Behörden wollen Einhaltung der Quarantäne sicherstellen
Laschet schließt Lockdown nicht mehr aus

Rheda-Wiedenbrück/Düsseldorf (WB/OH/dpa). NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schließt nach dem Corona-Ausbruch mit nun mehr als 800 Infizierten beim Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück einen regionalen Lockdown nicht mehr aus. Das Infektionsgeschehen könne noch lokalisiert werden. „Sollte sich dies ändern, kann auch ein flächendeckender Lockdown in der Region notwendig werden“, sagte Laschet am Freitagabend in Düsseldorf.

Freitag, 19.06.2020, 21:14 Uhr aktualisiert: 20.06.2020, 05:01 Uhr
Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, spricht während einer Pressekonferenz zum Corona-Massenausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies. Foto: dpa

Um eine Ausbreitung des Coronavirus nach den massenhaften Infektionsfällen beim Fleischkonzern Tönnies zu verhindern, will NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) alle Kräfte mobilisieren.

Er bezeichnete den Ausbruch im Rheda-Wiedenbrücker Unternehmen am Freitagabend als „das größte, bisher nie dagewesene Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen“. Gelingt es nicht, die Ausbreitung einzudämmen, drohe ein regionaler Lockdown. Der könnte nicht nur den Kreis Gütersloh treffen.

Denn Laschet sieht ein großes Problem in der breiten Streuung der Wohnorte der fast 7000 Tönnies-Beschäftigten am Stammsitz. Der Ministerpräsident sprach von einer schwierigen Lage, weil die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs neben dem Kreis Gütersloh auch in Warendorf, Soest, Bielefeld, Hamm und anderen Orten lebten. Diese Streuung berge eine „enorme Pandemiegefahr“. Wegen der großen räumlichen Betroffenheit wurde ein regionaler Krisenausschuss der Bezirksregierungen Detmold, Münster und Arnsberg gebildet.

Laschet betonte, dass untersucht werden müsse, ob es bei Tönnies Verstöße gegeben habe. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hatte Freitagmittag erklärt, wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz zu ermitteln. Das Verfahren richte sich zunächst gegen Unbekannt. Laschet sagte, dass auch untersucht werden müsse, warum Fleischbetriebe in aller Welt anfällig für Corona-Ausbrüche in großem Ausmaß sind. Das Land werde dies in Rheda-Wiedenbrück wissenschaftlich untersuchen lassen.

Landeskabinett bewertet Lage am Sonntag

Das NRW-Landeskabinett will sich am Sonntag in einer Sondersitzung mit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies beschäftigen. Dort werde die Landesregierung nach einem Bericht von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Lage erneut bewerten, sagte Laschet. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) hätten zugesagt, so viel Personal bereitzustellen, wie erforderlich ist. „Es wird alles getan, was nötig ist – auch mit Unterstützung des Bundes“, sagte Laschet.

Er appellierte an die Menschen vor allem in der Region Gütersloh, Hygieneregeln „ganz streng“ einzuhalten. „Jeder einzelne ist jetzt gefordert, auch der nicht in der Fleischindustrie beschäftigt ist“, sagte Laschet. Jeder solle sich unter anderem an die Maskenpflicht halten und Abstand zu anderen Menschen wahren.

Quarantäne nochmals erweitert – auch Konzernchef betroffen

Erschwert wird die Bekämpfung des Virus nach Informationen dieser Zeitung durch etliche Verstöße gegen die Quarantäneregeln. Diese wurde vom Kreis Gütersloh auf alle Beschäftigten am Tönnies-Stammsitz sowie deren in häuslicher Gemeinschaft lebenden Angehörigen erweitert. Zunächst waren am Mittwoch nur die 6400 in der Produktion tätigen Beschäftigten in Isolation geschickt worden. Jetzt gilt die Quarantäne auch für insgesamt 600 Lkw-Fahrer und Verwaltungsmitarbeiter inklusive der Manager an der Firmenspitze. Einige dürfen aber in Arbeitsquarantäne zwischen ihrem Zuhause und Büro pendeln. Das gilt auch für Konzernchef Clemens Tönnies.

Um positiv und negativ getestete ausländische Werkvertragsarbeiter räumlich zu trennen, die oftmals in Gemeinschaftsunterkünften leben, sollen Wohnungen, Hotels, Reha-Kliniken und Jugendherbergen genutzt werden.

