Tabea Mewes schreibt Masterarbeit und Facebook-Blog über ihren Bruder Marian Kein bisschen »down«

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Kein bisschen »down« – also traurig oder depressiv – ist das Leben mit einem Bruder, der das Down-Syndrom hat. Das wissen Tilman (24) und Tabea (27) Mewes. Ihr kleiner Bruder Marian (20) steht im Fokus der Masterarbeit von Tabea Mewes. Und er wird wohl auch das Thema ihrer Doktorarbeit.

Von Monika Schönfeld
Spaß in London hatten die Geschwister Marian (20), Tabea (27) und Tilman (24, von links) Mewes bei einer gemeinsamen Reise. Über diese und andere Erlebnisse schreibt Tabea Mewes im Blog. Ihre Masterarbeit begleitet das »Social Marketing« wissenschaftlich.
Spaß in London hatten die Geschwister Marian (20), Tabea (27) und Tilman (24, von links) Mewes bei einer gemeinsamen Reise. Über diese und andere Erlebnisse schreibt Tabea Mewes im Blog. Ihre Masterarbeit begleitet das »Social Marketing« wissenschaftlich.

Tabea Mewes hat versucht, die Reichweite von Facebook , das bekannteste »Social Media«, für etwas Positives zu nutzen. Sie will ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit herstellen und nutzt dafür das Social Marketing.

Unter dieser Adresse findet man den Blog von Tabea Mewes auf Facebook und im Internet.

Das ist ihr gelungen. Auf ihrer Website sowie auf Facebook hat sie ein Video, einen Blog, Fotos und Porträts ihres Bruders und einer weiteren jungen Frau aus der Stadt, Paulina Laustroer, veröffentlicht. Bereits nach einer Woche online hat Tabea Mewes mit »notjustdown« 300 Menschen, die ihr folgen. Und nicht einen einzigen abfälligen Kommentar. »Im Gegenteil. Ich höre nur Zustimmung. Offenbar ist es etwas Einzigartiges, dass die Schwester eines Menschen mit Down-Syndrom ihre Gedanken und Gefühle veröffentlicht. Das ist auch Eltern wichtig. Sie erleben, wie Geschwister damit umgehen.« Die Resonanz bestätigt, dass das ein Thema ist, und motiviert sie zum Weitermachen. Immer mehr Fragen fallen Tabea Mewes ein. Deswegen möchte sie an der Uni Bielefeld zu ihrem Thema promovieren.

Marian Mewes (20) und Paulina Laustroer werden porträtiert.

»Die Darstellung von Menschen mit Behinderungen ist häufig defizitorientiert. Es heißt, er leidet am Down-Syndrom, ist erkrankt oder an den Rollstuhl gefesselt. Das Gegenteil haben Tilman und ich erlebt, als Marian zur Welt kam. Er war immer unser Bruder, das süßeste Baby der Welt. Er ist gesund, nicht krank. Er hat eine Genvariante, die durch Zufall entsteht«, sagt Tabea Mewes. »Tilman und ich waren nie auf Marian eifersüchtig, weil er mehr Aufmerksamkeit unserer Eltern bekam. Marian könnte immer bei uns leben, selbst wenn unsere Eltern mal nicht mehr sein sollten. Wir kämpfen für Marian wie unsere Eltern das immer gemacht haben.«

Mit Aha-Effekt

Tabea Mewes hat sich überlegt, wie sie ihre Botschaft transportieren kann. »Das Video haben wir im Sommer gedreht. Die hellen, leuchtenden Farben überwiegen, es gibt Szenen aus dem Alltag, aus dem Urlaub, aus der Natur und dem Safaripark aus dem Blickwinkel von Marian.« Erst zum Schluss kommt die Überraschung, der Schwenk auf sein Gesicht. Das erzeugt den Aha-Effekt: Der junge Mann mit dem Down-Syndrom hat Spaß an genau den gleichen Dingen, an denen andere in seinem Alter auch Spaß haben.

Positiv berichten, ohne zu beschönigen, das mache die Glaubwürdigkeit und Authentizität aus. »Marian und Paulina gibt es wirklich. Ich bin Marians Schwester und berichte komplett aus Erfahrung. Damit erzeuge ich Toleranz für Anderssein und setzte Vielfalt gegen Diskriminierung.«

Bewusstsein für ein sensibles Thema wecken

In der wissenschaftlichen Arbeit untersucht Tabea Mewes, wie man Social Marketing gestaltet, um Bewusstsein für ein sensibles Thema wie das Down-Syndrom zu generieren. »Die Botschaft ist deutlich in Text, Bild und Ton.« Es gibt den Wiedererkennungswert und den Überraschungseffekt. Der Kanal Facebook erzeuge eine »Community« (Gemeinschaft) und ermögliche Kommentare und persönliche Nachrichten.

Trisomie 21

Das Down-Syndrom ist ein bei Menschen vorkommendes Syndrom, bei dem aufgrund einer Genom-Mutation das 21. Chromosom oder Teile davon dreifach vorhanden sind (Trisomie). Eine weitere Bezeichnung lautet deshalb Trisomie 21. Der Begriff geht auf den britischen Arzt und Apotheker John Langdon-Down zurück, der das Syndrom 1866 erstmals beschrieb.

Vorbehalte gegen Menschen mit Behinderung, das ist Tabea Mewes’ Erfahrung, entstehen aus Unsicherheit und Unwissenheit. »Und dann gibt es auch die positiven Vorurteile. Menschen mit Down-Syndrom werden als Sonnenschein-Kinder bezeichnet, als lieb und niedlich. Das mögen erwachsene Menschen mit Down-Syndrom gar nicht.«

Der Blog beschreibt ausgewählte Situationen aus Sicht der Schwester. Von der ersten Begegnung nach seiner Geburt über Spätsommertage mit Mari, wie er von allen genannt wird, aber auch »down days«, schwierige Tage, die jeder mal hat, aber bei Marian eben anders sind. »Das sind Einblicke, in denen man erkennt, dass es Marian wie allen anderen jungen Leuten geht.«

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