Befreiung des Stalag 326 jährt sich zum 75. Mal
Das Ende des Grauens

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Sie sahen aus wie von den Toten auferstanden: verwahrloste Männer, abgemagert, krank, schmutzig, gehalten wie Tiere. Was die Soldaten der zweiten US-amerikanischen Panzerdivision am 2. April 1945 am Rande des Truppenübungsplatzes in Stukenbrock vorfanden, ließ ihnen den Atem stocken. An diesem Tag wurde das größte Lager der Wehrmacht für sowjetische Kriegsgefangene und Verschleppte im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches befreit.

Mittwoch, 01.04.2020, 10:51 Uhr aktualisiert: 01.04.2020, 11:54 Uhr
Das amerikanische Pressefoto zeigt den Tag der Befreiung des Stalag 326 in Stukenbrock-Senne am 2. April 1945 durch die US-Amerikaner. 2015 hat Bundespräsident Joachim Gauck den Auftrag erteilt, das Schicksal der Menschen aus dem Erinnerungsschatten zu holen. Foto: Archiv der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne

In der Zeit zwischen 1941 und 1945 durchliefen etwa 300.000 Gefangene das „Stalag 326“ zur Musterung von Zwangsarbeit im Ruhrbergbau, auf Höfen und in Fabriken. Schätzungen zufolge starben bis zu 65.000 aufgrund der katastrophalen Lagerbedingungen, in dem nah gelegenen Lazarett Staumühle (Hövelhof, Kreis Paderborn) und den Arbeitskommandos. Die Toten wurden in Massengräbern einen Kilometer entfernt verscharrt – auf dem heutigen Sowjetischen Ehrenfriedhof.

Ein starkes Symbol: Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck Hand in Hand mit dem ehemaligen Kriegsgefangenen Lev Frankfurt (links) und Alexander Basanov aus Kalmückien, der das Grab seines Vaters auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof gefunden hat.

Ein starkes Symbol: Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck Hand in Hand mit dem ehemaligen Kriegsgefangenen Lev Frankfurt (links) und Alexander Basanov aus Kalmückien, der das Grab seines Vaters auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof gefunden hat. Foto: Matthias Kleemann

Nach den Juden waren sowjetische Kriegsgefangene mit mehr als drei Millionen Toten die zweitgrößte Opfergruppe der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Diese „vergessene Gruppe“ aus dem Erinnerungsschatten zu holen, ist der Auftrag, den vor fünf Jahren der damalige Bundespräsident Joachim Gauck erteilt hat. Er war zum 70. Jahrestag des Kriegsendes zur Gedenkveranstaltung in Stukenbrock und hat die erste der Stelen enthüllt, die die Namen der bisher knapp 16.000 identifizierten Toten tragen.

1941: Auf dem Gelände in Stukenbrock-Senne mussten sich die Kriegsgefangenen Erdhöhlen graben, um ein wenig Schutz vor der Witterung zu finden. Baracken wurden erst Monate später von der Wehrmacht gebaut.

1941: Auf dem Gelände in Stukenbrock-Senne mussten sich die Kriegsgefangenen Erdhöhlen graben, um ein wenig Schutz vor der Witterung zu finden. Baracken wurden erst Monate später von der Wehrmacht gebaut. Foto: Archiv der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne

„Es gab einige Projektteams, die bereits in den 1990er-Jahren zu den sowjetischen Kriegsgefangenen geforscht haben. Im Expo-Jahr 2000 haben wir versucht, den Bekanntheitsgrad des Stammlagers aufzuwerten“, sagt Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag. Während die Gräueltaten in Konzentrationslagern bekannt sind, weiß kaum jemand etwas über die Kriegsgefangenenlager. »Die Bedingungen in dem Lager haben sich eigentlich nicht sehr von denen in einem KZ unterschieden«, sagt Oliver Nickel. Auf dem Papier war das Stalag 326 (VI K) ein Kriegsgefangenenlager. Es unterstand nicht der SS, wie die Konzentrationslager, sondern der Wehrmacht. Es war auch kein Vernichtungslager, wie zum Beispiel Auschwitz, wo die Juden in die Gaskammern geschickt wurden. „Ich habe aber mit ehemaligen Gefangenen gesprochen, die sagten: ‚Was für die Juden Auschwitz war, war für uns Stukenbrock‘“, erzählt Nickel.

