Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock
Erinnerungsort weist in die Zukunft

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Als Armin Laschet am Freitagnachmittag die Mensa der Polizeischule in Stukenbrock-Senne betritt, steuert der NRW-Ministerpräsident direkt auf Margarete Botschen-Thombansen aus Bad Lippspringe zu. Die heute 97-Jährige war von 1940 bis 1944 Krankenwagenfahrerin im Stalag 326 und ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Sie ist eine von rund 100 Gästen, die zur Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung des Stammlagers vor 75 Jahren gekommen sind.

Samstag, 10.10.2020, 02:00 Uhr
Armin Laschet (von links), Oliver Nickel (Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag) und André Kuper vor dem Arrestgebäude, das die Ausstellung beherbergt. Foto: Monika Schönfeld

Eines der größten Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches war am 2. April 1945 von US-amerikanischen Soldaten befreit worden, die für diesen April geplante Veranstaltung war wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden.

Bewegende 90 Minuten, die in Erinnerung bleiben

Jetzt, im Oktober, wird sie nachgeholt. Es sind bewegende 90 Minuten, die den Anwesenden noch lange in Erinnerung bleiben werden. Landtagspräsident André Kuper zitiert aus dem Bericht eines US-Reporters, der schrieb, dass an jenem 2. April 1945 „9000 Männer wie Wilde um ein paar Laibe Schwarzbrot kämpften“. Schülerinnen des Gymnasiums Schloß Holte-Stukenbrock lesen aus bedrückenden Zeitzeugenberichten inhaftierter sowjetischer Kriegsgefangener. „Eindrucksvoller kann es nicht in Erinnerung gerufen werden. In den Berichten der ehemaligen Insassen spürt man, welche Gewalt und Entbehrungen sie erlitten haben“, sagt Armin Laschet und spricht von einer „schrecklichen Normalität des stillen Sterbens durch Hunger, Entkräftung und Arbeit“.

Ihr Schicksal, die Hälfte der 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen überlebte nicht, sei in der Öffentlichkeit nicht breit verankert. „Das zeigt den damaligen Vernichtungswillen. Grundlage dafür war, dass Menschen aufgehört haben, in ihrem Gegenüber einen Menschen zu sehen. Mitten im heutigen NRW wurden auch Kriegsverbrechen begangen. Ein tiefer, dunkler Schatten liegt über diesem Ort und in den müssen wir hineinleuchten“, so Laschet. „Wir sind es den Opfern aus der damaligen Sowjetunion schuldig, die in Folge mangelhafter Ernährung, Versorgung und Unterbringung sowie der ausbeuterischen Arbeitseinsätze ums Leben kamen, ihren Angehörigen und allen, die die Gräuel überlebt haben. Wir sind es aber auch uns selbst schuldig, damit wir uns bewusst bleiben, wohin Fanatismus, Verblendung und Hass führen können. In diesem Sinne weist der Erinnerungsort Stalag 326 auch in die Zukunft.“ Dass daraus eine internationale Stätte werden soll, sprach der Ministerpräsident zwar nicht explizit an, es brauche aber „starke Einrichtungen wie diese Gedenkstätte, um uns unserer eigenen Blindheit zu stellen“.

Die Verbrechen gelte es aufzuarbeiten und klar zu benennen

Die Geschichte des Stalag sei auch nach 75 Jahren noch nicht abgeschlossen und wortwörtlich „geschichtet“, sagt André Kuper. Denn nach seiner Befreiung wurde das Gelände des Kriegsgefangenenlagers in vielfältigster Weise von verschiedensten Institutionen weiter genutzt. Es sei ein Ort, „der sprachlos macht, aber uns verbietet zu schweigen. Wir haben den klaren Auftrag, die Erinnerungen an die Opfer der NS-Kriegsverbrechen und deren Leid für die Zukunft zu bewahren.“ Diese Verbrechen gelte es weiter aufzuarbeiten und klar zu benennen.

Marina Mehlis, Urenkelin des russischen Kriegsgefangenen Stepan Stepanovich Lazarew aus Moskau, der im Stalag 326 verstorben ist, schildert die persönliche Familiengeschichte. Lange Zeit galt der Urgroßvater als verschollen. Erst über eine im Internet entdeckte Personalkarte führte die Spur nach Stukenbrock-Senne. „Ich hatte meinem Großvater immer versprochen, mit ihm gemeinsam das Grab seines Vaters zu besuchen. Leider ist er im April verstorben. Ende Juni war ich dann alleine da. Das hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, mich aber auch wütend und sehr traurig gemacht“, sagt Marina Mehlis.

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