Initiative schreibt Brandbrief an den Landrat und erzielt damit sofort einen Erfolg
Eltern reißt der Geduldsfaden

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Fast vier Monate haben sie alles ertragen. Die Nachricht, sie könnten ihre Kinder erst nach den Sommerferien wieder in den Kindergarten schicken, bringt das Fass zu Überlaufen. Mehr als 200 Eltern wenden sich gegen die Einschränkungen durch das Coronavirus , deren Ende nicht absehbar ist. Einen entsprechenden Brandbrief haben sie Landrat Sven-Georg Adenauer geschickt.

Freitag, 26.06.2020, 18:09 Uhr aktualisiert: 26.06.2020, 18:12 Uhr
Setzen sich für Eltern ein: Michaela Baumgart (links) mit Lena und Paula und Alexandra Wittke mit Pauline. Foto: Monika Schönfeld

Bürgermeister Hubert Erichlandwehr unterstützt die Eltern. „Sie haben sich erfolgreich gewehrt. Jetzt gibt es eine neue Verfügung, wonach die Kindergärten nur bis 3. Juli geschlossen sind. Danach soll es mit den in den Sommerferien üblichen Öffnungszeiten weitergehen.“

Eltern am Ende

Die Eltern sind am Ende ihrer Geduld. „Mit großem Unverständnis haben die Familien die Entscheidung des Kreisjugendamts, die Kita-Notbetreuung bis einschließlich 11. August fortzusetzen, aufgenommen“, so die Sprecherinnen der Initiative, Alexandra Wittke und Michaela Baumgart.

Dieses Datum sei nie kommuniziert worden, sondern beruhe auf einem Missverständnis, so die Leiterin des Kreisjugendamts, Birgitt Rohde. „Die Allgemeinverfügung ist als flexibles System anzusehen. Die Ferien- und Notbetreuung wird an das Infektionsgeschehen angepasst“, sagt Beate Behlert, Sprecherin der Kreisverwaltung Gütersloh. Alle Jugendämter des Kreises Gütersloh handhabten das so. Offenbar war das Missverständnis dadurch entstanden, dass man die Formulierung „bis nach den Sommerferien“ aus der Verfügung für die Schulen auch für die Kindertagesstätten übernommen hatte.

Alexandra Wittke und Michaela Baumgart haben dafür kein Verständnis. „Es kann doch nicht sein, dass das Jugendamt solch schlechte Informationspolitik betreibt, wenn die Eltern sowieso schon alle auf dem Zahnfleisch gehen.“

„Mütter und Väter haben sich seit Beginn der Corona-Pandemie im März über das Maß hinaus umorganisieren müssen, um die Betreuung ihrer Kinder zu gewährleisten. Nicht wenige nehmen aufgrund von mittlerweile fehlenden Urlaubstagen bereits unbezahlten Urlaub. Eine Vielzahl der Familien ist damit bereits jetzt in finanzielle Schieflage geraten, viele haben Existenzsorgen. Andere versuchen derzeit im Homeoffice ihrer Arbeit, ihren Kindern und den weiteren Anforderungen des Alltags irgendwie gerecht zu werden“, so Wittke und Baumgart.

Mehrfache Belastung

„Die Kinder des Kreises, unabhängig davon ob sie in die Kitas oder zur Schule gehen, haben in den vergangenen Wochen erfahren müssen, dass ihre Bedürfnisse und Rechte der Politik offenbar nicht wichtig sind. Sie wurden als erstes von den Maßnahmen wie dem zweiten Lockdown getroffen und müssen erneut ihren regulären Tagesablauf aufgeben – von einem Tag auf den anderen.“ Erst sei festgestellt worden, dass Kinder keine Infektionsträger seien, dann konnten sie am Montag wieder in die Schule und in den Kindergarten und am Donnerstag war alles wieder geschlossen. „Das bekommen selbst Kinder mit, dass hier viel falsch läuft.“ Und bei der Mehrfachbelastung gebe es inzwischen Familien, „in denen es richtig brennt“.

„Die Kommunikation des Krisenstabes des Kreises sprach von Beginn an dafür, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Maßnahme handelt, die im Rahmen des Lockdowns zunächst bis zum 30. Juni 2020 befristet sei.“ Die Eltern finden, dass eine Öffnung der Kitas nur zur Notbetreuung weder sachlich noch inhaltlich zu vertretbar sei und in keinem Verhältnis zum aktuellen Infektionsgeschehen stehe. „Wie werden die Familien, vor allem finanziell, über diesen Zeitraum entlastet?“ Die prekäre Situation bei Tönnies werde auf dem Rücken der Familien, insbesondere der Kinder ausgetragen. Es könne nicht sein, dass die Interessen der Wirtschaft über das Wohl der Familien und der Kinder im Kreis gestellt werden.

„Wir werden außerdem weitere Städte und Gemeinden im Kreis auffordern, sich uns anzuschließen und für das Wohl der Familien und Kinder zu kämpfen und uns wieder eine Stimme zu geben“, so Alexandra Wittke und Michaela Baumgart. Offenbar ist das inzwischen passiert. Auch in anderen Städten des Kreises formieren sich die Eltern. 

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Überfällig ist die Elterninitiative, die auf die Situation in den Familien hinweist. Meist sind es die Mütter, an denen die Kinderbetreuung hängen bleibt. Gern wird ihnen auch Homeoffice als Lösung angeboten. Klar, da soll die Frau im Home-Schooling die Schulkinder begleiten, die Kindergartenkinder beschäftigen, am Computer die Arbeit leisten, die Geld einbringt. Klingt klasse, ist aber nur mit übermenschlichen Kräften zu leisten. Und wehe, Frau ist allein erziehend – was diese Frauen leisten, geht an die Grenze ihrer Gesundheit. Die Gefahr, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte zusammenzubrechen, ist erschreckend hoch. 

Gleich zu Beginn der Pandemie hätte hier eine Alternative greifen müssen. Nur eine Notbetreuung für die Eltern, die in den systemrelevanten Berufen arbeiten, ist zu kurz gesprungen.

Endlich äußern sich Eltern öffentlich. Denn es reicht nicht, sich auf den Balkon zu stellen und zu klatschen – das reicht nicht für Ärzte, nicht für Pflegepersonal, nicht für Eltern. Es reicht auch nicht, Verständnis aufzubringen oder mit „keine Panik“ aufzumuntern.

Das Virus hat die Macht, Frauen in die 70er-Jahre zurück zu katapultieren, weil sie sich – natürlich – um ihre Kinder kümmern und dafür auf alle Errungenschaften der Emanzipation verzichten müssen.

 

 

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