Melanie Becker (46) aus Oerlinghausen überstand die Infektion und wirbt für das Einhalten der Regeln
Meine Zeit mit Corona

Schloß Holte-Stukenbrock/Oerlinghausen (WB). Wer leugnet, dass es das Virus gibt, dem Staat vorwirft, etwas zu vertuschen, der Pharmaindustrie unterstellt, die Pandemie absichtlich herbeigeführt zu haben – der bringt Melanie Becker auf die Palme.

Freitag, 01.05.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 08:02 Uhr
Diplom-Kauffrau und Fitnesstrainerin Melanie Becker hat die Corona-Infektion überstanden und steht hinter den Vorsichtsmaßnahmen. Foto: Schönfeld

„Ich kommentiere Verschwörungstheorien und anderen Quatsch auf Facebook eigentlich nicht. Beim Thema Corona verstehe ich aber keinen Spaß.“ Die 46-jährige Diplom-Kauffrau für öffentliche Verwaltung hat die Erkrankung hinter sich. Und zwar in so heftiger Ausprägung, dass sie fast auf der Intensivstation gelandet wäre.

Melanie Becker arbeitet im Fachbereich Tiefbau und Umwelt bei der Stadtverwaltung Schloß Holte-Stukenbrock und hatte am 9. März mit zehn Kollegen, darunter auch Bürgermeister Hubert Erichlandwehr, an einer Besprechung mit einem Anwalt aus Düsseldorf teilgenommen. „Der hustete die ganze Zeit. Ich habe noch gedacht, dass der ja aus der Nähe von Heinsberg kommt, der Stadt, die damals schon in den Schlagzeilen war.“

Am Ende der Woche teilte der Anwalt den Schloß Holte-Stukenbrockern mit, dass er positiv auf Corona getestet worden sei – so, wie die ganze Reisegruppe, mit der er im österreichischen Ort Ischgl zum Skifahren war.

Schwere Beschwerden

„Alle Teilnehmer der Besprechung wurden in Quarantäne geschickt. Wir mussten überlegen, mit wem wir im Laufe der Woche Kontakt hatten. Das waren ganz schön viele – Kollegen, aber auch Menschen außerhalb der Arbeit.“ Melanie Becker bekam leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Husten, Schnupfen, Übelkeit – „das volle Programm, aber alles leicht“. Als so genannte Kontaktperson erster Kategorie fuhr sie ins Diagnosezentrum nach Detmold. „Alle arbeiteten dort im Schutzanzug mit Masken und Handschuhen. Es war ein Bild wie aus Katastrophenfilmen. Da wurde einem schon mulmig.“

Melanie Becker wohnt im benachbarten Oerlinghausen, so dass das Gesundheitsamt des Kreises Lippe für sie zuständig ist. „Ich musste alle Symptome ankreuzen und wurde sofort zum Arzt geschickt.“ Quarantäne wurde angeordnet, der Test war dann auch positiv. Aus den leichten Beschwerden wurden schwere. „Ich bin körperlich topfit und arbeite nebenbei als Fitnesstrainerin. Ich war seit 30 Jahren nicht krank. Aber jetzt bekam ich Fieber, Schüttelfrost und Herzrasen. Ich hatte einen Ruhepuls von 130. Ich war kurz davor, den Notruf zu alarmieren. Aber ich wollte nicht ins Krankenhaus.”

Melanie Becker lebt allein. „Ich fühlte mich isoliert, wie in einer Kapsel. Das ist bestimmt auch zu zweit schwer. Aber allein, das ist hart, eine ganz andere Hausnummer. Ich habe Nachrichten geguckt, das war unwirklich, so weit weg von mir.“ Sie habe viel im Internet bestellt, ihr Vater sei mehrfach aus Osnabrück gekommen und habe ihr etwas vor die Tür gestellt. „Er hat eine Vorerkrankung und durfte auf keinen Fall Kontakt mit mir haben.“

Rückfall

Als sehr positiv habe sie die Anrufe des Psychosozialen Dienstes empfunden. „Sie fragten häufig nach, wie es mir geht.“ Die meiste Zeit habe sie im Bett verbracht. „Ich war richtig krank. Dazu kommt, dass mir der Kontakt mit anderen Menschen fehlte. Telefonieren wurde auf einmal wieder wertvoll.“ Und als sie schon dachte, sie habe es überstanden, bekam sie einen Rückfall.

