Schülerinnen und Urenkelin geben den Kriegsopfern Stimme und Gesicht
„Der Schatten wird jetzt erhellt“

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Als sich Ministerpräsident Armin Laschet am Freitag ins Goldene Buch der Stadt einträgt, befindet er sich in guter Gesellschaft derer, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen.

Freitag, 09.10.2020, 20:11 Uhr aktualisiert: 09.10.2020, 20:29 Uhr
Oliver Nickel, Geschäftsführer des Fördervereins Gedenkstätte Stalag (rechts), führt den Ministerpräsidenten Armin Laschet, den Landtagspräsidenten André Kuper und dessen Frau Monika, und die Urenkelin eines Kriegsgefangenen, Marina Mehlis und ihren Mann Christian, über die Lagerstraße zum Arresthaus. Foto: Monika Schönfeld

Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Stalag 326

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Foto: Monika Schönfeld
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Der erste Eintrag im Gästebuch der Stadt ist der der drei First Ladies Raissa Gorbatschowa, Hannelore Kohl und Christina Rau, die am 13. Juni 1989 gemeinsam den Sowjetischen Ehrenfriedhof besucht und symbolisch die Fronten aufgebrochen haben. Vor 25 Jahren besuchte Ministerpräsident Johannes Rau zum 50. Jahrestag der Befreiung die Stadt, vor fünf Jahren Bundespräsident Joachim Gauck. Und auch Laschet ist sich der Tragweite bewusst. Ins Gästebuch der Gedenkstätte schreibt er zum Ende seines Besuchs: „Ein wichtiger Ort des Gedenkens, über dem Jahrzehnte lang ein Schatten lag, der jetzt erhellt wird. Wir sind dies den Opfern schuldig und uns selbst.“

Gut gekleidete Bürger kamen am Sonntag, um uns zu begaffen. Das war eine Demütigung.

Schilderung eines Kriegsgefangenen

Schülerinnen eines Geschichtsprojekts unter der Leitung des Lehrers Christian Schwarz sind wie vor fünf Jahren beim Besuch des Bundespräsidenten dabei. Es sind Mirja Angerstein, Zoe Balzereit, Liliana Benden, Johanna Henrichs und Jennifer Kleinemas aus den Jahrgangsstufen EF bis Q2 (Oberstufe), die ein Medienprojekt in Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer des Förderverein der Gedenkstätte Stalag, Oliver Nickel, erarbeitet hatten. „Sie lesen aus den Erinnerungen von Kriegsgefangenen“, berichtet Christian Schwarz. Sie geben den Toten eine Stimme, lassen sie sprechen von der Erniedrigung, die sie im Entlausungshaus über sich ergehen lassen mussten. „Gut gekleidete Bürger kamen am Sonntag, um uns zu begaffen. Das war eine Demütigung“, sagt einer. Ein anderer war sehr geschwächt. „Es war hier leiser als im Konzentrationslager. Hier sind wir still weggestorben.“ Einer berichtet, dass eine Künstlergruppe unter den Kriegsgefangenen war, die auf Befehl für die Deutschen Zigeunerlieder singen musste. Manche hätten gebettelt und sich erniedrigt, um mehr zu essen zu bekommen. Andere ertrugen den Hunger, wollten lieber sterben. „Sterben ist wie einschlafen, wie die Fliege im Winter.“ Den Tag der Befreiung schildert ein Kriegsgefangner. Er hört ein Rasseln und den Lärm der mahlenden Panzerketten. „Die Sonne schien und der Nebel verschwand.“ Keiner der Befreiten hätte Englisch gesprochen, also schwiegen sie. Bis Beifall aufbrandete.

Meine Generation ist dafür zuständig, den Frieden zu erhalten.

Marina Mehlis, Urenkelin eines Kriegsgefangenen

Marina Mehlis (29), Urenkelin eines im Stalag Verstorbenen, berichtete vor den geladenen Gästen in der Mensa der Polizeischule, dass sie 16 war, in der zehnten Klasse, als sie im Internet die Personalkarte ihres Urgroßvaters gefunden hat. Sie hatte ihrem 1942 geborenen Großvater, der seinen Vater nie gekannt hat, versprochen, mit ihm das Grab zu besuchen. Der Großvater starb, bevor sie den Plan verwirklichen konnte. Erst dieses Jahr hat sie Ende Juni das Grab besucht. „Ich bin sicher, mein Großvater war bei mir und hat den Kriegshelden in seiner Familiengeschichte gefunden.“ Sie sagte, sie sei dankbar, dass man in Deutschland die Gräber der Toten ehemaligen Kriegsgegner dermaßen gut pflege. „Meine Generation ist dafür zuständig, den Frieden zu erhalten.“

Junge Menschen stark zu machen gegen Feinde der Demokratie, sei die Aufgabe der Gesellschaft, sagte Landtagspräsident André Kuper, der zur Gedenkstunde eingeladen hatte. „Erinnern ist kein Ritual, das ist nie abgeschlossen. Die Geschichte ist verknüpft mit der Gegenwart und mit der Zukunft unserer Enkel und Urenkel.“

Nach der Gedenkveranstaltung führte der Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326, Oliver Nickel, Armin Laschet in das Entlausungshaus, in dem auch Glasmalereiarbeiten von Studenten in Auseinandersetzung mit dem Lager stehen. Über die ehemalige Lagerstraße hat der Ministerpräsident die Ausstellung im Arrestgebäude erreicht und konnte dort sich selbst einen Eindruck von den Zellen verschaffen. Das Arrestgebäude war zu Zeiten des Sozialwerks ein Versorgungszentrum mit Einkaufsladen und Friseur – Geschichte ist an diesem Ort aufgeschichtet und zeigt nicht nur die Gräuel des Krieges, sondern auch der Kriegsfolgen Flucht und Vertreibung.

Wie sehr die Erinnerungsarbeit in Deutschland geschätzt und beobachtet wird, zeigte die Teilnahme der Generalkonsule der Russischen Föderation, der USA und des Vereinigten Königreichs, Vladimir Sedykh, Fiona Evans und Rafe Courage, Vertreter der damaligen Kriegsgegner Deutschlands, der Alliierten und anderer Ehrengäste aus Ostwestfalen-Lippe.

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Es war ein wichtiger Besuch – gerade in dieser Phase, in der es darum geht, die Finanzierung des Neubaus der Gedenkstätte Stalag 326 festzuzurren. Die Bedeutung des Ortes ist unumstritten. „Ein Ort, der sprachlos macht. Der uns verbietet zu schweigen.“

Die Schilderungen der Urenkelin eines Kriegsgefangenen zeigt, dass es auch heute noch wichtig für Familien ist, Klarheit über das Schicksal ihrer Angehörigen zu bekommen. Die Arbeit mit Angehörigen treibt den ehrenamtlichen Mitarbeitern oft die Tränen in die Augen und auch den Ministerpräsidenten bewegte die Schilderung der jungen Frau.

Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern – wie Laschet sagte – uns unserer eigenen Blindheit zu stellen. Sei es angesichts der NSU-Morde, dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, den Angriffen auf die Haller Synagoge vor genau einem Jahr oder auch angesichts rechtsextremer Chatgruppen von Polizisten.

 

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