„Wir werden alles unternehmen, um einen weitreichenden Lockdown im Kreis Gütersloh zu verhindern. Leider müssen wir feststellen, dass die für das Personal in den Produktionsbereichen am 16. Juni erlassenen Quarantänen nicht von allen eingehalten wurden“, erklärte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) diesen Schritt. Auch sollen mehrere osteuropäische Werkvertragsarbeiter dem Vernehmen nach angesichts der für 14 Tage angeordneten häuslichen Isolation versuchen, in ihre Heimatländer zu fahren. Um sie besser über die Situation zu informieren und ihre Anliegen aufzunehmen, werden laut Laschet Dolmetscher organisiert.

Einsatzhundertschaften der Polizei unterstützen Ordnungsämter

Die Überprüfung der Quarantäne wird jetzt in Zusammenarbeit mit den örtlichen Ordnungsbehörden und mit weiteren auswärtigen Kräften deutlich verstärkt werden, kündigte Adenauer an. Dafür schickt das Land zusätzliche Polizeikräfte in die Kreise Gütersloh und Warendorf, wo die meisten Tönnies-Beschäftigten leben. Einsatzhundertschaften sollen die Ordnungsämter vor Ort unterstützen, um die Einhaltung der Quarantäne durchzusetzen.

Zur Unterstützung der kommunalen Gesundheitsämter sollen insbesondere 20 Scouts der Bundeswehr dem Kreis Gütersloh im Bereich der Kontaktpersonenfeststellung helfen. Zudem forderte der Kreis beim Land Hilfe an, um „mit einer großen Zahl von mobilen Teams die Unterkünfte aufzusuchen, Abstriche zu machen, medizinische Beratung und Betreuung zu gewährleisten und auch zu schauen, wer in den Unterkünften anzutreffen ist“.

Landrat Adenauer erklärte: „Die oberste Priorität für den Kreis Gütersloh ist es, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Zudem sollen die Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben, die bestmögliche Unterstützung und Hilfe bekommen.“

Versorgung in der Quarantäne sicherstellen

Laut Laschet sind der Fleischkonzern und seine Werkvertragspartner mit Unterstützung der Behörden in der Pflicht, die Versorgung der Menschen in Quarantäne mit Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs sicherzustellen.

Die Maßnahmen zu den weiteren Betriebsschließungen werden von Kreismitarbeitern, die dort unter anderem in der Fleischkontrolle tätig sind, begleitet und überwacht. So haben sie nach Angaben des Kreises unter anderem Tore verplombt, Eingänge überwacht und Lkws kontrolliert. Die angeordnete Werksschließung umfasst einen Zeitraum von 14 Tagen.

Nach Angaben der Gütersloher Kreisverwaltung wurden nach dem Entdecken des Infektionsherds mittlerweile weitere 3500 Mitarbeiter auf das Virus getestet. Am Freitag seien allein bei 1450 Beschäftigten Abstriche genommen worden. Bislang wurden insgesamt 803 positive Befunde registriert. 463 Tests waren negativ. Die restlichen Ergebnisse stehen noch aus.

Laschet zeigt Verständnis für Eltern - Kritik vom Elternbeirat

Auch die Bundesregierung drang auf Eindämmung des Ausbruchs. Es komme jetzt darauf an, möglichst schnell die Infektionsketten zu unterbrechen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Berlin. Daher sei es richtig, dass im Landkreis Gütersloh in großem Maßstab Reihentests angeordnet worden seien. Das Robert Koch-Institut habe Kontakt mit dem Gesundheitsamt vor Ort.

Laschet zollte derweil den Eltern und Kindern im Kreis Gütersloh Respekt, die wegen des Corona-Ausbruchs bei Tönnies nun wieder mit geschlossenen Schulen und Kitas konfrontiert sind. Ausgerechnet sie seien die ersten, die von den Maßnahmen der Behörden betroffen seien, sagte er. „Ich kann das sehr nachvollziehen, nachempfinden, was das für ein Kind bedeutet“. Das sei sehr schwer zu erklären, sagte Laschet.

Der Landeselternbeirat (LEB) hatte zuvor die Rücknahme der pauschalen Schul- und Kitaschließungen im Kreis Gütersloh gefordert. „Diese sind sachlich unbegründet und gehen klar zu Lasten der Familien und insbesondere zu Lasten der Kinder“, kritisierte der LEB. Mehrere Studien zeigten, dass sich Kinder seltener infizierten als ihre Eltern. Mehrfach habe der Elternbeirat den geringschätzenden Umgang der Politik mit Kindern und ihren Eltern in der Corona-Krise beklagt. Auch Kindertageseinrichtungen (Kleinkinder) würden pauschal unter Generalverdacht gestellt.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7459155?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2730030%2F
Corona-Pandemie: Teil-Lockdown bis zum 10. Januar
Bundeskanzlerin Merkel (M) spricht bei einer Pressekonferenz nach der Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer.
Nachrichten-Ticker