Sebastian Pachel und Hans-Peter Retzmann überraschen in der Versöhnungskirche
Die Panflöte kann mehr als Folklore

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Folklore kann auch eine Belastung sein. Jedenfalls für die Panflöte, die die meisten Menschen mit peruanischen Musikern in Verbindung bringen, die in den Fußgängerzonen der Touristenstädte spielen. Zu Weltruhm hat Gheorghe Zamfir die Panflöte mit der rumänischen Folklore gebracht. Sebastian Pachel, der als erster Student einer deutschen Hochschule seinen Bachelor im Hauptfach Panflöte abgelegt hat, führte dem Publikum in der fast ausverkauften Versöhnungskirche auf Einladung des Kulturkreises am Sonntag die Panflöte als einfühlsames Instrument vor.

Dienstag, 08.09.2020, 06:00 Uhr
Hans-Peter Retzmann an der Orgel (links) und Sebastian Pachel an der Panflöte haben in dieser außergewöhnlichen Instrumental-Kombination ein aufregendes und erstaunliches Konzert in der Versöhnungskirche gegeben. Foto: Monika Schönfeld

Wegen der erforderlichen Corona-Abstände konnten nur etwas mehr als 70 Zuhörer dem Konzert mit Sebastian Pachel und Hans-Peter Retzmann an der Orgel zuhören. Einige Zuhörer hatten sich absichtlich nach hinten gesetzt, weil sie meinten, dass sie die durchdringenden Töne der Panflöte nicht mehr als eine Stunde aushalten. Sie alle wurden überrascht. Und das zeigten sie auch. Zum Schluss applaudierten sie lange und standen auf, um Respekt und Anerkennung zu zeigen.

Retzmann hatte die Idee zum Panflöte-Orgel-Konzert

Sebastian Pachel übernahm die Aufgabe, die Zuhörer an die Werke heranzuführen. Hans-Peter Retzmann, seit 2012 Kantor an der St.-Johannes-Baptist-Kirche in Delbrück und Dozent für Musikwissenschaft an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, hatte er im August 2019 bei den Delbrücker Kulturtagen kennengelernt. Damals trat Pachel an der Panflöte gemeinsam mit einem Harfenisten auf. Retzmann hatte dann die Idee, ein gemeinsames Panflöte-Orgel-Konzert zu geben. Dann kam Corona dazwischen, so dass es bis Sonntag dauerte, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Einstieg mit Vivaldi

Mit Vivaldis Flötenkonzert stiegen die Musiker ein. Gleich dem zweiten Komponisten, Gabriel Fauré, der eigentlich durch Vokalmusik bekannt wurde und nur außerhalb Frankreichs als Instrumentalkomponist galt, huldigte die Panflöte einfühlsam „Après un reve“ (nach einem Traum). Die Totenmesse für seine eigene Beerdigung hat Fauré selbst geschrieben. Sie zeichnet ein friedvolles Bild des Todes und wechselt vom traurigen Moll in ein fröhliches Dur.

Sagenhaftes Stück von Pergolesi

Giovanni Battista Pergolesi wurde nur 26 Jahre alt, hat allerdings wie Pachel berichtete, es zu einem Nachruhm geschafft, der mit dem von Bach und Mozart vergleichbar sei. Aus seinem Flötenkonzert in G-Dur hörten die Gäste Spirituoso, Adagio und Allegro spirituoso. Das sagenhafte Stück sorgte für lang anhaltenden Applaus.

„Hänschen klein“ auf einem „Röhrchen“

Panflöte kennt jeder. Sebastian Pachel stellte seine rumänische Flöten aus Bambus- oder Holzröhrchen vor, die in G-Dur gestimmt sind. Im Gegensatz dazu hat die südamerikanische Panflöte keine Tonleiter wie wie rumänische. Sie ist wie ein Floß gebaut. Die Töne werden erzeugt, indem man mehrere Röhrchen gleichzeitig anbläst. Auch die chinesische Panflöte hat jeder schon mal gehört, der einen Film gesehen hat, der in China spielt. Die Bambusröhrchen sind um eine Kugel angeordnet. Halbtöne, so lernt man, werden erzeugt, indem die Unterlippe die Öffnung teilweise abdeckt. Dass man auch nur mit einem „Röhrchen“, zum Beispiel einer Flache, ein ganzes Lied spielen kann, ließ Pachel mit dem Kinderlied „Hänschen klein“ hören – zur Belustigung des Publikums.

Eine Zäsur, die die Ohren durchpustet

Hans-Peter Retzmann hatte die Orgel die ganze Zeit gezügelt und sich als Begleiter oder gleichrangiges Instrument neben der Panflöte positioniert. Einmal in einem solchen Konzert muss die Orgel allerdings auf den Thron steigen, der ihr als Königin der Instrumente zusteht. Mit voller Wucht, raumgreifend, die Schallklappen weit geöffnet, schwingt sich das Instrument zu Théodore Dubois Toccata im Solo auf. Als ob die Musik entfesselt ist, lässt sie außer ihrem Klang nichts anderes mehr im Kirchenraum zu. Eine Zäsur, die die Ohren durchpustet, bevor die zarten Töne des „A Chloris“, eine Bach-Adaption von Reynaldo Hahn, die Romance des norwegischen Geigers Johann Svendsen und die Cantiléne von Josef Rheinberger alle eventuellen Vorurteile gegen die Panflöte ein für allemal ausräumen.

Das Publikum war dermaßen überwältigt, dass es sich nicht traute, eine Zugabe zu fordern. „Wir können auch gehen, wenn Sie wollen. Aber wir hätten da noch was.“ Ein rumänisches Liebeslied und ein Kreistanz in der Art eines Gheorghe Zamfir spielten die beiden Musiker – und selbst das klang nicht wie Folklore.

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