Rheda-Wiedenbrück
Was erstaunt Kreuztracht-Messdiener?

Rheda-Wiedenbrück (eph) - Die Bildansicht selbst ist eine eher vertraute: Sie zeigt in Schwarz-Weiß eine Szene der Wiedenbrücker Kreuztracht. Vor dem damaligen Geschäftshaus Runde am Klingelbrink wendet sich die Karfreitagsprozession nach rechts, um die Lange Straße hinaufzuziehen.

Samstag, 04.04.2020, 12:00 Uhr aktualisiert: 04.04.2020, 12:46 Uhr

An der Spitze eine Gruppe von vier jungen Messdienern, danach drei ältere Ministranten, von denen der mittlere ein mit (Folter-)Werkzeug behangenes Kreuz trägt. Es folgt eine Gruppe von etwa zwölf Franziskanern in ihren charakteristischen Kutten. Und mittendrin der Jesusdarsteller mit dem schweren Holzkreuz auf der rechten Schulter. Es ist ein Bild, wie es wohl viele in Archiven oder privaten Fotoalben gibt. Und doch ist etwas anders an dieser Aufnahme. Bei näherer Betrachtung des Fotos fällt auf, dass die Gesichtsausdrücke der vier jüngeren Messdiener so gar nicht zu der feierlichen Atmosphäre passen wollen. Die Blicke richten sich nach rechts.

Archivfoto gibt Rätsel auf

Aus den Gesichtern lässt sich Erstaunen, Schrecken, bei einem Jungen sogar pure Angst ablesen. „Was erregt in diesem Moment die Aufmerksamkeit der Messdiener?“ Diese Frage stellt sich aktuell der Heimatverein Wiedenbrück-Reckenberg. Das Foto und eine weitere ähnliche Aufnahme von der Prozession entstammen dem Archiv der Wiedenbrücker Familie Kirschner. „Die Messdiener waren damals um die zehn Jahre alt. Wenn sie noch leben, müssten sie heute etwa 90 Jahre alt sein“, sagt Andreas Kirschner, der Vorstandsmitglied des Heimatvereins ist und das Foto auf die Jahre 1938 bis 1942 datiert.

Geschossen hat es mit großer Wahrscheinlichkeit sein Vater Ewald Kirschner, ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf, der später eine Drogerie mit Fotoabteilung führte – zunächst am Klingelbrink und danach an der Kirchstraße („Dom-Drogerie“). Sohn Andreas, Chronist des Heimatvereins und ebenfalls begeisterter Amateurfotograf, sieht eine mögliche Erklärung für die Blicke der Messdiener in der Nähe zum damaligen Hotel Fröhlich. Kirschner: „Das Hotel war seinerzeit die örtliche Zentrale der NSDAP. Gut möglich, dass es von dort aus zu Provokationen gegenüber den Teilnehmern der Karfreitagsprozession gekommen ist.“

Heimatverein hofft auf Hinweise von Zeitzeugen

Nähere Aufschlüsse darüber erhofft sich der Heimatverein von unmittelbar Beteiligten. Andreas Kirschner: „Wenn sich ein noch lebender Messdiener an diese konkrete Situation während der NS-Zeit erinnern kann, wäre es schön, von ihm Näheres zu den Umständen zu erfahren.“ Der Heimatverein Wiedenbrück Reckenberg ist telefonisch erreichbar unter Tel. 05242/3785526 sowie im Internet unter der E-Mail-Adresse info@heimatverein-wiedenbrueck.de.

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