Tierschützer beklagen Verlängerung der Kastenstandhaltung
Arme Sau

Rietberg/Berlin (WB). Lange wurde im Bundesrat um einen Kompromiss zur Kastenstandhaltung bei der Schweinezucht gerungen – das Ergebnis stößt nun auf die Kritik vieler Tierärzte auch aus OWL: Die Übergangsfrist von acht Jahren schiebe das Problem nur auf die lange Bank. Die Landwirte sind ebenfalls verärgert.

Sonntag, 05.07.2020, 19:45 Uhr aktualisiert: 05.07.2020, 19:52 Uhr
Tierschützer demonstrieren in Berlin für den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung von Sauen. Foto: dpa

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz hat die vom Bundesrat beschlossene Verlängerung der Kastenstandhaltung von Sauen als unnötig kritisiert . „Wir sind der Meinung, die Verlängerung um acht Jahre ist Unfug“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Thomas Blaha in Bramsche. Notwendig sei ein sofortiger Start in den Ausstieg, betonte der frühere Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Von einer „skandalösen Entscheidung“ spricht die Vorsitzende des Vereins Achtung für Tiere, Astrid Reinke, in Rietberg. „Sauen werden viele Monate ihres Lebens in Eisengestelle gezwängt, können sich darin nicht umdrehen, nicht gehen, nur stehen, liegen, essen, ausscheiden, gebären, stehen, liegen“, schildert Tierärztin Reinke die Situation. Schweine seien bewegungsfreudige Tiere, die Freude und Leid empfänden. „Sie sind intelligent wie Hunde.“

Die Folge der Übergangsfrist ist laut Tierärztlicher Vereinigung für Tierschutz, dass es nach acht Jahren immer noch Kastenstände gebe, in denen Sauen fixiert werden. Innerhalb von acht Jahren lasse sich aber die gesamte Sauenhaltung auf die tiergerechtere Gruppenhaltung umbauen, das sei international und auch in Deutschland bewiesen. Es gebe bereits praxisreife Haltungsformen ohne Kastenstand auch für die konventionelle Schweinehaltung, sagte Thomas Blaha.

Der Verzicht auf Kastenstände bedeute sicherlich mehr Arbeit im Stall. Die jüngsten Vorschläge für bessere Haltungsstandards von der Kommission um den früheren Agrarminister Jochen Borchert bedeuteten, dass die Landwirte von der Gesellschaft mehr Geld für die Transformationsprozesse bekommen müssten. Blaha: „Die Leistungen, die die Landwirte für die Gesellschaft erbringen sollen, werden vom Markt nicht bezahlt.“

Der Bundesrat hatte am Freitag das Aus für die Kastenstände nach einer Übergangsfrist von acht Jahren beschlossen. Danach ist eine Fixierung nur noch kurzfristig möglich, etwa für die künstliche Besamung oder ärztliche Untersuchungen.

Heftige Kritik vom Verein Achtung für Tiere

Heftige Kritik kommt auch aus OWL. Astrid Reinke nennt die Kastenstand-Entscheidung „peinlich“ und „grausam“. Die Entscheidung der Politik bedeute, dass ein seit Jahrzehnten rechtswidriger Zustand legalisiert werde. Reinke: „Aus der Verordnung, die regelt, wie Sauen im sogenannten Kastenstand oder Ferkelschutzkorb gehalten werden dürfen, wurde die Vorgabe gestrichen, dass die Tiere im Liegen ungehindert ihre Beine ausstrecken können müssen.“ Und: „Die routinemäßige Missachtung dieser Vorgabe in der Sauenhaltung war schon vor fünf Jahren gerichtlich als Rechtsbruch festgestellt worden.“ Die aktuelle Entscheidung sei für den staatlichen Tierschutz in Deutschland ein Offenbarungseid.

Gelingen könne die Verlängerung von Tierleid immer wieder auch deshalb, weil der Tierschutz dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist, glaubt Frauke Albersmeier, zweite Vorsitzende des Vereins. „Es ist faszinierend, wie wenig manche Politiker sich darum scheren, Integrität zu wahren.“

Beringmeier anderer Meinung

Für Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes und selbst Inhaber eines Schweine haltenden Betriebs in Hövelhof im Kreis Paderborn, ist die Kritik „völlig unberechtigt.“ Wenn in acht Jahren die nun verlängerte Regelung auslaufe und der Platz für die Sauen dann fünf Quadratmeter groß sein müsse, würde das viele der derzeit 7000 Sauenhalter in Deutschland – davon aktuell 572 in OWL – finanziell überfordern. „Das bedeutet für ein Drittel der Sauenhalter das Aus“, befürchtet Hubertus Beringmeier. Eine solche Regelung gebe es nur in Deutschland.

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