Kindergärten haben am Mittwoch den „eingeschränkten Regelbetrieb“ aufgenommen
„Familien am Ende ihrer Kräfte“

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Gestern noch systemrelevant, heute nicht mehr: Die Kindergärten haben am Mittwoch den eingeschränkten Regelbetrieb aufgenommen. Was das heißt, erklärt Susann Nürnberger, Leiterin der AWO-Kindertagesstätte am Habichtweg.

Mittwoch, 08.07.2020, 19:02 Uhr aktualisiert: 08.07.2020, 19:04 Uhr
In der AWO-Kindertagesstätte am Habichtweg tummeln sich zurzeit 43 Kinder. Elf Schulkinder sind verabschiedet, die anderen in Urlaub, sagen (von links) Silke Mühlenweg, Susann Nürnberger und Justin Noah Boese mit Nina, Vera, Nadja und Tom. Foto: Monika Schönfeld

„Eingeschränkt heißt, dass jedes Kind zehn Stunden weniger pro Woche in den Kindergarten kommen darf, als die Eltern gebucht haben. Für eine Pflegekraft, die ihr Kind in der Notbetreuung hatte, bedeutet das jetzt, dass sie Klimmzüge machen muss, um ihre Arbeitszeiten mit den Kindergartenzeiten abzustimmen. Systemrelevante Berufe haben keine Vorteile mehr.“ Die Eltern helfen sich gegenseitig, was aber auch zu absurden Situationen führt. „Die Gruppen dürfen sich im Kindergarten nicht begegnen. Aber wenn eine Mutter drei Kinder aus verschiedenen Gruppen mitnimmt, haben die Kinder doch Kontakt. Wie soll ich denn Kindern erklären, dass sie im Kindergarten nicht miteinander spielen dürfen?“

Den zweiten Lockdown fanden Eltern und Kinder nicht mehr lustig. Bis dahin hatten die Eltern das seit Mitte März gewuppt.

Susann Nürnberger

Diese Art eingeschränkten Regelbetriebs hat die AWO-Kita anderthalb Wochen vor dem zweiten Lockdown schon geprobt. „Den zweiten Lockdown fanden Eltern und Kinder nicht mehr lustig. Bis dahin hatten die Eltern das seit Mitte März gewuppt. Auch Eltern, die ihre Kinder hätten in die Notbetreuung schicken dürfen, haben sich anders beholfen.“ Beim zweiten Lockdown habe es Tränen bei den Kindern gegeben. Ein Junge hatte sich darauf gefreut, am nächsten Tag gemeinsam mit seinen Kindergartenfreunden Geburtstag zu feiern.

Eltern fassungslos

„Die Eltern waren fassungslos.“ Susann Nürnberger versteht die Eltern, die sich der Elterninitiative angeschlossen haben, um im Kreis darauf hinzuweisen, dass die Schwerpunktsetzung nicht stimme. „Es kann ja nicht sein, dass Fitness-Studios öffnen und die Bundesliga spielen darf, den Kindern aber der Kindergarten verwehrt wird.“ Eltern seien vor allem am ständigen Hin und Her verzweifelt. „Die Familien sind am Ende ihrer Kräfte.“

Susann Nürnberger sagt, auch sie sei jetzt urlaubsreif. „Pausenlos gab es Änderungen. Ich habe Verordnungen vom Kreis, vom Ministerium, vom Jugendamt und vom Träger bekommen, teilweise bis zu 40 Seiten. Bei manchen Dingen musste man sich schon fragen, ob das sinnvoll ist. Viele Verordnungen, aber keine Umsetzungshilfen. Wir mussten selbst kreativ werden.“

43 Kinder waren am Mittwoch in den vier Gruppen da. Elf künftige Schulkinder konnten die Erzieher gerade noch angemessen verabschieden. „Wir haben ein schönes Fest im Außenbereich gemacht. Wir hatten Glück. Als wir es gerade beendet hatte, kam die Anweisung, dass wir das nicht mehr dürfen.“ Einige Kinder sind mit ihren Eltern im Urlaub, erst nach den Sommerferien wird es dann wieder mit 65 weitergehen.

