Frühschicht: ein Besuch im Freibad Wenn andere gerade aufstehen, sind sie schon im Wasser

Rheda-Wiedenbrück (WB). Ein grauhaariger Mann im Bademantel steigt aus dem Auto. Die Schwimmbrille baumelt um seinen Hals. In Schlappen tapert er zum Eingang des Wiedenbrücker Freibads. Es ist 6.17 Uhr. Die Frühschwimmer kommen.

Von Jan Gruhn
Er passt auf die Frühsportler auf: Schwimmmeister Horst Brinkmann (58) im Wiedenbrücker Freibad.
Er passt auf die Frühsportler auf: Schwimmmeister Horst Brinkmann (58) im Wiedenbrücker Freibad. Foto: Jan Gruhn

Freibad-Wetter ist allerdings etwas anderes. Der Himmel ist grau, dicke Wolken haben sich vor die Morgensonne geschoben. Das Thermometer zeigt 14 Grad Celsius. Trotzdem fräst eine Handvoll Frühaufsteher tiefe Furchen in die Wasseroberfläche. Nicht schnell, aber unermüdlich.

Der Job hat sich verändert

Zwei Augen verfolgen das Ritual vom Rande des Beckens aus. Horst Brinkmann (58) hat einen Fleece-Pulli an. Der Wind lässt nicht nur den Schwimmmeister, sondern auch die Neuankömmlinge frösteln. Mit schnellen Trippel-Schritten versucht eine weißhaarige Frau, den zugigen Weg zwischen Umkleide und Wasser zu überwinden.

»24 Grad«, hat Brinkmann bei Dienstantritt im Becken gemessen. »Gestern waren es noch 26.«

Mit einem kleinen Messbecher geht er zum Beckenrand, schöpft einige Milliliter. Drei Mal am Tag müssen sie die Wasserqualität prüfen. Seit vierzig Jahren ist Brinkmann hier Schwimmmeister. Der Job hat sich verändert, ist komplexer geworden. Heute heißen die Mitarbeiter »Fachangestellte für Bäderbetriebe«. Aber Brinkmann macht ihn immer noch gern. »Ich wollte nie aufs Büro.«

100.000 Menschen haben das Freibad im letzten Jahr besucht

Die Frühschicht ist ruhig, auch wenn zwischen 6 und 8 Uhr in der Regel 150 Schwimmer in den Tag starten. Wenn das Wetter gut ist, sind es sogar 200. Aber Zeit für ein Schwätzchen bleibt immer. Zwei ältere Herren gleiten im Brust-Stil durch das Wasser. Sie grüßen den Schwimmmeister, ein kurzer Schnack. Man kennt sich eben. »Wir betreiben auch ein bisschen Seelsorge«, überlegt Brinkmann.

Morgens, 6 Uhr im Wiedenbrücker Freibad. Foto: Jan Gruhn

Doch so übersichtlich ist es natürlich nicht immer. Wenn die Temperaturen die 30-Grad-Marke knacken, wird es voll im Bad an der Rietberger Straße. Etwa 100.000 Besucher, inklusive Schul- und Vereinssport, waren es 2016 laut Stadtverwaltung insgesamt.

Nach so einem Tag ist der Schwimmmeister platt

Je heißer, desto voller. Das Bad ist immer auch ein bisschen Urlaubsersatz, weiß Brinkmann. Nur 80 Euro kostet eine Saisonkarte für die Familie. Allein ein Wochen­end-Ausflug kann teurer sein. Dann doch lieber ins Freibad.

Aber wer an solchen Tagen um 5 Uhr morgens anfängt und bis 13.30 Uhr Aufsicht hält, ist fertig mit der Welt. Die Technik muss funktionieren, hier und da wird ein Pflaster gebraucht, ab und zu verschwindet ein Handy.

Hinzu kommt, dass die Sonne mitunter auch den jugendlichen Hormonhaushalt erhitzt. Oder Eltern ihre Kinder aus den Augen lassen. »Dann ist man einfach geplättet«, meint Brinkmann.

In Badehose rein, als Banker wieder raus

Doch an diesem Tag bleibt es ruhig. Die Wolken haben sich verdichtet, das blaue Sonnensegel über dem Kinderbecken flattert im Wind auf und ab. Das Wasser wirkt beim Eintauchen im Verhältnis zur Luft fast mollig warm. Nach wenigen Zügen mit dem Kopf unter der Oberfläche verschwinden auch die letzten Geräusche.

Ein hagerer Mann mit grauen Haare nimmt Anlauf und springt vom Beckenrand schwungvoll in die blaue Stille. »Wir haben hier Leute, die kommen mit einem Kleiderbügel rein«, sagt Schwimmmeister Horst Brinkmann. Die Badehose tragen sie bereits drunter, damit es schnell ins Wasser gehen kann. »Die gehen dann als Banker wieder raus.«

Einige Stunden später, gegen Mittag, regnet es. Freibad-Wetter ist etwas anderes. Aber selbst Wasser von oben dürfte den Frühschwimmern wenig ausmachen.

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