Rheda-Wiedenbrück
Opfergedenken in Zeiten des Virus

Rheda-Wiedenbrück (lani) - Dass zwischen 1933 und 1945 das dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte geschrieben wurde, würde wohl niemand ernsthaft bezweifeln wollen. Eine bedeutende Rolle nimmt das Jahr 1938 ein. Daran sollte eine Gedenkfeier in Rheda erinnern.

Sonntag, 08.11.2020, 16:06 Uhr aktualisiert: 08.11.2020, 16:31 Uhr

 Am 8. November brannten im ganzen Land Synagogen nieder. Es war der Beginn der systematischen Vernichtung des jüdischen Volks in Deutschland. Mehr als sechs Millionen Frauen, Männer und Kinder fielen den Gräueltaten des NS-Regimes zum Opfer – darunter auch zahlreiche Familien aus Rheda und Wiedenbrück. Anlässlich des Jahrestags der Pogromnacht wollte die Stadt auch in diesem Jahr wieder der grausam Ermordeten gedenken, deren Leben einzig deshalb ein Ende gesetzt wurde, weil sie jüdischen Glaubens waren. 

Dr. Charlotte Knobloch hatte bereits zugesagt

In Zeiten, in denen antisemitische Übergriffe, Hass und Hetze deutschland- und europaweit zugenommen haben, wäre einer solchen Veranstaltung sicher besondere Bedeutung zugekommen. Aufgrund des aktuellen Pandemiegeschehens musste die Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof in Rheda jedoch kurzfristig abgesagt werden. „Dennoch wollen wir gedenken, wir wollen erinnern und wir wollen mahnen“, betont Bürgermeister Theo Mettenborg. 

Wie im ganzen Land hätten seinerzeit auch in Rheda und Wiedenbrück die Gebetshäuser und Synagogen gebrannt. Häuser und Läden seien geplündert, jüdische Mitbürger in Konzentrationslager verschleppt und ermordet worden. „Es ist unsere Pflicht, diese Nacht, den Auftakt zum größten Völkermord der Geschichte, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“, betont das Stadtoberhaupt. Dass die Gnade der späten Geburt nicht vor Verantwortung schützt, ist für Theo Mettenborg selbstredend. „Treten wir gemeinsam ein für die Werte, die uns wichtig sind: Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität – damit Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Extremismus keinen Platz in unserer Gesellschaft, in unserem Leben finden“, unterstreicht der erste Bürger der Doppelstadt gegenüber dieser Zeitung. 

Für die Gedenkveranstaltung hatte die Stadt ursprünglich eine hochkarätige Rednerin gewinnen können. Bereits Anfang des Jahres war die Verwaltung an Dr. Charlotte Knobloch herangetreten. Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie die heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hatte zugesagt, eine Gedenkrede zu halten. Als sich abzeichnete, dass das Infektionsgeschehen wieder zunimmt, sagte Knobloch ihre Reise in die Doppelstadt allerdings wieder ab.

Inszenierung geht unter die Haut

Ein Zeichen setzen dafür, dass das Erinnern an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte im Bewusstsein der Menschen bleibt, möchte Thorsten Mönning. Der Lehrer leitet am Rhedaer Einstein-Gymnasium die Israel-AG. Mit Schülern der Oberstufe nimmt er Jahr für Jahr an den Gedenkveranstaltungen auf dem Jüdischen Friedhof teil. Diesmal wollten er und die Jugendlichen die Erlebnisse einer Exkursion nach Prag verarbeiten. 

So beeindruckend und bedrückend das Erlebte einer Tagesfahrt nach Theresienstadt war, wo die Reisenden das dortige Gestapo-Gefängnis und das Ghetto-Museum Theresienstadt besuchten, so aufwühlend und mahnend sollte eine Inszenierung sein, die sich an dem historischen Roman „Die Kinder aus Theresienstadt“ der Kanadierin Kathy Kacer orientiert. In fünf Szenen hätten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung an den Erlebnissen zweier Geschwister teilhaben sollen, die als jüdische Kinder mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert wurden. „Mama, die wollen uns trennen“ – schon die erste Szene, die von der jungen Clara berichtet, die ihre Eltern ein letztes Mal sieht, bevor sie mit Bruder Peter im Ghetto auf sich allein gestellt ist, hätte ein beklemmendes Gefühl beim Zuhörer verursacht. „In Claras Kopf hämmerte die Angst, während Peter mit aufgerissenen Augen herumwirbelte und nach Mama und Papa Ausschau hielt. Helft mir, flehten seine Augen. Das Weinen der Kinder erfüllte die Luft“, heißt es in dem Roman weiter. 

Namen geben lokalen Bezug 

Zwischen den Szenen sollten Einschübe, in denen die Schüler der Israel-AG beispielhaft auf die Deportierten der hiesigen Synagogengemeinde eingegangen wären, die ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt wurden, den lokalen Bezug herstellen. Hedwig und Alex Wallach etwa wurden am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort unter den grausamen Bedingungen. Sie wurde später nach Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde. An das Ehepaar erinnern heute Stolpersteine im Stadtbild. „Sie helfen uns dabei, die Opfer und Leiden dieser Menschen nie zu vergessen“, erläutert Thorsten Mönning.

Als Zeichen des lebendigen Erinnerns werden Bürgermeister Theo Mettenborg, Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bielefeld, und Dr. Wolfgang Lewe, Mitglied des Heimatvereins Rheda, am heutigen Montag auf dem Jüdischen Friedhof am Woesteweg/Ecke Am Ruthenbach anlässlich des Pogrom-Gedenkens einen Kranz niederlegen. Michelsohn wird – jüdischem Brauch entsprechend – eine Jahrzeitkerze entzünden. Im kommenden Jahr, so hoffen Thorsten Mönning und die Jugendlichen der Israel-AG, kann die Inszenierung der Ausschnitte aus dem Roman „Die Kinder aus Theresienstadt“ nachgeholt werden.

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