Historiker Oliver Nickel zeigt die Schuhe, die im Jahr 2010 auf dem Areal beim Bodenaushub für das Trainingszentrum der Polizei gefunden wurden. Neun Jahre später sind sie für die Ewigkeit konserviert worden.

Historiker Oliver Nickel zeigt die Schuhe, die im Jahr 2010 auf dem Areal beim Bodenaushub für das Trainingszentrum der Polizei gefunden wurden. Neun Jahre später sind sie für die Ewigkeit konserviert worden. Foto: Monika Schönfeld

Seit 1996 gibt es die Dokumentationsstätte Stalag 326 im Arrestgebäude des ehemaligen Lagers, am Original-Schauplatz. Denn das Gelände des Stalag war nach dem Krieg zwei Jahre lang Internierungslager für Wehrmachtsoffiziere, von 1948 bis 1970 wurden die alten Baracken weiter genutzt, um hier Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten aufzunehmen, später DDR-Flüchtlinge und Spätaussiedler. Das „Sozialwerk Stukenbrock“ wurde von verschiedenen Organisationen getragen, hatte Kinder- und Altenheime, Theater, Geschäfte und war damit eine Stadt innerhalb der Stadt. 1970 ist die Bereitschaftspolizei eingezogen, heute ist das Gelände „Polizeischule“ – der offizieller Name lautet Landesamt für Aus- und Fortbildung der Polizei und Personalangelegenheiten NRW. Die Hoheit der Polizei auf dem Gelände schützt die Gedenkstätte, macht sie aber auch schwer zugänglich.

Die Professoren Jasper Jochimsen (von links) und Tillmann Wagner mit Landtagspräsident André Kuper, den Historikern Jens Hecker und Oliver Nickel und einer Studentin, die eine Idee fürs Besucherzentrum skizziert.

Die Professoren Jasper Jochimsen (von links) und Tillmann Wagner mit Landtagspräsident André Kuper, den Historikern Jens Hecker und Oliver Nickel und einer Studentin, die eine Idee fürs Besucherzentrum skizziert. Foto: Monika Schönfeld

Um die Gedenkstätte Stalag 326 zu einem internationalen Bildungs- und Begegnungsort zu entwickeln, hat sich nach dem Gauck-Besuch ein Lenkungskreis unter der Leitung des Landtagspräsidenten André Kuper gebildet. Das Land Nordrhein-Westfalen, die Landeszentrale für politische Bildung und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als obere Denkmalbehörde und Museumsträger wollen die kleine und bisher überwiegend ehrenamtlich geführte Gedenkstätte ausbauen. Der Förderverein der Gedenkstätte hat gemeinsam mit der Polizei und Privatleuten einen Fundus von Gegenständen wie Strohkörbchen und geschnitzten Holzlöffeln gesammelt, die die Kriegsgefangenen angefertigt haben, um sie gegen Brot zu tauschen. Es gibt Filmmaterial, Fotos, die der Lagerarzt gemacht hat, aber auch bei Bauarbeiten im Aushub gefundene Schuhe, Blechnäpfe, Löffel. Diese Fundstücke aus Ausgrabungen haben Archäologen des Landschaftsverbandes vergangenes Jahr dokumentiert.