Viele Eltern haben ihren Urlaub bereits aufgebraucht, um ihre Kinder zu betreuen, weil Schule und Kindergarten lange geschlossen waren.

Susann Nürnberger

„Wir haben keine Schließzeiten, aber die Mitarbeiter haben natürlich auch Urlaub, gerade in den Sommerferien, da normalerweise auch viele Kinder mit ihren Eltern im Urlaub sind. Das ist dieses Jahr nicht so. Denn viele Eltern haben ihren Urlaub bereits aufgebraucht, um ihre Kinder zu betreuen, weil Schule und Kindergarten lange geschlossen waren.“ Das bedeute wiederum für die Kindergärten, dass jetzt Personal fehle. „Der Träger schickt uns eine Urlaubsvertretung. Außerdem habe ich einen Alltagshelfer beantragt, den das Land bezahlt.“ Der oder die soll den Mehraufwand ausgleichen, der mit der Desinfektion und den Hygienebestimmungen anfällt. „Der Alltagshelfer ist eine ungelernte Kraft, der für 30 Stunden die Woche bis zum 31. Dezember 2020 vom Land bezahlt wird“, sagt Susann Nürnberger.

Die Kinder, die die AWO-Kita am Habichtweg besuchen, sind es gewohnt, dass sie spielen können, wo sie wollen, auch andere Gruppen besuchen. Das gehört zum besonderen Konzept, das auf Partizipation und Selbstbestimmung setzt. Das ist jetzt nicht möglich. Die vier Gruppen sind getrennt. Jede hat einen eigenen Eingang in den Kindergarten. Im Haus, aber auch draußen, dürfen sich die Gruppen nicht mischen. „Das funktioniert, weil wir das Sportgelände des VfB Schloß Holte mitnutzen können, weil wir eine Kooperation mit dem Verein haben. So bleiben zwei Gruppen im Außengelände, zwei gehen auf den Sportplatz.“ Die Kinder gehen mit den neuen Regeln gut um, hatten überhaupt keine Eingewöhnungszeit nötig. „Sie sind glücklich, dass sie wieder miteinander spielen können.“

Mit „Klim Bims“

Mitte März haben Erzieher und Eltern in einer gemeinsamen Aktion das Außengelände mit „Klim Bims“ erweitert, einer Anlage mit verschiedenen Hölzern, Dosen, Löffeln und einer Harfe, die klingen. Entstanden ist außerdem eine „Baustelle“, in der die Kinder buddeln können, und die „Tankstelle“ für den „Fuhrpark“.

Kurzarbeit gab es nur für die Küchenkräfte. Für die Notbetreuung wurden Erzieher gebraucht, die anderen waren im Home-Office. „Wir haben die Bildungsdokumentation gepflegt, telefonische Entwicklungsgespräche mit den Eltern geführt und auch Kennenlern-Gespräche mit den Neuen, die demnächst in den Kindergarten kommen. Für die haben wir ein Heft zusammengestellt, in dem sich die Erzieher, die Gruppe und die Spielsachen vorstellen. Wir haben die Familien besucht und das Heft draußen übergeben.“ Außerdem haben die Erzieher Kontakt mit Eltern und Kindern via E-Mail und kleinen Videos gehalten, die sie gedreht haben. „Wir haben gezeigt, wie es im Haus aussieht, sind durch alle Räume gegangen. Der Teddy war das Kind, das sieht, was jetzt alles anders ist. Das hat den Kindern geholfen zu verstehen, was passiert. Die Rückmeldung von den Eltern war positiv.“

Tag der offenen Tür online

Nach den Sommerferien wird der Tag der offenen Tür vorbereitet. Im November soll „Kivan“, das elektronische Anmeldesystem zum Kindergarten, auch in Schloß Holte-Stukenbrock eingeführt werden. „Ich möchte, dass sich die Eltern bewusst für unseren Kindergarten entscheiden, weil wir dieses besondere Konzept haben.“ Allerdings wird das wohl ein Tag der offenen Tür, der via Internet stattfindet. „Wir werden einen Rundgang durch die Kita filmen und erklären, was wir machen und wer wir sind. So lehrt uns Covid 19, neue Wege zu gehen.“

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