Lydia Korte aus Rheda-Wiedenbrück erforscht die Geheimnisse hinter den Selbstporträts
Warum wir so gern Selfies machen

Rheda-Wiedenbrück (WB). Die Medienwissenschaftlerin Lydia Korte aus Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh) erforscht Selfies und erklärt, warum sich Frauen mit dem Handy anders knipsen als Männer.

Freitag, 01.11.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 08:30 Uhr
Lydia Korte aus Rheda-Wiedenbrück erforscht Selfies für ihre Doktorarbeit. Foto: Florian Weyand
Während der »Oscar«-Verleihung ging Moderatorin Ellen DeGeneres (3. von links) ins Publikum und rief einige Stars zum Selfie auf. Es entstand das wohl unglaublichste Foto der »Oscar«-Geschichte.

Während der »Oscar«-Verleihung ging Moderatorin Ellen DeGeneres (3. von links) ins Publikum und rief einige Stars zum Selfie auf. Es entstand das wohl unglaublichste Foto der »Oscar«-Geschichte. Foto: Imago

»Frauen fotografieren sich in der Regel von oben und wollen dadurch niedlicher erscheinen. Männer fotografieren sich eher von unten und haben häufiger einen ernsten Gesichtsausdruck«, sagt Lydia Korte. Der Begriff »Selfie« setzte sich 2014 durch. Die US-Moderatorin Ellen DeGeneres posierte bei der »Oscar«-Gala mit Hollywood-Stars für ein Gruppenfoto. Das Bild und der Name »Selfie« gingen um die Welt.

Mittlerweile sind die Selbstporträts eine Selbstverständlichkeit. »Alle machen Selfies. Das geht über Bevölkerungsschichten und Länder hinweg«, sagt Lydia Korte. Es gebe aber kulturelle Unterschiede, stellt die Wissenschaftlerin fest. Menschen in der westlichen Welt machten andere Selfies als Menschen in China. »Chinesen sieht man häufig mit einem Selfiestick. Sie geben ihr Smartphone aber auch aus der Hand, um auf dem Foto eher als kleine Figur in einer großen Landschaft zu erscheinen«, sagt die 29-Jährige. In westlichen Ländern dagegen sei bei den Fotografen die Nähe zum Gesicht wichtig, um Emotionen rüberzubringen.

Briten mögen lieber Gruppen-Selfies

Auch Studien des britischen Wissenschaftlers Daniel Miller belegen diese Erkenntnisse. Er hat die Selfie-Vorlieben verschiedener Länder untersucht. Laut Miller und seinem Team mögen Briten eher Gruppen-Selfies. In Chile bevorzugt man es, beim Selfie entspannt auf der Couch zu liegen. Brasilianische Männer posieren gern mit freiem Oberkörper im Fitnessstudio.

In den vergangenen fünf Jahren sind Milliarden Selfies entstanden. Doch die Selbstporträts sind keine Neuheit – nur die Technik hat sich verändert. »Ein Vorbild sind Porträts, die man mit Polaroidkameras erstellt hat«, sagt Korte. Künstler wie Andy Warhol haben die Porträts bereits in Szene gesetzt. Viel früher haben sich Künstler wie van Gogh und Rembrandt auf Leinwände gemalt.

Die Motivation zur Selbstdarstellung ist unterschiedlich

Lydia Korte geht aber noch einen Schritt zurück – und blickt auf die Höhlenmalerei. »Menschen haben ihren Finger- oder Handabdruck abgebildet.« Dadurch haben sie einen Teil von sich auf Wänden oder Steinen hinterlassen.

Doch warum machen Menschen – ob jung oder alt – eigentlich Selfies? Die Motivation sei unterschiedlich, sagt die Wissenschaftlerin. »Man macht nicht nur Selfies, weil man sich selbst besser darstellen möchte.« Zudem gebe es nicht nur das eine Selfie, sondern verschiedene Variationen. »Die Bandbreite spielt eine wichtige Rolle – man kann das nicht in eine Schublade packen.«

Mittlerweile haben auch Politiker das Selfie als Wahlkampfin­strument entdeckt. Besonders bei den Demokraten in den USA habe das Selbstporträt zuletzt eine große Rolle gespielt. »Das ist eine interessante Strategie«, sagt die Wissenschaftlerin und weist auf die Politikerin Elizabeth Warren hin, die bei den kommenden Wahlen gegen Präsident Donald Trump antreten könnte. Sie baut ihren Wahlkampf um das Bild mit ihren Fans auf. Die Anhänger geben einem von Warrens Mitarbeitern ihr Smartphone und gehen eine Station weiter. Anschließend wird ein Foto von der Politikerin und dem Anhänger gemacht. Dann geht der Fan wieder weiter und lässt sich das Telefon zurückgeben. »Das ist strategisch durchgetaktet. Die Anhänger kommen nur noch für das Bild zu der Veranstaltung«, sagt Korte. Selfies in der Politik sind mittlerweile aber auch in Deutschland üblich. Angela Merkel posierte im Jahr 2015 mit Flüchtlingen. Es entstanden Fotos, die um die Welt gingen – und eine politische Botschaft vermittelten. Ganz ohne Worte.

Kriminelle nutzen Selfie-Videos für Bekennerbotschaften

Aber auch Kriminelle nutzen die Selbstdarstellung für ihre Zwecke, wie Lydia Korte erklärt. Meist werden Video-Selfies genutzt. Ein Beispiel sei das Bekennervideo von Anis Amri, der im Jahr 2016 einen Lkw auf einen Berliner Weihnachtsmarkt steuerte und zwölf Menschen tötete. »Das hat man zuletzt auch bei den Taten in Halle und in Christchurch gesehen.« Dadurch stehe die Selbstdarstellung der Täter im Vordergrund. Das Motiv der Taten rücke in den Hintergrund.

Die Mehrheit der Selfies wird aber nicht für politische oder kriminelle Zwecke, sondern für private Zwecke genutzt – aus Spaß oder als Erinnerung an schöne Momente. Diese Aufnahmen gefallen auch Lydia Korte, auch wenn sie selbst keine Selfies von sich macht. »Witzig finde ich Selfies mit Tieren. Da gibt es aber auch Grenzen, wenn mit Wildtieren posiert wird. Das halte ich moralisch für bedenklich. Wenn man aber Selfies mit den eigenen Haustieren macht, dann gibt es tolle Motive.«

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