Tönnies schließt Vertrag mit Tierschutzbund – Handel gegen Ferkel-Kastration ohne Betäubung Tierwohl gewinnt an Bedeutung

Rheda-Wiedenbrück (WB). Mit dem Schlachtrekord im ersten Halbjahr in Deutschland  rücken einmal mehr auch die Haltungsbedingungen der Tiere ins  Blickfeld. Branchenriese Tönnies in Rheda-Wiedenbrück reagiert auf die zunehmende Sensibilität der Verbraucher beim Tierschutz ebenso wie mehrere große Handelsketten.

Von Oliver Horst
Ferkel stehen in einem nach Vorgaben der »Initiative Tierwohl« ausgestatteten Stall auf dem Hof Schulte-Uffelage in Hilter bei Osnabrück.
Ferkel stehen in einem nach Vorgaben der »Initiative Tierwohl« ausgestatteten Stall auf dem Hof Schulte-Uffelage in Hilter bei Osnabrück. Foto: dpa

Tönnies hat  mit dem Deutschen Tierschutzbund  jetzt einen Lizenzvertrag für die Nutzung  des Tierschutzlabels unterzeichnet. Die Lizenz gilt für die Vermarktung von Fleischprodukten in der Einstiegsstufe des zweistufigen Labels. »Was die Schlachtbedingungen angeht, da sind wir führend. Alles, was dem Tierschutz zudem dient, ist gut«, sagt Tönnies-Sprecher Markus Eicher. Deshalb wolle der Konzern,  der 2014  insgesamt 17 Millionen Schweine geschlachtet hat, weitere Verbesserungen bei Aufzucht und Haltung der Tiere vorantreiben.

»Wenn es neben dem Interesse bei Verbrauchern und Handel einen ausreichend großen Markt gibt, werden wir entsprechende  Tierschutzsiegel-Produkte  anbieten«, sagt Eicher. Das wäre frühestens zum Jahreswechsel möglich. Das Potential werde jetzt geprüft, parallel würden mögliche Partner bei Schweinemastbetrieben und im Handel gesucht.

Einstiegsstufe und Premium-Label

Die Einstiegsstufe des Tierschutzlabels sieht in der Mast mehr Platz und mehr Beschäftigung für die Tiere vor. Zudem ist nach Angaben des Tierschutzbundes ein schonenderer Umgang mit dem Tier bis zum Schlachthof vorgeschrieben. »Das Tierschutzlabel bietet eine Kaufalternative, die von Verbrauchern gewünscht wird, die Fleisch essen, aber auch transparent wissen wollen, wie das Tier dafür gehalten wurde.

Schon mit der Einstiegsstufe, deren Kriterien weit über den gesetzlichen Standards liegen, erfahren die betroffenen Tiere sofort erste Verbesserungen«, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Er  bezeichnete den Vertrag mit Tönnies als weiteren Schritt auf dem Weg, mehr Tierschutz in der Breite zu erreichen. Der hat seinen Preis – und das ist eine Hürde im Handel. In der Einstiegsstufe kostet das Fleisch etwa 30 Prozent mehr.

Tönnies-Wettbewerber Vion nutzt das Tierschutzlabel schon länger. Der deutsch-niederländische Schlachtkonzern beliefert auch die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover. Sie bietet Kunden in Berlin seit 2013 Fleisch und Wurst mit Tierschutzlabel an. Seit April    führt die Edeka Minden nach eigenen Angaben als erster und bislang einzige Handelskette in Deutschland auch zehn Frischfleischartikel mit dem Premium-Tierschutzlabel in Bio-Qualität. »In der Einstiegsstufe ist noch einige Aufklärungsarbeit zu leisten, in der Premium­stufe haben wir derzeit mehr Nachfrage als Angebot«, sagt Edeka-Pressereferentin  Alexandra Antonatus. Dass auch Tönnies Ware mit dem Tierschutzlabel anbieten will, freue Edeka.

Nur noch betäubte Kastration

Unterdessen will auch der Handelskonzern Rewe mehr Tierschutz durchsetzen. Das Unternehmen kündigte an, bei seinen Eigenmarken von 2017 an kein Frischfleisch mehr zu verkaufen, das von betäubungslos kastrierten Schweinen stamme. Lidl verzichtet darauf nach eigenen Angaben seit 2014. Aldi strebt den Ausstieg ebenfalls 2017 an. Das deutsche Tierschutzgesetz sieht ein Verbot der umstrittenen Praxis erst von 2019 an vor. Nach Angaben von Rewe werden derzeit jährlich noch rund 20 Millionen männliche Ferkel ohne Betäubung kastriert, um die Bildung des unangenehmen Ebergeruchs zu verhindern. Dies zu stoppen, sei die erste  von mehreren vorgesehenen Tierschutz-Maßnahmen.

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