Karsten Fehring räumt nach 43 Jahren bei der Polizei seinen Schreibtisch Pensionär: Das passt zu ihm nicht

Gütersloh (WB). Angst vor einem tiefen Loch, vor der Langeweile oder der Leere im Leben nach dem letzten Arbeitstag hat Karsten Fehring nicht. Natürlich, gesteht er, habe er sich im Kopf damit auseinander gesetzt, was kommen wird. Doch dann sei er zu dem Schluss gekommen: »Es gibt ein Leben danach.« Am Mittwoch, 30. Mai, ist Schluss. Einen Tag vor seinem 62. Geburtstag geht der Leitende Polizeidirektor in den Ruhestand. Dann war er fast 43 Jahre lang bei der Polizei.

Von Wolfgang Wotke
Der Abschied fällt Karsten Fehring nicht leicht. Der Polizeidirektor hätte seine Dienstzeit gerne um zwei, drei Jahre verlängert.
Der Abschied fällt Karsten Fehring nicht leicht. Der Polizeidirektor hätte seine Dienstzeit gerne um zwei, drei Jahre verlängert. Foto: Wolfgang Wotke

Was in ihm vor geht, verrät Karsten Fehring nicht. Er lässt sich nicht so einfach in seine Seele blicken. Doch irgendwie spürt man, dass ihm der Abschied sehr schwer fällt. Er hätte gerne noch weiter gemacht. Selbst Landrat Sven-Georg Adenauer hat für ihn gekämpft. Monatelang. Für eine Verlängerung seiner Dienstzeit. Vielleicht um zwei, drei Jährchen mehr. »Er hat hier vorbildliche Arbeit geleistet, ist von allen anerkannt und noch topfit«, sagt Adenauer. Doch es nütze nichts. Schade. Das Innenministerium in Düsseldorf ist unerbittlich.

Pensionär. Wie sich das schon anhört! Das Wort passt nicht zu einem wie ihm, der fast täglich noch seine zehn Kilometer läuft, der den Wassersport liebt, ein begeisterter Skifahrer ist und die Pisten mit Eleganz und Bravour meistert. Pensionär. Das klingt nach einem Mann, der alt wird. Schlimmer noch: nach einem Mann, der alt ist. Nein, das ist Karsten Fehring auf keinen Fall. Er ist schlank und rank, sportlich durchtrainiert und sei »hoch kompetent«, wie Adenauer ihn beschreibt.

Vor seinem letzten Interview mit dieser Zeitung steht Fehring vor seinem Büro auf dem Flur und sortiert noch schnell alte Akten. »Das sind dann meist Urteile, Beförderungsentscheide, Vorträge, Führungsfragen oder Arbeits-Gruppenberichte, die ich behalten möchte.« In den vergangenen 13 Jahren, in denen er Chef der Kreispolizeibehörde war, habe sich einiges angehäuft.

In Aachen verschanzte sich ein Geiselnehmer in einer Tiefgarage

Als Seiteneinsteiger und Kommissaranwärter ist Karsten Fehring 1975 zur Kripo Bielefeld gekommen. »Eigentlich wollte ich studieren, vielleicht Jura«, hatte er sich überlegt. Doch durch einen Freund habe er dann erfahren, dass die Kriminalpolizei noch Personal sucht. Diese Entscheidung hat er keine Sekunde lang bereut. Er ist auch heute, nach all den Jahrzehnten, noch geradezu elektrisiert, wenn er über seine Arbeit spricht. Drei Jahre später sitzt er schon beim Landeskriminalamt in Düsseldorf und befasst sich mit der Organisierten Kriminalität.

Sein Berufsweg führt ihn 1981 zum Staatsschutz zurück nach Bielefeld, in dieser Stadt ist er auch geboren. Bevor er ein Studium für den höheren Dienst an der Polizeihochschule in Münster antritt, arbeitet er fünf Jahre lang im Rauschgiftdezernat. 1993 tritt er die Stelle als Inspektionsleiter an. Von 1995 bis 2005 führt er die Spezialeinheiten SEK und MEK in Bielefeld. Dann wird er Polizeidirektor in Gütersloh, zuletzt trägt Karsten Fehring vier goldene Sterne auf seinen Schulterklappen. Er ist der ranghöchste Polizist im Kreis.

Richtig ins Schwitzen sei er 1999 in Aachen gekommen. Da hatte ein Gangster die Landeszentralbank überfallen, drei Geiseln genommen und letztendlich 1,8 Millionen D-Mark erpresst. »Der hatte sich dann drei Tage in einer Tiefgarage verschanzt. Am Ende wurde er erschossen«, berichtet Karsten Fehring, der damals dabei war – ein Erlebnis, das er als Polizist nicht vergessen wird.

Zwischen der gefühlten Kriminalität und der Realität besteht eine Diskrepanz

In der Vergangenheit war er stets dabei, wenn die jährliche Verkehrs- oder Kriminalstatistik des Kreises Gütersloh vorgestellt wurde. Die neue Kriminalstatistik des Bundes, die im Mai veröffentlicht wird, verzeichnet weniger Straftaten als ein Jahr zuvor. Das wäre der größte Rückgang seit fast 25 Jahren. Woran liegt das? Fehring: »Jede Statistik hat ihre Wellenbewegungen. Als beispielsweise die Mauer und damit auch die Ostgrenzen fielen, glaubten viele Menschen dort, hier im Westen fließe Milch und Honig. Wir bekamen es mit Betrugs- und Einbruchsdelikten zu tun. Darauf mussten wir uns taktisch, rechtlich und organisatorisch einstellen. Das haben wir auch getan.«

Oder man denke an den enormen Anstieg der Wohnungseinbrüche vor drei Jahren und die Hürden der Vorratsdatenspeicherung, ohne die eine Aufklärung kaum möglich ist. Das sehe heute etwas positiver aus. »Die Demokratie, so gut wie sie ist, ist da etwas langsam«, meint er. Viele Menschen beklagen trotzdem ein Unsicherheitsgefühl. Wie kann es sein, dass sich das in den neuesten Zahlen nicht widerspiegelt? Fehring hat eine Antwort: »Vielleicht ist es die wachsende Diskrepanz zwischen der gefühlten Kriminalität und der Realität der Zahlen.«

Die große Umzugskiste steht jetzt bereit. Wenn er bald seinen Schreibtisch für immer verlässt, stehen dort nur noch ein Computer, ein Monitor und das Telefon. Sie sind für seinen Nachfolger, der noch nicht bestimmt ist. Wahrscheinlich ist es für ihn »komisch«, wenn die Kollegen ihn immer häufiger fragen: »Und, wie viele Tage musst du noch?« Komisch ist es wohl auch, wenn Karsten Fehring vielleicht die Schichtpläne oder Entscheidungen für 2018 anfertigen muss und ihm hinterher einfällt: »Da bin ich gar nicht mehr da.«

Es wird Neuerungen geben, die er nicht mehr mitbekommen wird. Von Tag zu Tag wird seine Arbeit weniger, bis zum 30. Mai wird es mehr und mehr »letzte Male« geben. Vermissen wird er ein gut funktionierendes Team. »Und vor allem das Gefühl völliger Verlässlichkeit.«

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