Nach der Quarantäne kamen Mitarbeiter des Gesundheitsamts zum Test zu ihr nach Hause. „Am Mittwoch, dem 1. April, bekam ich die Nachricht, dass der Test negativ sei. Ich hatte aber noch immer Symptome. Dass ich wieder raus darf, habe ich mir deshalb schriftlich bestätigen lassen. Aus Angst, ich könnte doch noch andere anstecken.“

Nicht gleichzusetzen mit Grippe

Melanie Becker meint, es sei vielleicht nicht alles richtig, was die Regierung gegen die Pandemie unternehme. „Aber Abstand zu halten, eine Gesichtsmaske zu tragen und beim Einkaufen einen Einkaufswagen zu benutzen, schränkt doch meine persönliche Freiheit nicht ein. Wenn in Berlin 500 Leute mit einer Demo gegen den Staat revoltieren, halte ich das für unangebracht. Ich habe die ersten zehn Jahre meines Lebens in der DDR verbracht – das, was wir zurzeit erleben, hat mit dem Regime von damals aber auch nicht das Mindeste gemein.“

Sie empfehle, sich nach allen Seiten zu informieren. „Das Virus ist aber bestimmt nicht gleichzusetzen mit einer Grippe.“ Das hätten auch die Krankheitsverläufe der Kollegen in der Stadtverwaltung gezeigt. „Das hat uns hier sensibilisiert.“

Melanie Becker versteht, dass viele den Ernst der Situation nicht begreifen. „Auch für mich war das erst real, als ich es hatte.“ Deshalb spricht sie gern darüber, auch mit Bürgern am Telefon. „Einer hat sich bei mir bedankt, dass ich ihm erzählt habe, wie es mir dabei ging.“ Auch Freunde reagierten betroffen: „Du bist die erste, die ich kenne, die das Virus hat.“

Melanie Becker appelliert an alle, daran zu arbeiten, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. „Klar, Schichtarbeit ist unbequem, im Home-Office fehlt der Kontakt mit den Kollegen. Aber ich bin jetzt tiefenentspannt. Die Unannehmlichkeiten sind alle nicht mehr so wichtig.“

Fronten verhärten sich

Sie merkt aber auch, dass die Stimmung kippt. Die Pandemie habe mit der Hilfsbereitschaft das Gute im Menschen offenbart, aber auch das Schlimmste. „Da werden Kinder von Fremden im Supermarkt angeschrien oder Leute bespuckt. Die Fronten verhärten sich.“

Sie erinnert aber daran, dass es andere wirklich hart trifft – die Familie, die auf engstem Raum mit Kindern lebt, ohne Garten, ohne Balkon; die Menschen, die ihren Job nicht mehr haben und damit auch kein Geld; Unternehmen, die pleite gehen. „Dafür sollten wir Lösungen finden. Ich denke, dass die Leute all ihre Energie besser auf Rücksichtnahme und Zusammenhalt verwenden sollten als darauf, nach irgendwelchen Ungereimtheiten oder möglichen Verschwörungen im Zusammenhang mit Corona zu suchen.“

Plasmaspende

„Ich habe mich nach meiner Erkrankung für eine mögliche Plasmaspende beim Herz- und Diagnosezentrum in Bad Oeynhausen gemeldet. Am Montag habe ich einen Termin zur Erstuntersuchung. Vielleicht sollten die mittlerweile Genesenen überlegen, sich auch für eine solche Plasmaspende zu melden“, sagt Melanie Becker. Steckt sich jemand mit dem Coronavirus an, bildet sein Immunsystem passgenaue Antikörper, die den Erreger im besten Fall neutralisieren. Auch wenn das Virus besiegt und nach einer Weile aus dem Körper verschwunden ist, bleiben die Antikörper erhalten. Sie schwimmen im Blutplasma und bilden eine Art Immungedächtnis. Ärzte wollen Plasma von Patienten, die die Krankheit durchgemacht haben, Infizierten spritzen. Deren Körper bekommt damit beim Kampf gegen das Virus Unterstützung. Man spricht von einer passiven Immunisierung, weil der Körper des Patienten – im Gegensatz zu einer Impfung – dadurch nicht selbst lernen muss, die Antikörper herzustellen, sondern sie sozusagen geschenkt bekommt.

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