Konfliktforscher Andreas Zick referiert auf Einladung der VHS Vorurteile haben nicht nur die anderen

Steinhagen (WB/mat). Sie sind gleich alt, haben dieselben Noten und ähnliche Qualifikationen – trotzdem entscheidet sich kaum jemand dafür, die kopftuchtragende Hylia an der Uni aufzunehmen. Lieber wählt das Beratungskomitee die deutsche Julia, und das, obwohl die Jury aus eigentlich toleranten Psychologiestudenten mit Einserschnitt besteht.

Prof. Dr. Andreas Zick von der Uni Bielefeld informiert im Rathaus über Menschenfeindlichkeit und Vorurteile.
Prof. Dr. Andreas Zick von der Uni Bielefeld informiert im Rathaus über Menschenfeindlichkeit und Vorurteile. Foto: Sara Mattana

Was die Teilnehmer des Versuchs nicht wissen: Hylia und Julia sind ein und dieselbe Person. Lediglich Kleidung und Make-Up sind verändert, um einen anderen kulturellen Hintergrund zu vermitteln. Dass also niemand gänzlich frei von Vorurteilen sein kann, erklärt Prof. Dr. Andreas Zick am Mittwoch etwa 25 Zuschauern auf Einladung der VHS Ravensberg. Als Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld nutzt er das Ergebnis dieser Studie als nur eines von vielen Beispielen, das unter dem Thema »Menschenfeindlichkeit« Aufschluss über die Gesellschaft gibt.

Der Hintergrund spielt immer eine Rolle

Denn obwohl sich mehr als 80 Prozent der von ihm Befragten selbst als tolerant bezeichnen, spitze sich die Lage in einigen Bereichen weiter zu: »Menschen haben das Bedürfnis, sich selbst positiv darzustellen. So entstehen dann Aussagen wie: Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...« Wie selten ein solches Vorurteil aber konkret begründet werden kann, zeigt der Experte mit einem simplen Bild.

Zwei Felder eines Schachbretts sollen die Besucher vergleichen – und das mit einem eindeutigen Ergebnis: Eines der Quadrate muss heller sein. »Tatsächlich haben beide Felder die gleiche Farbe, doch der Hintergrund lässt sie unterschiedlich wirken. Unser Gehirn macht das automatisch: Wir sehen einen Menschen, nehmen die Hintergrundinformationen wahr und verbinden sie automatisch«, sagt Andreas Zick.

Dies führe oft zu Verzerrungen und sei eine Basis für menschenfeindliche Tendenzen, die über zwei verschiedene Wege in Konflikten münden können. So spielen sowohl die Identität als auch die Ressourcen eine Rolle. Denn wenn die Antwort auf die Frage »Wer sind die?« nicht zu der auf die der Frage »Wer sind wir?« passt, sei die Entstehung eines unruhigen Klimas abzusehen.

Deutlicher Anstieg der Menschenfeindlichkeit gegenüber Asylsuchenden

»Die negativste Haltung gegenüber Minderheiten zeigen Menschen, die große Sorgen und keine Hoffnung haben«, sagt Andreas Zick, der einen deutlichen Anstieg der Menschenfeindlichkeit gegenüber Asylsuchenden feststellt. Zwischen 2014 und 2016 sei diese von 44 auf 50 Prozent gestiegen, während Anfeindungen gegenüber Sinti und Roma beispielsweise leicht rückläufig seien. »Es ist aber auffällig, dass Menschen mit Sympathien zur AfD stärker zu Abwertungen neigen«, so Zick, der Studien vorlegt, die Menschenfeindlichkeit bei 74 Prozent der AfD-Anhänger nachweist.

Dennoch hat der erfahrene Forscher nicht nur eindeutige Studien und erschreckende Zahlen im Gepäck, sondern weiß auch, wie man Vorurteilen und Ausgrenzungen entgegenwirken kann: »In Regionen mit einem hohen Ausländeranteil stellen wir weniger Fremdenfeindlichkeit fest. Denn sobald sie in Kontakt geraten, brechen die Vorurteile oft ein.«

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