Wahl & Co.: Apotheker und drei Ärzte warnen vor den Belastungen durch Emissionen »Schon wenig Feinstaub ist gefährlich«

Steinhagen (WB). In die Diskussion um die Ansiedlung von Wahl & Co. schalten sich jetzt auch der Steinhagener Apotheker Lutz Heitland und drei ansässige Ärzte ein. Sie weisen auf die Gesundheitsgefahren durch Emissionen hin. Ihr Tenor: Feinstaub ist schon in kleinen Mengen gefährlich.

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Das Gelände, auf dem sich Wahl & Co. ansiedeln möchte: Aus der Luft und im Weitwinkel zeigt sich die Lage zwischen Bahnhofstraße (im Vordergrund), Autobahntrasse (rechts) und Liebigstraße (links) übersichtlich. Der Lkw-Verkehr würde über die Liebigstraße zur Bielefelder Straße und von dort auf die A 33 fließen.
Das Gelände, auf dem sich Wahl & Co. ansiedeln möchte: Aus der Luft und im Weitwinkel zeigt sich die Lage zwischen Bahnhofstraße (im Vordergrund), Autobahntrasse (rechts) und Liebigstraße (links) übersichtlich. Der Lkw-Verkehr würde über die Liebigstraße zur Bielefelder Straße und von dort auf die A 33 fließen. Foto: Ulrich Fälker

Darauf weist Lutz Heitland in einem Brief hin, den er gemeinsam mit Internist Reiner Schröder (Lungenheilkunde), Dr. Christian Haberecht (HNO) und Allgemeinmediziner Alexander Hirsch unterzeichnet hat. »Wahl & Co. ist ein Familienunternehmen, das moderne Lkw einsetzt. Aber es gibt bis heute eben auch keine sauberen Lkw«, sagt er im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT.

Heitland hält folgende Argumentation für riskant: Da nun die Autobahn schon da sei, könne man noch Verkehr zulegen. »Dieses Denken könnte irgendwann zur Sperrung der Liebigstraße führen«, sagt er mit Blick auf Grenzwertüberschreitungen.

Er setzt sich für die Einrichtung von Messstellen ein. Erst müsse ermittelt werden, wieviel Belastung die Autobahn der Gemeinde bringe. »Wenn die Studien von heute bekannt wären, hätte die Autobahn hier gar nicht gebaut werden dürfen«, sagt er. Nicht umsonst würden 500 Meter Abstand von Schulen zu Autobahnen empfohlen. Seine Forderungen: keine Ansiedlung emissionsträchtiger Betriebe wie Speditionen und eine Temporeduzierung auf der zukünftigen A 33 durch Steinhagen auf 80 bis 100 Stundenkilometer.

Tempolimit sinnvoll

Laut Reiner Schröder, Facharzt für Lungenheilkunde in Steinhagen, seien Geschwindigkeitsbegrenzungen sinnvoll, da sich dadurch der Feinstaubausstoß deutlich verringere. Der Mediziner rechnet damit, dass durch die Autobahn an einer Reihe von Tagen pro Jahr der EU-weite Grenzwert für Feinstaub mit Partikelgrößen bis zu 2,5 Mikrometer von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten werde. Das liege an der geografischen Lage: »Die Luftaustauschrate ist hier wegen des Teutos nicht so hoch.«

Reiner Schröder zitiert die aktuell größte und angesehenste Studie zu den Gefahren von Feinstaub für Lunge und Herz-Kreislaufsystem: die Escape-Studie, eine so genannte Meta-Analyse, koordiniert von der Uni Utrecht. Sie ist eine Zusammenfassung von 22 europäischen Studien, die Daten von 367.000 Menschen aus 13 Ländern erfassten und im Untersuchungszeitraum von 14 Jahren folgendes zeigt: »Bei einer Erhöhung der Feinstaubbelastung um fünf Mikrogramm pro Kubikmeter ist eine Zunahme der Sterblichkeit um sieben Prozent zu verzeichnen. Das ist signifikant«, so Schröder.

Deshalb lässt er auch die Debatte um Grenzwerte nicht gelten: »Denn die Studie zeigt, dass auch kleinste Mengen bedeutsam sind.« Partikelfilter lösen keineswegs alle Probleme, sagt der Mediziner.

Was sagen die Befürworter der Ansiedlung von Wahl & Co. zum Thema Emissionen? Bürgermeister Klaus Besser verweist auf die Studien des Umweltbundesamtes: In den vergangenen zehn Jahren seien die Grenzwerte für Lkw bei den Partikeln um mehr als die Hälfte zurückgegangen. »In den nächsten zehn Jahren wird die Entwicklung weitergehen«, so Besser. Und Peter Petersen, Mitinitiator des Bürgerbegehrens, zitiert eine Studie des Max-Planck-Instituts von 2015, der zufolge nicht Industrie und Verkehr der Hauptgrund für Luftverschmutzung seien, sondern in Europa die Landwirtschaft, die durch Düngung und Massentierhaltung die Ausgangsstoffe für die Entstehung von Feinstaubpartikeln in die Luft bringe.

Noch kein Termin

2500 Unterschriften für die Ansiedlung von Wahl & Co. liegen derweil vor. Dass nach dem Schwung der ersten Tage nun erheblich weniger Unterschriften noch zusammenkommen, führen die Stimmensammler darauf zurück, dass das benötigte Quorum längst überschritten ist und das Bürgerbegehren in einen Bürgerentscheid münden wird. Ein Termin für diesen steht indes noch nicht fest. Das Datum Sonntag, 26. Juni, ist rein spekulativ: »Das muss der Gemeinderat entscheiden«, sagte Bürgermeister Klaus Besser gestern auf Nachfrage. Die Ratssitzung, in der das Bürgerbegehren Thema wird, ist am Mittwoch, 11. Mai, 17.30 Uhr.

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