Rheda-Wiedenbrück
Im Kirchenschiff zu Grabe getragen

Rheda-Wiedenbrück (gdd) - Ritter Otto de Wendt, 1538 auf Schloss Holtfeld geboren, 1613 in Wiedenbrück verstorben, blickt mit ernster Miene von seiner Grabplatte aus gelblichem Sandstein ins Leere. Die Figur ist verwittert, zwei weitere historische Grabplatten daneben sind es noch sichtbar mehr.

Sonntag, 07.06.2020, 19:45 Uhr aktualisiert: 07.06.2020, 20:31 Uhr

Der Zahn der Zeit nagt an ihnen, seit sie 1893 aus dem Inneren der Pfarrkirche St. Aegidius entfernt und an der südöstlichen Turmseite platziert worden sind. Vor vier Wochen hat die Stadt erstmals Hinweistafeln angebracht, dank einer Initiative des Heimatvereins Wiedenbrück-Reckenberg. „Endlich“, sagt Dr. Wilhelm Sprang. Der Lehrer am Reckenberg-Berufskolleg ist seit zwei Jahren Vorsitzender. „Denn wir rücken somit die Stadtgeschichte vor aller Augen in den Mittelpunkt historischer Betrachtungen. Nun kann sich jedermann auch ohne Stadtführer vor Ort informieren lassen.“

Die meisten steinernen Zeitzeugen sind verschwunden

Die Texte zur Historie lieferten Siegrid Theen, zweite Vereinsvorsitzende, und Heimatvereinsmitglied Christoph Beilmann. Etwa darüber, dass bis 1824 auch in der Kirche so mancher bekannte Pohlbürger bestattet worden ist. Je nach Rang der verstorbenen Person lagen Grabplatten und Ruhestätten an unterschiedlichen Stellen im Kirchenschiff-Fußboden.

Hochrangige Tote der Geistlichkeit wurden im Chor, der Adel und die Patrizierfamilien in den Gängen oder an den Wänden bestattet. Die Gläubigen liefen bei jedem Kirchenbesuch über sie hinweg, zerstörten so die Gestaltung. Mit der Zeit sind fast alle Grabplatten verschwunden.

Die heute noch erhaltenen drei Exemplare entgingen nur zufällig diesem Schicksal. Sie waren im Weg, wurden hochkant an die Kirchenaußenwand gestellt. Das am besten erhaltene zeigt Ritter Otto. Er wurde bis 1893 von der Orgeltreppe verdeckt, ist daher weniger abgenutzt als die anderen Grabplatten: Sie werden dem Ehepaar Paris August von Haxthausen (1663 bis 1709) und seiner Frau Johanna Maria Salomé von Haxthausen (? bis 1717), geborene von Hemmelburg zugeordnet.

Paar lebte auf Haus Aussel in Batenhorst

Das Paar lebte auf Haus Aussel. 1689 ließ es das so genannte Bauhaus, ein Stall- und Scheunengebäude, errichten. Im Torbogen des Gebäudes sind ihre Namen zu lesen. Im Rahmen der umfassenden Sanierung der Kirche wurden die drei Grabplatten restauriert. Im Mai 2020 hat der Landschaftsverband die Stadt angewiesen, dass sie in die Liste der Baudenkmäler aufzunehmen sind.

Wenn die berühmte Lyrikerin Luise Hensel aus dem Fenster sah, blickte sie geradeaus auf die Kapelle der Pfarrkirche St. Aegidius. Die Pieta hinter vergittertem Glas hat sie, die im 19. Jahrhundert ein Zimmer im Haus Markt 9 bewohnte, nachweislich inspiriert.

Das spätgotische Gnadenbild ist kostbar, es wird auf 1520 datiert und für ein Werk des Osnabrücker Meisters Evert von Roden (älterer Name: Meister von St. Johannis) gehalten. Jüngst wurde es im Rahmen der Restaurationen am Gotteshaus entstaubt, der Ziergiebel darüber, die Bekrönung, erneuert Luise Hensel hat die Pieta damals zu einem Gedicht inspiriert.

Gebäude als Teil der Geschichte

Der Kirchenvorstand bedankte sich kürzlich in einem Brief an den Heimatverein Wiedenbrück-Reckenberg. Anlass sind die vier neuen, stilvollen Informationstafeln, die dieser Tage an den Grabplatten, dem Vesperbild und dem Grundstein von 1502 neu angebracht wurden. Im Schreiben heißt es: „Geschichtliche Informationen haben Sigrid Theen und Christoph Beilmann geliefert, vielen Dank den beiden! Die Tafeln sind wirklich schön geworden und machen unsere Hauptkirche von einem Gebäude zu einem Teil unserer Geschichte.“

Es sei ein Glück, sagt Sprang, dass die Aegidiuskirche noch vor der Reformation fertiggestellt werden konnte. „Wer weiß, was sonst daraus geworden wäre.“ Damals waren die Zeiten nämlich wild: Klöster wurden geschlossen, Mönche arbeitslos, um 1560 wurde die Kirche evangelisch – das blieb sie 80 Jahre lang. „Die Messen wurden zeitweise von einer verheirateten evangelischen Pfarrerin gehalten.“

Ein aktuelles Thema wurde im Kontext mit der jüngsten Instandsetzung der Pfarrkirche im Vorstand des Heimatvereins angesprochen: Rund um die Kirche gibt es vier kleine Flächen, in die man, ähnlich wie am Rathaus, Rosen pflanzen könnte.

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