Clemens Tönnies sieht Fleischbranche zu Unrecht im Fokus
„Generalverdacht nicht redlich”

Rheda-Wiedenbrück (WB). Deutschlands größter Schlachthof Tönnies wehrt sich dagegen, dass jetzt eine ganze Branche unter Generalverdacht gestellt wird. „Wir sind offen für die Testung aller Mitarbeiter wenn ein Infektionsgeschehen herrscht“, sagte Konzernchef Clemens Tönnies (63) am Freitag mit Blick auf einen neuen Corona-Erlass des NRW-Arbeitsministeriums. Jedoch seien „die Auflagen der ungezielten generellen Wohnraumkontrolle“ nicht gerechtfertigt. Mit Clemens Tönnies sprach Paul Edgar Fels.

Freitag, 08.05.2020, 15:54 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 15:56 Uhr
Konzernchef Clemens Tönnies. Foto: Oliver Schwabe/Archiv

 

Herr Tönnies, der Fall Westfleisch im Kreis Coesfeld schlägt hohe Wellen. Dort sind mehr als 120 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Als Reaktion nimmt ein neuer Erlass des NRW-Arbeitsministeriums mit einer Reihe von Hygiene-Vorschriften die hiesigen Schlachthöfe in den Fokus. Ist das in Ordnung oder ärgert Sie das?

Clemens Tönnies: Ich wundere mich darüber, dass unsere Branche hier unter Generalverdacht gestellt wird. Zumal die Politik uns zu Beginn der Corona-Krise signalisiert hat: Ihr seid systemrelevant und müsst eure Produktion aufrecht erhalten. Ihr habt einen Versorgungsauftrag. Dafür wurden die Erlasse entsprechend abgeändert. Wir haben parallel ein ganz hohes Maß an Vorsorge getroffen. Jetzt so zu tun, als wenn das Risiko bei den Schlachthöfen liegt, das halte ich für unredlich. Gleichwohl tun wir weiterhin alles, um die Gesundheit unserer Mitarbeiter und den Versorgungsauftrag aufrecht zu erhalten.

 

Ihr Konzern muss unter anderem alle Beschäftigten und externen Werkvertragsmitarbeiter in NRW auf den Erreger testen. Das sind allein in Rheda jeweils rund 3250 Personen. Eine teure Herkulesaufgabe?

Tönnies: Wir sind offen dafür, die Tests durchzuführen, wenn wir damit eine Risikominimierung erreichen. Dann ist das in Ordnung. Dabei gilt aber auch: Der Kreis Gütersloh ist angesichts insgesamt niedriger Corona-Zahlen überhaupt kein so genannter Hot-Spot.

 

Wieviele bestätigte Coronavirus-Fälle gibt es unter den 16.500 Beschäftigten der Tönnies-Gruppe? Sie haben neben Rheda-Wiedenbrück ja noch weitere Standorte.

Tönnies: Seit März gab es vier Fälle, zwei davon waren Rückreisende aus Tirol, zwei aus der Produktion an Außenstandorten. Wir haben sie und die Kontaktpersonen sofort isoliert.

Dürfen Sie Ihr eigenes Labor dazu nutzen. Das hatten Sie ja schon mal für der Deutsche Fußballliga (DFL) für die Bundesliga-Spieler angeboten.

Tönnies: Auf den akuten Nachweis sind wir nicht eingerichtet. Aber wir testen unsere Mitarbeiter derzeit in unserem eigenen Labor auf Antikörper. Wir suchen quasi nach der berühmten Dunkelziffer, um zu sehen: Haben unsere Maßnahmen gegriffen.

 

Zum Erlass gehört auch, die Belegung der Unterkünfte so zu gestalten, dass kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Die Zimmer sollen grundsätzlich auf Einzelbelegung ausgerichtet werden. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Tönnies: Das ist mit der heißen Nadel gestrickt. Was mache ich da zum Beispiel mit Ehepartnern, Pärchen oder Geschwistern. Die kann ich doch jetzt nicht zwangstrennen. Da sind wir im Dialog mit den Behörden.

 

Betreibt der Tönnies-Konzern Sammelunterkünfte wie Westfleisch im Kreis Coesfeld oder Vion in Steinberg?

Tönnies: Nein. Der Großteil unserer Mitarbeiter wohnt in Drei- oder Vier-Zimmerwohnungen, verteilt auf Stadt und Umland. Großunterkünfte wie Kasernen oder ehemalige Jugendherbergen gibt es bei uns nicht.

 

Wie hat sich die Corona-Pandemie bisher auf die Geschäfte im Konzern ausgewirkt? Die Gastronomiebetriebe hatten ja immerhin rund acht Wochen Zwangspause. Wie hoch sind die Umsatzrückgänge?

Tönnies: Die Pandemie hat das Ernährungsverhalten erheblich verändert. Das hat schon durchgeschlagen. Die Gastronomie und der Kantinenbereich sind komplett eingebrochen, dagegen konnten wir über den Lebensmittelhandel etwas kompensieren. Da auch der Export weitergeht, sind wir noch im Plan.

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