Friedhofsführung zum 73. Jahrestag der Befreiung des Stalag 326 »Das Sterben ging weiter«

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326, hat mit einer Friedhofsführung an den 73. Jahrestag der Befreiung des Lagers erinnert. Am 2. April 1945 fanden die Amerikaner 9000 Kriegsgefangene im Stalag vor, ein Großteil krank, 3000 bettlägerig. »Das Sterben ging weiter.«

Von Monika Schönfeld
Elena Löwen von der Russisch-Orthodoxen Kirchengemeinde Paderborn legt am Obelisken Blumen nieder. Sie hat weißrussische Vorfahren und hält es für notwendig, dass die nächsten Generationen sehen, welche Folgen Kriege haben. Elena Löwen forscht, ob Vorfahren auf dem Friedhof begraben sind.
Elena Löwen von der Russisch-Orthodoxen Kirchengemeinde Paderborn legt am Obelisken Blumen nieder. Sie hat weißrussische Vorfahren und hält es für notwendig, dass die nächsten Generationen sehen, welche Folgen Kriege haben. Elena Löwen forscht, ob Vorfahren auf dem Friedhof begraben sind. Foto: Monika Schönfeld

»Das Gräberkommando hatte noch viel nach dem Tag der Befreiung zu tun«, sagt Oliver Nickel, der von Tatjana Rumjanzeva begleitet wird, die die russischen Inschriften übersetzt. Es sind gerade mal sechs Besucher, die an der Führung am Dienstagvormittag teilnehmen.

Elena Löwen ist mit ihrer Tochter Eugenia aus Bad Lippspringe gekommen. Sie ist zweimal im Jahr auf dem Ehrenfriedhof Sowjetischer Kriegstoter. An den Glasstelen, die knapp 16.000 Namen von Menschen tragen, die hier beerdigt sind, hat sie den Mädchennamen ihrer Mutter entdeckt. Zwei Männer, einer 1921 geboren, einer etwas älter, sind auf den Gedenkplatten verewigt. Sie will feststellen, ob es Verwandte aus Weißrussland sind. Elena Löwen gehört der Russisch-Orthodoxen Kirchengemeinde in Paderborn an. »Ich halte es für absolut notwendig, dass unsere Kinder daran erinnert werden, was geschehen ist. Wir beten für den Frieden und sagen Nein zum Krieg. Im Moment ist die Weltlage wackelig. Deshalb sollte die junge Generation wissen, welche Folgen ein Krieg hat.«

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»Die Lasertechnik stammt aus Russland.«

Wilhelm Gunkel, Geschäftsführer TGK

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Wilhelm Gunkel war Geschäftsführer des Unternehmens TGK, das 2015 die Namen der Opfer auf Glas graviert hat. »Die Lasertechnik stammt aus Russland«, schließt er den Kreis. Gunkel ist Mitglied des Fördervereins Stalag geworden. »Ich habe jetzt Zeit, mich im Verein zu engagieren, wenn etwas zu tun ist«, sagt er.

»Ich habe eine Menge zusätzlicher Informationen erhalten«, sagt ein Stukenbrocker, der in der Nachbarschaft des Stalag geboren wurde. »Ich erinnere mich, dass ich in den 50er-Jahren mit meinen Eltern hier war. Ich kann mich deutlich an die Wälle erinnern, die hinter den Grabsteinen erkennbar waren. Heute sind die Massengräberreihen nicht mehr zu sehen.«

Antje Ahrens-Engelke und ihr Mann Peter Engelke haben Urlaub und hatten damit Zeit, die Führung am Morgen mitzumachen. »Ich war vor einem Vierteljahr das erste Mal in der Dokumentationsstätte«, sagt die Schloß Holte-Stukenbrockerin. »In der Schule habe ich darüber nichts gehört. In den 80er-Jahren hat man darüber noch nicht gesprochen.« Sie kannte den Friedhof bisher nur als Spaziergängerin. »Es ist interessant, wie viel inzwischen wissenschaftlich aufgearbeitet ist.«

Nicht von ungefähr kommt der Name »Menschenzoo in der Senne«

Gewusst haben die Menschen damals, dass es die Lager und die Zwangsarbeiter gab, sagt Oliver Nickel. »Die wurden nicht versteckt. Jeder Arbeitgeber musste für seine Zwangsarbeiter Lager einrichten. Man konnte ja schlecht die Menschen morgens zur Arbeit in die Weserhütte nach Minden fahren und abends zurück. Dort waren bis zu 1000 Kriegsgefangene beschäftigt und untergebracht. Sie haben ja nicht alleine gearbeitet.« In Delbrück waren Zwangsarbeiter zum Bau von Telegrafenmasten eingesetzt, in Paderborn bei der Eisenbahn. Sie waren mit einem P markiert, bewegten sich mit Auflagen in der Stadt. »Jugendliche heute glauben, die Menschen hätten damals von nichts gewusst. Das stimmt nicht. Es gab in Deutschland 40.000 Lager.«

Ältere Menschen bestätigen das heute. Im hohen Alter, wenn sie merken, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, wollten sie loswerden, was sie wissen. »In Stukenbrock und in Hövelhof reden die Leute heute offen darüber. Der heutige Friedhof lag auf dem Schulweg. Auf die Wiese nebenan hat der Sohn eines Bauern regelmäßig die Schafe getrieben. Er hat mit den Wachleuten gesprochen, die ihm erzählten, dass heute 120 Gefangene gestorben waren.«

Nicht von ungefähr kommt der Name »Menschenzoo in der Senne«. Ganze Schulklassen seien zum Stalag geführt worden, um Untermenschen anzugucken. »Später wurde das Gelände eingezäunt, denn viele zeigten Mitleid.«

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»Die Diskussion um die Rote Fahne auf dem Obelisken braucht man nicht nochmal zu führen.«

Oliver Nickel

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Nickel betont, dass Zahlen immer mit Vorsicht zu behandeln sind. Die Menschen, die hier begraben sind, sind nicht alle im Stalag umgekommen. Aus dem Ruhrgebiet seien entkräftete Gefangene zum Sterben hergebracht worden, die Toten aus dem Seuchen- und Sterbelazarett Staumühle in Hövelhof seien hier bestattet. Aber auch umgekehrt haben Bauern die Zwangsarbeiter, die auf ihrem Hof gearbeitet haben und gestorben sind, an der Kirche – zum Beispiel in St. Vit – mit einem eigenen Grab bestattet.

Während der Führung berichtet Nickel, wie der Friedhof entstanden ist, zeigt die umgebetteten Grabstellen, erklärt die Steine der Massengrabreihen und die auf den Vierergräbern im Erweiterungsteil des Friedhofs. Für den Besuch der sowjetischen Präsidentengattin Raissa Gorbatschowa und der Gattin des Bundeskanzlers, Hannelore Kohl, vor 29 Jahren sei der Obelisk restauriert worden. Auf die Form haben sich Sowjets, Briten, Gemeinde und Land schon 1958 festgelegt.

»Die Diskussion um die Rote Fahne auf dem Obelisken braucht man nicht nochmal zu führen. Ich habe noch nie Angehörige erlebt, die das zum Thema gemacht haben. Wichtig ist ihnen der Friedhof als ein Ort des Gedenkens und des Erinnerns. Angehörige sagten vor kurzer Zeit zu uns Deutschen nach dem Besuch: Wir sind jetzt eine Familie.«

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