeglieder hat Steinhagen die größten Raumbestände.

Wie sind denn die Gemeindegliederzahlen?

Potz: Ende dieses Jahres werden wir die Grenze von 8000 unterschreiten. Es waren mal gut 12.000. In Amshausen haben wir aktuell 900 Gemeindeglieder.

Als Hintergrund wird immer der demografische Wandel genannt. Am Sonntag sprach ein Zuhörer von Säkularisierung und dass es vor diesem Hintergrund umso wichtiger sei, in die Peripherie zu gehen.

Potz: Es gibt keinen Vorsatz zur Zentralisierung. Es sind neue Traditionsstränge entstanden. Der Plattdeutsche Gottesdienst bei Schierenbeck hat altersbezogen ein großes Klientel, der Gottesdienst auf dem Ströhen im Sommer einen unglaublichen Zulauf. Und die »Message4you« kommt hervorragend an. Da ist Mobilität von Alt und Jung gar keine Frage. Wir gehen längst auch andere Wege, ohne dass sie institutionalisiert sind. Die vielen Gespräche mit Eltern, die die Gemeindepädagogin führt, die Trauerarbeit, die Pfarrerin Schumann in der Hospizgruppe leistet, wären da zu nennen. Wir gehen in die Fläche über Beziehungen. Dazu braucht es kein Haus.

Um auf die Amshausener zurückzukommen, die diesen Brocken ausgerechnet in der Adventszeit schlucken mussten. Eine Frage aus der Versammlung lautete auch: Wie werden wir als Gemeinde mitgenommen?

Potz: Diese Nachricht in der Adventszeit war nicht gewollt. Aber wir wollten auf die Leute zugehen, sobald wir ein Ergebnis haben. Bei der Ausgestaltung dieses Ergebnisses sollen nun alle mit am Tisch sitzen. Kirsten Schumann hat ein Gesprächsangebot gemacht. Ab 5. Januar jeden zweiten Freitag 18 Uhr. Über die Gottesdienstfrequenz ist noch zu sprechen. Auch Interimslösungen sind zu suchen. Wo trifft sich die Frauenhilfe während der Umbauarbeiten, die ein halbes Jahr dauern. Im Johannes-Busch-Haus? Oder schließt sie sich mit der dortigen Frauenhilfe zusammen? Männerchor und Heimatverein können auf die Alte Feuerwehr und die neue Grundschulmensa zurückgreifen. Und auch wir werden diese Räume vielleicht noch brauchen für größere Veranstaltungen.

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