Bäckerei Wölke geplündert – Potthoff: seltene Aufzeichnungen US-Einmarsch im Rezeptbuch notiert

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Schüsse, Panzer, Plünderungen: Am ersten Ostertag sind die Amerikaner in Schloß Holte eingerückt. Sehr detailierte Aufzeichnungen sind dazu in einem Rezeptbuch von Änne Wölke zu finden.

Von Bernd Steinbacher
Heimatforscher Günter Potthoff hat aus seinem Archiv ein historisches Foto herausgesucht: Es zeigt Änne und Gustav Wölke vor der Bäckerei in Schloß Holte an der Schlossstraße. Änne Wölke hat den Einmarsch der Amerikaner und das Beschlagnahmen der Bäckerei detailliert aufgeschrieben.
Heimatforscher Günter Potthoff hat aus seinem Archiv ein historisches Foto herausgesucht: Es zeigt Änne und Gustav Wölke vor der Bäckerei in Schloß Holte an der Schlossstraße. Änne Wölke hat den Einmarsch der Amerikaner und das Beschlagnahmen der Bäckerei detailliert aufgeschrieben.

Liesel Wölke hat das Buch Heimatforscher Günter Potthoff zur Verfügung gestellt. »Ich habe auch im Zusammenhang mit der Bilderaktion, bei der die Namen der abgebildeten Personen gesucht werden, viele interessante Gespräche geführt, auch mit Liesel Wölke«, sagt Potthoff. Liesel Wölke habe ihm von dem Rezeptbuch mit den Aufzeichnungen ihrer Mutter Änne zum Einmarsch der Amerikaner erzählt.

»Es ist selten, dass jemand die Vorgänge so genau aufschreibt«, freut sich der Heimatforscher über diese Rarität. Es sei interessant, da die Amerikaner die Bäckerei Wölke für einige Tage beschlagnahmten und diese zudem von Russen und Einwohnern geplündert wurde.

Potthoff hat die Aufzeichnungen gelesen und stellt Auszüge vor. So schreibt Änne Wölke, dass bereits seit Tagen und am stillen Freitag (also dem Karfreitag), »viele Soldaten zu Fuß oder mit Wagen durch Schloß Holte kommen«. Auch am Ostersamstag waren wieder Flüchtlinge zu sehen.

Um 5 Uhr morgens

Nach Änne Wölkes Aufzeichnungen gab es am Ostersonntag mittags »vorne in der Holte eine Schießerei und gleich darauf fuhren amerikanische Panzer durch«. »Wir sind alle in den Keller gelaufen.« Erst später habe man es riskiert, nach oben zu gehen. Um 5 Uhr fuhren Wagen auf das Grundstück der Nachbarn, innerhalb einer halben Stunde mussten diese ihr Haus auf Befehl der Amerikaner verlassen. »Auch die Bäckerei Wölke wurde beschlagnahmt. Wölkes fragten bei Fullands an, dort konnten sie unterkommen.«

Sie hatten noch die Gelegenheit, einen Anhänger mit Habseligkeiten voll zu packen, doch »als wir rausfuhren, war bei Wittler eine Kontrolle. Sie wollten uns nicht rauslassen.« Wörtlich geht es weiter: »Ein Posten griff nach Pollmeiers Uhr. Als er sie sich wieder erbat, weil es ein Andenken von Opa wäre, zog er seine Pistole.«

Geplündert

Am Morgen nach der Beschlagnahme der Bäckerei wollte Gustav Wölke wenigstens die Schweine füttern. Doch er durfte nicht rein. Drei Tage sollte das Haus beschlagnahmt sein. »Unser Haus war voll von Militär von oben bis unten.«

Am dritten Tag durften Wölkes ihr Haus nicht betreten, doch »Russen und Ostarbeiter gingen rein und holten sich halbe und ganze Säcke Mehl und Zucker.«

Potthoff sagt, dass Änne Wölke beobachtet und notiert habe, wer aus der Nachbarschaft bei ihnen geplündert hat. Einige Privatpersonen hätten später, wohl nach Aufforderung durch Gustav Wölke, geplünderte Sachen zurückgebracht.

»Kriegsgefangen waren einfach ausgehungert«

Über einen bei Wölkes beschäftigten Russen namens Micha ist zu lesen, dass er beim Plündern zu Wölkes gesagt hat: »Wir haben Hunger. Sagen Sie mir, wo Sie sind, wir bringen was hin. Heute Nachmittag ist hier nichts mehr.« Änne Wölke gelang es, auf den Warenboden ihres Hauses zu gelangen, als der Posten weg war, und Leute beim Plündern zu sehen. »Ein Bild der Verwüstung«, notiert sie. Doch Wölkes ließen sich nicht unterkriegen, sie fingen wieder an. Zu lesen ist aber auch: »Stukenbrock hat kein Geschäft mehr. Zu wenig Ware für so viele Menschen.«

Günter Potthoff betont, dass bei Leuten, die die Russen gut behandelt hätten, diese von ihnen später nicht komplett ausgeplündert worden sind. Allerdings habe es auch Tote geben und eine Art Bürgerwehr, die sich mit Knüppeln und Sirene Plünderungen entgegenstellte. »Die Kriegsgefangen aus dem Stalag waren einfach ausgehungert.« Um die Situation genauer erforschen zu können, müssten noch weitere Zeitzeugengespräche geführt und weiteres Material ausgewertet werden, meint Potthoff

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