Angelaufen ist die wissenschaftliche Aufarbeitung mit ei­nem Symposium und dem inzwischen dritten Workshop. Parallel ist eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben worden. Die Technische Hochschule OWL hat eine Synopse geliefert, Masterstudenten haben 2019 Ideen für ein Besucherzentrum auf dem Gelände vorgestellt. Das soll die denkmalgeschützten Gebäude (Arrestgebäude, Entlausung, Lagerkirche, Lagerstraße und Sozialwerksbaracken) und das historische Umfeld mit dem Bahnhof Hövelhof, dem Lazarett Staumühle, dem Russenpatt, der Waschstelle an der Ems mit dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter einbeziehen.

Bis zum 31. Juli soll der Antrag auf eine Anschubfinanzierung des Bundes gestellt sein. Bis Ende des Jahres geht es um eine neue Trägerstruktur, an der sich Stadt, Kreis, Land und Bund beteiligen, in der der Förderverein der Gedenkstätte aber einen festen Platz behalten wird. Infos im Internet unter der Adresse www.stalag326.de .

Lernen am historischen Ort

Jugendliche gehen heute ganz anders an die Geschichte heran. In der Gedenkstätte Stalag 326 haben sie die Möglichkeit, am historischen Ort zu arbeiten, an den Quellen selbst – nicht nur anhand von Erkenntnissen aus zweiter Hand. 2016 hat die damalige NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann die Gedenkstätte besucht und Bildungspartnerschaften mit Gedenkstätten als wichtigen Baustein bezeichnet, die Erinnerungskultur in NRW zu stärken und jungen Menschen an den Originalschauplätzen ein ganz besonderes Gefühl für Geschichte und damit auch für Verantwortung zu geben.

Schüler der Gymnasien Schloß Neuhaus (Paderborn) und Schloß Holte-Stukenbrock initiieren Projekte vor Ort, arbeiten Themen medial auf. Medienpädagogisch ist auch die Bildungsstätte Haus Neuland (Bielefeld) beteiligt. Schüler haben auch Zeitzeugen interviewt, die berichten, wie sie das Lager wahrgenommen haben. Das Institut für westfälische Regionalgeschichte im Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat Podcasts zur Geschichte des Stalag unter dem Titel „Regionalgeschichte auf die Ohren“ zum Anhören und Abonnieren bereitgestellt. Internetadresse: www.lwl-regionalgeschichte.de

Arbeit mit den Angehörigen

Die Arbeit mit den Angehörigen stellt einen Hauptteil der Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter dar. Seit Ende des Kalten Krieges und Öffnung der Moskauer Archive sind anhand der Personalkarten Aussagen über den Verbleib der Kriegsgefangenen möglich. Knapp 16.000 Namen der Toten auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof konnten ermittelt werden. In vielen Fällen ist es möglich, die Massengrabreihe zu bestimmen, in der die Toten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Etwa 100 Anfragen bekommen die Mitarbeiter der Gedenkstätte pro Jahr. Ergreifende Szenen spielen sich ab, wenn Angehörige sich auf den Weg machen, um die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen zu finden. Viele können erst dann richtig trauern, wenn sie am Grab stehen. Viele bringen Heimaterde mit und verstreuen sie auf dem Grab und nehmen Erde aus Stukenbrock mit in die Heimat. Häufig stellen die Angehörigen Bilder ihrer Toten auf dem Friedhof auf.

Gedenkfeier verschoben

Ursprünglich war eine Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des Stalag 326 für diesen Samstag, 4. April, auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof geplant, die NRW-Landtagspräsident André Kuper allerdings wegen der möglichen Gefahr durch das Coronavirus abgesagt hat. Er sagte, dass geplant war, Überlebende und Angehörige einzuladen – hochbetagte Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Das wollte in der jetzigen Situation niemand verantworten. Das Gedenken soll nachgeholt werden – ein Datum steht noch nicht fest.

Im kleinen Rahmen werden an diesem Donnerstag Vertreter des Fördervereins der Gedenkstätte Stalag 326, des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock und des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ am Obelisken auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in stillem Gedenken Blumen niederlegen – unter Einhaltung des Versammlungs- und Kontaktverbotes.

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