Polizisten sagen im Prozess um vergiftete Pausenbrote aus - Staatsanwalt geht Verdacht von gemeingefährlicher Vergiftung nach Der Tag, als Klaus O. verhaftet wurde

Bielefeld/Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Der Prozess um vergiftete Pausenbrote in Schloß Holte-Stukenbrock ist am Dienstag am Landgericht Bielefeld fortgesetzt worden. Polizeibeamte schildern die Verhaftung des Angeklagten Klaus O. Zudem eröffnet der Staatsanwalt, ein weiteres Verfahren gegen den Angeklagten angestoßen zu haben: Wegen des Verdachts der gemeingefährlichen Vergiftung.

Von Ann-Christin Lüke
Weitere Zeugen werden am dritten Prozesstag gehört.
Weitere Zeugen werden am dritten Prozesstag gehört. Foto: Ann-Christin Lüke/Archiv

Der 57-jährige Schlosser Klaus O. wird beschuldigt von 2015 bis 2018 hinter dem Rücken der Kollegen in dem Amaturenbetrieb Ari in Schloß Holte-Stukenbrock giftige Pulver, darunter Bleiacetat und Quecksilber, auf deren Pausenstullen gestreut zu haben.  Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Klaus O. seine Opfer beim langsamen körperlichen Verfall beobachten wollte.

Zwei der Opfer berichteten am Vortag von ihren Leiden.  Beide Ex-Kollegen des Angeklagten sind heute schwer nierenkrank. Ein drittes Opfer liegt seit Jahren mit schweren Hirnschäden im Wachkoma.

Zwei Worte an seine Frau

Der Polizeibeamte G. aus Gütersloh schildert, wie die Verhaftung des Angeklagten an seiner Arbeitsstätte am 16. Mai ablief. Als man O. mit dem Tatvorwurf konfrontiert habe, sei dieser etwas »zittrig« aber ansonsten recht emotionslos gewesen. Er habe wenig gesprochen.

Bei der Durchsuchung habe ein Kollege in O.s Arbeitstasche dann ein Fläschchen mit einer weißen Substanz gefunden. Dann sei die Polizei gemeinsam mit Klaus O. nach Bielefeld gefahren. Dort lebte der Angeklagte gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.

Bei der Durchsuchung fanden die Beamten diverse »pulverige und flüssige Substanzen« auf einer Werkbank im Keller des Wohnhauses. Dazu Reagenzgläser und Bücher etwa über »Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft« von 1903.

»Hat er irgendwas gesagt?«, möchte der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann vom Zeugen wissen. Kaum, so die Antwort. »Herr O. schaute seine Frau an und sagte nur: Anwalt.« Seine Frau sei daraufhin etwas ratlos gewesen. Sie habe ihn gefragt, woher sie einen Anwalt nehmen solle. Sie kenne keinen. O. habe sie wieder angesehen und nur gesagt: »Telefonbuch.« Ansonsten sei er völlig emotionslos gewesen. 

»Durchgängig unbeteiligt«

Die nächste Zeugin ist die Kriminalhauptkommissarin B., die ebenfalls bei der Verhaftung und Durchsuchung dabei war. Sie beschreibt O. als »durchgängig unbeteiligt. Anfangs machte es den Eindruck, als wollte er herausfinden, was wir wissen«, aber auch danach habe er nichts gesagt.

Ihre Eindrücke vom Leben der Familie O. schildert die Beamtin so: »Meine Wahrnehmung war, dass es ein ganz durchschnittlich eingerichtetes Haus war, aber durchaus liebevoll. Auch seine Frau wirkte liebevoll im Umgang mit ihm und dem Sohn.« 

Die Kommissarin habe die Ehefrau des Angeklagten bei der Durchsuchung als aufgewühlt und beunruhigt wahrgenommen.

Quecksilber im Jahr 2013 bestellt

Die Polizeibeamten F. aus Bielefeld und M. aus Gütersloh hatten im Juni 2018 das Haus mit Einsatzkräften der Feuerwehr Bielefeld abermals durchsucht. Da man davon hätte ausgehen müssen, dass weitere giftige Stoffe im Wohnhaus des Angeklagten lagerten, wurde diese Durchsuchung durch eine analytische Task Force aus Dortmund begleitet.

»Ich hab mich überwiegend auf den Kellerbereich konzentriert«, sagt der Zeuge F. Dort seien unter anderem ein Geigerzähler, Messgeräte und eine Zentrifuge sichergestellt worden. Kartons mit schriftlichen Unterlagen seien bei der Durchsuchung ebenfalls untersucht worden. »In einem befanden sich Bestelllisten über Chemikalien von verschiedenen Internetfirmen.«

Die Ermittler hätten auch Kontakt zu den Lieferanten aufgenommen, um Bestellungen abzugleichen und zu überprüfen. O. habe sich die Gegenstände teilweise an ein Postfach schicken lassen. 

Anhand der Aufzeichnungen haben die Ermittler die erste Online-Bestellung, die für die Errichtung eines Chemielabores relevant sein könnte, auf 2011 datieren können. »Was davor gelaufen ist, über Apotheken oder so, weiß ich nicht«, so der Zeuge F. Bei der ersten Bestellung handelte es sich laut Gericht um Waagen (etwa eine Goldwaage).

