Martina Detert empfiehlt, Kindern mehr Zeit für sich selbst zu lassen »Spielen ist fast schon Luxus«

Steinhagen (WB). Wie wertvoll freie Zeit ist, davon können viele Erwachsene ein Lied singen. Längst betrifft das Thema sogar schon Kinder. Martina Detert plädiert daher dafür, Kindern mehr Gelegenheit zum freien, ungezwungenen Spielen zu geben. Redakteur Volker Hagemann sprach darüber mit der Erziehungswissenschaftlerin.

Von Volker Hagemann
Weniger ist oft mehr – auch, was den heute oft vollgepackten Kalender von Kindern betrifft. Martina Detert, selbst dreifache Mutter, plädiert dafür, Kinder viel öfter frei und ohne Vorgaben einfach spielen zu lassen.
Weniger ist oft mehr – auch, was den heute oft vollgepackten Kalender von Kindern betrifft. Martina Detert, selbst dreifache Mutter, plädiert dafür, Kinder viel öfter frei und ohne Vorgaben einfach spielen zu lassen. Foto: Volker Hagemann

Ihren Vortrag am 21. Juni betiteln Sie mit »Gegen volle Terminkalender – das Recht der Kinder auf freies Spiel«. Haben Kinder keine Zeit mehr, über die sie selbst entscheiden können?

Martina Detert: Der Kalender ist oft voll. Schule, Sport, Musikunterricht – da ist es für Kinder fast ein Luxus, mal gar nichts zu tun oder nach freien Stücken allein oder mit Freunden zu spielen. Dabei ist gerade das sehr wertvoll.

Warum gerade das freie Spielen?

Einfach mal ohne Vorgabe zu spielen, bietet bedeutende Lern­effekte. Im freien Spiel finden Kinder heraus, wie die Welt um sie herum funktioniert. Das lässt sich schon in den allerersten Lebensjahren beobachten: Sand rieselt nach unten, lässt sich aber auch formen. Es lässt sich sogar etwas konstruieren. Wasser wiederum fühlt sich anders an. Oder der klassische Kaufladen: Er ermöglicht Rollenspiele miteinander, fördert beim spielerischen Einkaufen die Merkfähigkeit.

Und wenn mal etwas nicht klappt, planen Kinder selbständig, wie sie anders vorgehen könnten. All das ist wichtig für die weiteren Lebensjahre. Ich habe aber auch nichts gegen Puzzle oder Konstruktionsspiele.

Und die Rolle der Eltern dabei?

Die Eltern meinen es ja gut, wollen das Beste für ihre Kinder. Sie möchten ihnen eine gute Basis geben und lassen den Nachwuchs oft mehrere Sportarten betreiben, Instrumente oder zusätzliche Sprachen erlernen. Grundsätzlich nicht falsch, aber oft zu viel. Ich möchte Eltern bewusst machen: Es muss Zeit für eigene Kreativität ihrer Kinder beim Spielen bleiben. Die Ausgewogenheit ist wichtig. Auch Kitas achten auf die Mischung aus Programm und freiem Spielen.

Was ist denn »zu viel«, wann ist der Kalender zu voll?

Das ist individuell. Wenn Kinder aber oft Unlust an Dingen äußern, sagen ›Ich will lieber zu meinen Freunden‹, dann sollte man darüber genauer nachdenken. Wir wollen immer so gerne Kreativität und Phantasie der Kinder fördern, nur müssen wir es auch zulassen.

Welche Rolle spielen Computer und Fernsehen?

Beides gehört zur Realität, das Maß ist entscheidend. Es gibt durchaus sinnvolle PC-Spiele oder -Anwendungen. Und wenn Kinder quengeln, der Freund dürfe mehr, muss man ihnen sagen: Okay, aber bei uns gelten andere Regeln.

Teilweise herrscht ja ein regelrechter Druck, bestimmte Dinge unbedingt mitzumachen?

Leider ja, und ich möchte Eltern ermutigen, Kindern stattdessen mehr eigene Zeit zu geben. Ich möchte den Druck nehmen, den andere aufbauen, wenn sie meinen: »Dein Kind muss doch...« Raum für Kreativität ist wichtig.

Vortrag am 21. Juni

»Gegen volle Terminkalender – das Recht der Kinder auf freies Spiel« heißt der Vortrag von Martina Detert am Mittwoch, 21. Juni. Beginn ist um 20 Uhr in der Kindertagesstätte Waldbad, Waldbadstraße 35 in Steinhagen. Die Teilnahme ist kostenlos – Anmeldung unter 0 52 04/49 80, E-Mail: waldbad@kirche-steinhagen.de. Martina Detert hat Erziehungswissenschaften und Heilpädagogik studiert. Die Dozentin, selbst Mutter dreier erwachsener Kinder, qualifiziert unter anderem Tageseltern und ist Vorsitzende des Kreisfamilienzentrums Werther »Fam.o.S.« e.V. (»Familien ohne Sorgen«).

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