Corona: Was Angehörige dem Pflegebevollmächtigten schreiben
„Demenzen verlaufen schneller”

Rheda-Wiedenbrück (WB). Wohl keine Gruppe leidet in den Corona-Zeiten so unter den Kontaktbeschränkungen wie Menschen in Pflegeheimen. Christian Althoff sprach über ihre Situation mit dem Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, dem Staatssekretär Andreas Westerfellhaus (62) aus Rheda-Wiedenbrück.

Freitag, 01.05.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 02.05.2020, 13:36 Uhr
Andreas Westerfellhaus ist seit zwei Jahren Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Foto: dpa

 

Manche Bewohner von Altenheimen beklagen, auf sie werde Druck ausgeübt, das Haus nicht zu verlassen. Ist es ein Problem, dass pflegebedürftige und fitte Alte unter einem Dach leben und deshalb die Abschottung nicht so gelingt, wie es eine Heimleitung vielleicht möchte?

Andreas Westerfellhaus: Für die ganz große Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen ist das Risiko, dass eine Infektion mit dem Coronavirus einen schweren Verlauf nehmen könnte, hoch. Die Pflegeeinrichtungen, aber auch die Landesregierungen stehen damit vor einem Dilemma. Die Bewohner benötigen viel Schutz. Das darf aber nicht so weit gehen, dass allen Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen pauschal und dauerhaft das Recht genommen wird, die Einrichtungen zu verlassen.

Ich verlange deshalb von den Landesregierungen, dass sie Spielräume für die Einrichtungen schaffen, in denen sie abwägen können: wie viel Infektionsschutz ist nötig und wie viel Bewegungsfreiheit und wie viele Besuche zu welchen Bedingungen können wir möglich machen? Denn eines ist auch klar: die Bewohner von Pflegeeinrichtungen leiden sehr darunter, wenn gewohnte Kontakte nicht mehr möglich sind.

 

Gibt es Erkenntnisse, ob und wie demente Menschen in Pflegeeinrichtungen den fehlenden Kontakt zu Verwandten wahrnehmen?

Westerfellhaus: Wir sollten die Folgen, die der Abbruch von Kontakten auf Menschen mit Demenz hat, nicht unterschätzen. Natürlich ist das Vergessen ein Teil der Erkrankung, aber das heißt ja nicht, dass die Menschen gerade das vergessen würden, was ihnen aktuell genommen wird und es dann nicht vermissen.

Ich bekomme vielmehr von vielen Angehörigen die Rückmeldung, dass ihre pflegebedürftigen Angehörigen die Situation nur schwer verkraften, dass sie unter den fehlenden Kontakten leiden und die Erkrankung ungewohnt schnell fortschreitet.

 

Wenn Menschen aus Pflegeheimen oder ihre Angehörigen Kontakt zu Ihnen suchen - was sind ihre Anliegen?

Westerfellhaus : Ich habe gerade aktuell per Telefon oder E-Mail viel Kontakt zu Bewohnern von Pflegeeinrichtungen, oft in ihrer Funktion als Bewohnervertretung, und zu ihren Angehörigen. Das bestimmende Thema dabei sind ganz klar die Besuchseinschränkungen und -verbote, die die meisten als zu streng einschätzen.

Viele Angehörige waren vor Corona jeden Tag oder zumindest mehrfach in der Woche vor Ort, haben Getränke oder Speisen angereicht, Hände eingecremt oder einfach nur Gesellschaft geleistet. Das fehlt jetzt. Und bei allem Vertrauen in die Pflegekräfte machen die Menschen sich natürlich auch Sorgen, ob die Pflegekräfte diese Zuwendung jetzt angesichts aller anderen Arbeit auch noch ersetzten können.

 

Wenden sich Pflegekräfte mit Anliegen an Sie? Im Fernsehen konnten man zuletzt ambulante Pflegekräfte sehen, die Atemschutzmasken mit Ventil zum Ausatmen tragen, also ohne echten Schutz für den zu Pflegenden. Ist unzureichende Schutzausrüstung in den Altenheimen noch immer ein Problem?

Westerfellhaus: Natürlich wenden sich auch Pflegekräfte und Pflegeeinrichtungen an mich. Die Maßnahmen zur Beschaffung von Schutzausrüstung zeigen inzwischen Wirkung, und die Verfügbarkeit hat sich deutlich verbessert.

Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte ist aktuell natürlich immer noch enorm. Hier muss sich – das habe ich aber auch schon vor der Corona-Pandemie gesagt – endlich nachhaltig etwas an den Arbeitsbedingungen und der Personalausstattung in den Pflegeeinrichtungen ändern.

Ich erwarte deshalb von allen Beteiligten, den Einrichtungen, ihren Trägern und natürlich auch von den Pflegekassen, dass da jetzt endlich an einem Strang gezogen wird.

Wer kümmert sich eigentlich darum, dass die Menschen, die zu Hause Angehörige pflegen, Schutzausrüstungen bekommen?

Westerfellhaus: Da muss man nach der jeweiligen Versorgungssituation differenzieren. Schutzausrüstung ist in der häuslichen Pflege in bestimmten Situationen nötig. Sie kann je nach Bedarf zum Beispiel mit den zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmitteln bezogen werden. Die Versorger können sich mit ihrem Bedarf bei den Bundesländern melden, die die Verteilung für alle Bedarfsträger außer den niedergelassenen Ärzten übernehmen.

 

Wird sich in der Pflege dauerhaft etwas verändert haben, wenn die Coronakrise eines Tages vorbei ist?

Westerfellhaus: Ja, davon bin ich überzeugt. Die Pandemie zeigt uns ganz deutlich, was die Pflegenden leisten und vor allem, was sie leisten können, wenn man sie lässt. Ich kann mir etwa nicht vorstellen, dass man die Kompetenzen, die man den Pflegenden jetzt befristet zuerkennt, nach der Pandemie wieder zurücknimmt. Interprofessionelle Zusammenarbeit bekommt gerade einen ganz großen Stellenwert. Die Digitalisierung kommt voran. Wir sehen auch, dass Pflegekammern in einer solchen Zeit ein wichtiger Ansprechpartner sein können. Nicht nur die pflegerische, sondern die gesamte Gesundheitsversorgung wird durch die Pandemie auf ein neues, modernes Niveau gebracht werden müssen.

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