Rheda-Wiedenbrück
Linteler Hof stellt Milcherzeugung ein

Rheda-Wiedenbrück (ebl) - Frische Milch per Knopfdruck: In Lintel ist das bis vergangener Woche möglich gewesen. Nun hat Familie Oesselke ihren Automaten ausgestellt - und zwar für immer. Die niedrigen Milchpreise in der Lebensmittelbranche haben zu dieser Handlung geführt.

Donnerstag, 20.02.2020, 16:54 Uhr

„Es rentiert sich nicht mehr“, sagt Hans-Jürgen Oesselke. Der Landwirt sieht keinen Sinn dahinter, den modernen Automaten auf seinem Hof am Stecker zu lassen. Gleichzeitig beendet er auch die Milcherzeugung in seinem Betrieb. Mehr als 60 Kühe produzieren täglich 1300 Liter – nun werden die Tiere abgegeben.

31 Cent für einen Liter

„Ein trauriges Kapitel“, nennt es der 52-jährige Linteler, der den Hof 1991 von seinem Vater übernommen hatte. Für einen Liter Milch bekommt die Familie 31 Cent vom Deutschen Milchkontor (DMK). „Das ist viel zu wenig“, beschwert sich Oesselke.

Darüber hinaus werden die Auflagen für die Landwirte nach und nach strenger. Der 1971 erbaute Kuhstall entspricht längst nicht mehr den Standards, um konkurrenzfähig zu sein. Abflussrohre, Futtersilos und Drainagen sind nur einige von vielen Baustellen, die im neuen Kuhstall für 70 Tiere erneuert werden müssten. Der Kostenpunkt liegt bei 1,3 Millionen Euro – einen Preis, den Oesselke nicht zahlen möchte.

„Es kommen zu wenig Menschen“

Der Automat ist Sinnbild dieses Dilemmas. Regelmäßig muss er aufgefüllt und gereinigt werden. Oft sind Reparaturen fällig. 2015 wurde das 150 Liter fassende Gerät aufgestellt, um unabhängig von großen Handelsketten Milch direkt an den Kunden zu verkaufen. Diese sind ausgeblieben. „Es kommen leider zu wenig Menschen vorbei, um dieses Angebot zu nutzen“, gesteht sich Hans-Jürgen Oesselke ein.

Besonders ärgerlich ist die Aufgabe der Milchproduktion für Sohn Christian. Der 28-Jährige hat seine Ausbildung zum Landwirt auf die Milcherzeugung spezialisiert. Dass der Hof dem ein Ende setzt, unterstützt er und wird daher zum Teil in einem anderen Betrieb arbeiten: „Auf einem Hof in Verl werde ich ab März mein erlerntes Wissen einbringen und meinen Beruf weiter ausüben. Das stimmt mich positiv“, blickt Christian Oesselke auf die kommende Zeit.

Erdbeeren stehen nun im Fokus

Der Hof wird eine Zukunft haben – davon sind Vater und Sohn überzeugt: „Wir werden den Fokus unter anderem auf den Anbau von Erdbeeren setzen. Hierfür haben wir Folientunnel auf den Feldern aufgebaut. Dadurch startet die Erdbeersaison früher und wir können unsere Waren für einen längeren Zeitraum anbieten“, erklärt Hans-Jürgen Oesselke.

Darüber hinaus bietet der Hof selbst hergestellte Produkte in zwei anderen Automaten an: Marmelade, Fruchtgummi, Sirup, Aufstriche und Eier stehen den Kunden zur Verfügung.

63.000 Betriebe an Milcherzeugung beteiligt

Die Milcherzeugung ist der wichtigste Produktionszweig der deutschen Landwirtschaft, heißt es vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Im Jahr 2018 produzierten knapp 63.000 Betriebe mit 4,1 Millionen Tieren rund 33 Millionen Tonnen. Die Milchpreise sinken Jahr für Jahr: 2017 betrugen die Kosten im bundesweiten Durchschnitt 36 Cent pro Kilogramm, 2019 haben die Landwirte 33 Cent für diese Menge bekommen.

Der Grund für den Preissturz ist das Überangebot am Markt. Die Nachfrage sinkt, obwohl die Produktion konstant bleibt. Die Zahl der Milcherzeuger sinkt ebenfalls – ihre Ställe und Kühe werden Schritt für Schritt von großen landwirtschaftlichen Betrieben übernommen. Auch die Abschaffung der Milchquote im Jahr 2015 hat diesen Trend begünstigt. Die Molkereien verfügen daher über einen Überangebot an Milch und versuchen diese für niedrige Preise an Handelsketten zu veräußern.

Streit mit Supermarktketten

Zu den größten Molkereigenossenschaften gehört das Deutsche Milchkontor (DMK), das seinen Hauptsitz in Everswinkel hat und in Deutschland, den Niederlanden und Russland mehr als 7000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen verarbeitet Milch von 8600 Erzeugern und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von knapp sechs Milliarden Euro.

Die Molkerei befindet sich aktuell in einem Streit mit den Supermarktketten Combi, Real, Famila und Netto. Die Händler haben Produkte der Marke „Milram“ aus ihrem Sortiment genommen, da das DMK als Lieferant höhere Preise fordert. Laut Milchkontor sollen die Bauern „angemessen“ vergütet werden, um nachhaltiger wirtschaften zu können.

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