Rheda-Wiedenbrück
Tönnies erfüllt Entwicklung mit Sorge

Rheda-Wiedenbrück (gl) - Schlachthöfe und Landwirte stehen unter einem noch nie dagewesenen Druck: Mit Ankündigung der Schließung der Tönnies-Tochter Weidemark dürfte sich die ohnehin angespannte Situation weiter verschärfen. „Das ist keine gute Entwicklung“, sagt Dr. André Vielstädte.

Donnerstag, 08.10.2020, 17:57 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 18:46 Uhr

Der Leiter der Unternehmenskommunikation beim Rhedaer Fleischkonzern betrachtet die Entwicklung mit Sorge. 400.000 Schweine seien im Augenblick jede Woche in Deutschland überfällig, sagt Vielstädte. 5000 Tiere habe man zuletzt am Standort Sögel täglich geschlachtet, was einem Drittel der sonst üblichen Auslastung entspreche. Gern würde man nun, da die Behörden den dortigen Betrieb wegen des Infektionsgeschehens im Emsland geschlossen haben, andernorts das Vieh auffangen. Das allerdings gestalte sich schwierig.

Mehr geht derzeit nicht

„Wir wollen mehr machen, aber Kellinghusen und Weißenfels sind voll ausgelastet, der Betrieb in Rheda läuft mit 75 Prozent. Die Gespräche zur Ausweitung laufen“, erläuterte Dr. André Vielstädte am Donnerstag gegenüber dieser Zeitung. Als wäre der Druck bei den Schweinebauern nicht schon groß genug, endet die Schlachtung in Sögel am heutigen Freitag. Zerlegt werden darf bis Sonntag, dann steht alles still – und zwar für 22 Tage. Für die Landwirte kommt das einer Katastrophe gleich. 

Vielstädte vereist auf die ISN – die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. Immer mehr Vertreter des Berufsstands gerieten unverschuldet in eine existenzielle Notlage, beklagt man dort. Inzwischen fehlen laut ISN 120.000 Schweineschlachtungen in der Woche, nur um den Stau nicht weiter zu vergrößern. „Was da passiert, ist nicht mehr verhältnismäßig“, sagt der Tönnies-Sprecher. 

Ruinöse Entwicklung

Dass manch ein Schweinebauer derzeit nicht mehr aufstallt, weil es ihn in den Ruin treiben würde, hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass die Tiere jeden Tag, den sie über dem vorgesehenen Schlachttermin liegen, schwerer und fetter werden. Damit erfüllen sie nicht mehr die Zielvorgaben. Und während der Bauer weiter füttert und Geld investiert, sinkt der Wert des gemästeten Tiers. Als wäre das noch nicht genug, ist der Preis auf einem Niveau angelangt, das kaum unterirdischer sein könnte. So hatte die Vereinigung der Erzeugergemeinschaft vor vier Wochen die Notierung um 20 Cent auf 1,27 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht gesenkt. Damit wollte man jenen Rückstau in den Ställen vermeiden, mit dem man nun zu kämpfen hat. Gleichwohl hat der Preis nach wie vor Gültigkeit. Zum Vergleich: Ende 2019 wurden mehr als zwei Euro bezahlt.

Kritik an Behörden

Die Unternehmensführung von Tönnies geht davon aus, dass die Ursache für die Zahl von 112 Covid-19-Fällen unter den 1800 Beschäftigten am Standort Sögel nicht im Betrieb selbst, sondern im insgesamt hohen Infektionsdruck des Emslandkreises zu suchen ist. Mehr noch: Zuletzt sei die Kurve innerhalb der Belegschaft wieder abgeflacht, heißt es in Rheda. Sprecher Dr. André Vielstädte wertet das ebenso wie der Weidemark-Geschäftsführer Christopher Rengstorf als Indiz dafür, dass die vom Werk getroffenen Maßnahmen Wirkung zeigen. 

„Was da passiert, ist unverhältnismäßig“

„Es gibt kein Cluster bei uns“, sagt Dr. André Vielstädte. Die Positivfälle in Sögel seien ganz im Gegensatz zum Stammsitz Rheda, wo im Juni vor allem die Zerlegung betroffen war, in unterschiedlichen Abteilungen zu finden. In seinen Augen zeigt das, dass sich das Virus außerhalb der Werkstore verbreitet hat und von dort hineingetragen wurde. Insofern sei die Verfügung des Emslandkreises, den Schlachtbetrieb für mehr als drei Wochen lahmzulegen, nicht nachzuvollziehen. „Was da passiert, ist unverhältnismäßig.“ 

Keine kollektive Quarantäne

Im Gegensatz zum Werk Rheda, wo nach dem Corona-Ausbruch im Juni die Belegschaft kollektiv unter Quarantäne gestellt wurde, dürfen die Beschäftigten in Sögel einfach nur nicht arbeiten. Dass sie sich nun in der unerwartet gewonnenen Freizeitphase in der Öffentlichkeit tummeln, dort einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind und überdies nicht mehr täglich im Betrieb auf Corona getestet werden, macht die Gefahr in den Augen der Konzernspitze noch größer. Die Behörden konterkarierten so „lösungsorientierte Mechanismen“, meint Vielstädte. 

140.000 Tests

In den vergangenen Wochen sind laut Tönnies am Standort Rheda etwa 140.000 Tests durchgeführt worden. Die Zahl der Infizierten bewegt sich Vielstädte zufolge weit unter dem Durchschnittswert. 

Inzwischen hat der Landkreis Emsland die kritische Marke von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten. Der Inzidenzwert lag am Donnerstag bei 55,4.

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