Im Jahr 2013 habe der Angeklagte dann größere Mengen Quecksilber bestellt. Die Ermittler fanden dazu gehäufte Bestellungen von Thermometern und sogenannten Neigungsschaltern aus Quecksilber. (Dazu merkt Wikipedia an: »Früher waren Neigungsschalter Quecksilberschalter, bei denen ein teilweise mit Quecksilber gefülltes, gegebenenfalls gebogenes Glasrohr mit zwei elektrischen Kontakten versehen ist, die beim Kippen über einen bestimmten Neigungswinkel durch das Quecksilber leitend verbunden werden. Solche Schalter finden sich teilweise in Deckeln von alten Gefriertruhen und dienen zum Schalten der Innenbeleuchtung.«)

Google-Suche: »Blei giftig«

Zudem habe der Polizeibeamte die Arbeitszeiten O.s unter die Lupe genommen. Der Angeklagte habe sich zu Zeiten in der Firma aufgehalten, die außerhalb dieser lagen. Und das über einen längeren Zeitraum. Dies konnten die Ermittler anhand von Schließzeiten und Arbeitszeitnachweisen der Firma Ari prüfen. 

Auch Suchmaschinen-Verläufe am Computer des Angeklagten wurden durchleuchtet: Der Angeklagte habe vor allem nach chemischen Begriffen wie Bleiacetat gesucht. Aber auch Suchabfragen wie »Blei als Zucker«, »Bleizucker«, »Bleivergiftung« und »Blei giftig« fanden sich darunter.

Weiteres Verfahren gegen O. eingeleitet

Der Polizeibeamte M. aus Gütersloh hat neben der Durchsuchung im Juni auch eine Auswertung des von O. genutzten E-Mail-Postfaches vorgenommen. Dabei stießen die Ermittler auf einen Schriftverkehr bezüglich Wasseranalysen eines Brunnens von 2011, 2014 und 2015.

O. habe 2015 eine Probe eingereicht, mit Wasser aus dem laut Aussagen der Ehefrau stillgelegten Brunnen, der zur Bewässerung des Gartens genutzt werde. Die Auswertung ergab demnach, dass der Bleiwert den Grenzwert um das 36-fache überschreite.

Staatsanwalt Veit Walter eröffnet daraufhin, dass die Staatsanwaltschaft einem weiteren Verdacht der gemeingefährlichen Vergiftung im Bezug auf diesen Brunnen nachgeht. Dieser könne vergiftet worden sein. Das gesonderte Ermittlungsverfahren dazu wurde bereits eingeleitet, Proben seien im August entnommen worden, im Beisein der Ehefrau des Angeklagten. Das Ergebnis der Wasserproben liege aber noch nicht vor.

Die Verteidiger Henning Jansen und Christina Peterhanwahr beantragen daraufhin der Hauptverhandlung auszusetzen, um Akteneinsicht zu bekommen und sich auf das Verfahren vorzubereiten. Diese Ermittlungen seien nach Ansicht der Verteidigung nicht vom aktuellen Prozess zu trennen. Es sei eine »künstliche Aufspaltung« des Verfahrens.

»Dem Angeklagten wird hier ein versuchter Mord in drei Fällen vorgeworfen«, so Staatsanwalt Walter dazu. Es handele sich um einen einheitlichen Nebensachverhalt.

Das Gesuch der Verteidigung wird auf einen kommenden Prozesstag verschoben.

Die Suche nach Quecksilber

Am Nachmittag wird dann ein weiterer Zeuge gehört: Polizist K. aus Gütersloh war zunächst in die Ermittlungen um den nun im Koma liegenden Nick. N. involviert. Bei N. war eine massive Quecksilbervergiftung festgestellt worden. Aber es hätte keine Hinweise gegeben, wie dies entstanden sein könnte. Seine Eltern erstatteten 2016 Anzeige. »Daraufhin wurde im privaten Umfeld von Herrn N. ermittelt. Ich habe mit den Eltern gesprochen, mit den Freunden«, erinnert sich der Zeuge.

Dabei sei zunächst eine E-Zigarette in den Fokus der Ermittlungen geraten, aber weder an der Zigarette noch im Nikotin seien Quecksilber-Rückstände gefunden wurden. Auch der Arbeitsplatz sei in Augenschein genommen worden. »Letztendlich verliefen alle Ermittlungen negativ«, so K. 

2018 kam er dann wieder mit dem Fall in Berührung. Durch die Anzeige von Simon R. im April wurden die Ermittler schließlich auf Klaus O. und die vergifteten Pausenbrote aufmerksam. 

Auf die Anschuldigungen habe O. sehr distanziert und einsilbig reagiert. Bei der Durchsuchung hätten die Beamten eine Plastikflasche mit weißem Pulver und der Aufschrift »Blei A«. Er habe behauptet, dass er dieses für seine Fahrradkette bräuchte. 

Bei der Durchsuchung sei er auf ein Chemiebuch gestoßen, das mit Notizen gefüllt war. »Das erste, was ich aufgeschlagen habe, war etwas zum Thema Quecksilber«, so der Zeuge, der sich daraufhin an den Fall aus 2016 erinnerte. 

Das was man sonst erlebt, wenn man jemanden mit so einem Vorwurf festnehme, habe es in diesem Falle nicht gegeben. Der Angeklagte hätte keine Emotionen gezeigt, keine Erklärungsversuche abgegeben. »Ich habe so etwas vergleichbares noch nichterlebt. Normalerweise reagieren Beschuldigte anders.« O. sei aber auch nach einer Nacht in Gewahrsam völlig distanziert und emotionslos geblieben. 

Der Prozess wird am 5. Dezember fortgesetzt.

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