Pilotprojekt mit Gymnasiasten am außerschulischen Lernort Digitaler Erinnerungsweg

Schloß Holte-Stukenbrock(WB). Es ist etwas Besonderes, einen Löffel in der Hand zu halten, den ein sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag 326 benutzt hat. Auch die handschriftlichen Anmerkungen auf den Original-Personalkarten zu entziffern, ist für die neun Schüler der 8. Klassen des Gymnasiums unvergesslicher Geschichtsunterricht. Sie erleben Geschichte an der historischen Quelle.

Von Monika Schönfeld
Arbeiten am Pilotprojekt, die Geschichte des Stalag digital für die Jugend zugänglich zu machen: (von links) Christopher Snigula, David Pursian, Johanna Gesing, Victoria Evers, Dennis Thielmann, Ben Hemschenherm, Niklas Pähler, Tim Hoffmann, Christian Schwarz und Luc Flake. Auf dem Bild fehlen die Schüler Sebastian Lüke, Maxim Slusar und Jonas Sykosch. 
Arbeiten am Pilotprojekt, die Geschichte des Stalag digital für die Jugend zugänglich zu machen: (von links) Christopher Snigula, David Pursian, Johanna Gesing, Victoria Evers, Dennis Thielmann, Ben Hemschenherm, Niklas Pähler, Tim Hoffmann, Christian Schwarz und Luc Flake. Auf dem Bild fehlen die Schüler Sebastian Lüke, Maxim Slusar und Jonas Sykosch.  Foto: Monika Schönfeld

Die neun Jugendlichen unter der Leitung der Lehrer Christopher Snigula und Christian Schwarz erforschen die Geschichte des Stalag 326 im Rahmen eines von der Landeszentrale für politische Bildung geförderten Pilotprojekts. An drei Tagen arbeiten sie in der Dokumentationsstätte Stalag, haben die Erlaubnis, auf dem Gelände der Polizeischule zu fotografieren und zu filmen, machen Interviews und untersuchen – mit weißen Handschuhen geschützt – Kästchen, Tassen, Besteck, Teller, die die Kriegsgefangenen hinterlassen haben.

Pilotprojekt für Jugendliche

Das Pilotprojekt wird in Kooperation der Dokumentationsstätte mit dem Haus Neuland durchgeführt. Vom Haus Neuland begleitet Medienpädagogin Johanna Gesing die Schüler. »Für Jugendliche ist nicht viel öffentliches Material zur Dokumentationsstätte Stalag vorhanden. Die Gruppe Achtklässler wird versuchen, die Geschichte in einem vierminütigen Film zusammenzufassen. Länger lassen sich junge Leute dieses Alters nicht auf ein solch komplexes Thema ein«, sagt Gesing. Die Jugendlichen stellen sich die Frage, wie sie sich erinnern möchten an die Geschichte. »Sie haben Ideen. Man merkt, dass sie sich schon mit der Dokumentationsstätte beschäftigt haben«, sagt Museumspädagogin Victoria Evers.

Wertschätzung vom Bundespräsidenten

Tatsächlich handelt es sich bei den neun Jugendlichen um die Gruppe, die bereits die Modelle von einer Baracke und dem Arresthaus für die Ausstellung in der Dokumentationsstätte gebaut haben. Als Belohnung für ihr Engagement waren sie im Mai 2015 zum Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck zum 70. Jahrestag des Kriegsendes eingeladen worden. »Das ist eine Wertschätzung, die die Schüler enorm motiviert«, sagt Lehrer Christian Schwarz. Als er im März nach Teilnehmern für das Pilotprojekt gesucht habe, haben die neun Jugendlichen sofort zugesagt. Für drei Tage sind sie vom Unterricht befreit. Entstehen soll ein digitaler Erinnerungsweg. Über das Programm »Easy Travel« wird der Weg der Kriegsgefangenen nachgezeichnet, an bestimmten Punkten werden Informationen hinterlegt. Erreichbar sollen die Informationen über einen QR-Code oder gar über eine App sein. »Wir wollen das Projekt verstetigen«, sagen die Lehrer. Der Nationalsozialismus sei Thema in der Mittelstufe in den Klassen 8 und 9 und in der Oberstufe, auf unterschiedlichen Ebenen. So soll zu Beginn des neuen Schuljahrs ein Geschichts-Leistungskurs des Abiturjahrgangs Q2 eingebunden werden. »Unser Ziel ist es, zwei Mal im Jahr Projekttage am außerschulischen Lernort anzubieten«, so Schwarz und Snigula.

Einweihung der Stelen

Die neun Jugendlichen aus der Jahrgangsstufe 8 sind am heutigen Donnerstag eingeladen zur Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof sind die Botschafter der Nachfolgestaaten der Sowjetunion dabei. Thomas Kutschaty, Justizminister des Landes und Vorsitzender des NRW-Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird die Gedenkrede halten. Gleichzeitig werden die 18 monumentalen Stelen aus Anröchter Grünstein eingeweiht. Die jeweils dreiteiligen, zwei Meter hohen Steintafeln tragen insgesamt 54 Glasplatten, auf die die Namen von 16 000 namentlich bekannten Toten graviert worden sind.

Die Museumspädagogin Victoria Evers hat die Namen abgeglichen, dabei 1000 noch nicht namentlich bekannte Tote bestätigt. Das Bünder Unternehmen Starglas, eine Tochter des Schloß Holte-Stukenbrocker Unternehmens TGK, hat die Namen hinter Glas gelasert.

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