Tagung: Internationale Gedenkstätte Stalag 326 lebt von Erinnerungsgeschichten
Historiker enthüllen Schicht für Schicht

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Dass sich unterschiedliche Interessengruppen an einen Tisch setzen, ist an sich ein Erfolg. Das sagte ein Teilnehmer des Workshops an der Universität Bielefeld, in dem es um die wissenschaftliche Begleitung einer künftig internationalen Gedenkstätte Stalags 326 geht.

Samstag, 05.10.2019, 06:45 Uhr aktualisiert: 05.10.2019, 06:50 Uhr
»Das Schicksal der 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Erinnerungsschatten holen«, so lautet der Auftrag des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der im Mai 2015 die erste Namensstele auf dem Ehrenfriedhof enthüllt hat. Foto: Matthias Kleemann

»Es gab heute deutlich weniger Besserwisserei«, sagte Martin Kollek von der Erinnerungskultur Delbrück. Das Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger in den zwei Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und die Repatriierung der sowjetischen Kriegsgefangene waren dieses Mal das Thema.

Eingeladen hatte die Regionale Arbeitsgruppe OWL Stalag 326 im Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie« Bielefeld in Kooperation mit dem Institut für westfälische Regionalgeschichte im Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Uni Bielefeld.

Mit wissenschaftlicher Begleitung

Mit der wissenschaftlichen Begleitung soll versucht werden, in einer künftigen Gedenkstätte die verschiedenen Zeitschichten abzudecken. Das Gelände am Lipp­städter Weg war von 1941 bis 1945 Deutschlands größtes Stammlager, von dem aus vor allem sowjetische Kriegsgefangene in die Zwangsarbeit in Fabriken des Ruhrgebiets oder in die Landwirtschaft vermittelt wurden. Nach der Befreiung des Lagers wurde es 1946 und 1947 als Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger genutzt.

Danach wurde es zum Sozialwerk, eine Einrichtung unterschiedlicher Träger, die die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten aufgenommen hat. Später kamen DDR-Flüchtlinge und Spätaussiedler dazu. Bis 1970 gab es das Sozialwerk. Danach zog die Bereitschaftspolizei ein. Heute wird das Gelände als Polizeischule genutzt (Landesamt für Aus- und Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei des Landes NRW).

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 2015 hat der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Augenmerk auf eine vergessene Gruppe gelenkt, die 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die bis dahin im Erinnerungsschatten waren.

Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung stehe man am Anfang eines Prozesses, sagte Dr. Malte Thießen (LWL). Es gelte, Perspektiven für Schülergruppen zu entwickeln. »Das Thema kann man nur international denken«, sagt Jens Hecker, Bindeglied zwischen der Gedenkstätte und dem Landschaftsverband. Hauke Kutscher vom LWL-Museumsamt sagt, die Workshops seien ein Forum der Vernetzung. Von den Erinnerungsgeschichten lebten alle Gedenkstätten. Durch sie werde Geschichte für die nächste Generation erlebbar. »Wir werden keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben, also keine Schuldzuweisungen vornehmen. Die Deutung wird für Grautöne offen gehalten.«

Es gibt noch viel zu tun

Es sind eine Reihe von wissenschaftlichen Symposien geplant. Die dienen erst mal dazu, einen Überblick über die verschiedenen Nutzungen des Geländes zu bekommen – an sich ist jede Zeitschicht ein Forschungsgebiet für sich.

Der Aspekt der Vertreibung und der Kalte Krieg werden die nächsten Schwerpunkte sein. Parallel dazu geht es im März um das materielle, bauliche Erbe.

Und das wichtigste wird die Gedenkstättenpädagogik sein. Hier sollen nicht nur historische Fakten und (auch gegenläufige) Einschätzungen vorgenommen werden. Die Gedenkstätte soll sich vor allem jeder nachfolgenden Generation erschließen. Jugendliche können Zusammenhänge erkennen und daraus Schlüsse ziehen. Ziel ist, den Frieden zu bewahren. Eine komplexe Aufgabe.

 

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