Harsewinkel
„Möchte mich nicht für Kirche schämen“

Marienfeld (jau) - Sie ist erst 16 Jahre alt. Sie ist die Jüngste von 230 Auserkorenen, die sich im Rahmen des Synodalen Wegs mit der Zukunft der katholischen Kirche beschäftigen. Und die Marienfelderin Johanna Müller wird in dem zweijährigen Prozess kein Blatt vor den Mund nehmen

Mittwoch, 05.02.2020, 10:45 Uhr

Ihre Meinung macht sie im Telefongespräch mit der „Glocke“ deutlich: „Die Struktur der katholischen Kirche ist nicht mehr zeitgemäß. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern möchte ich versuchen, das zu ändern.“ Ein „Weiter so“ wie bisher – das will die 16-Jährige nicht.

Engagiert in der St.-Marien-Gemeinde

Die blonde junge Frau ist engagiert in ihrer Heimatgemeinde St. Marien. Sie ist in Marienfeld als Messdienerin aktiv und singt dort im Mädchenchor. Sonntags besucht sie, wenn es eben geht, den Gottesdienst. Gerade absolviert die junge Marienfelderin, die die zehnte Klasse des Harsewinkeler Gymnasiums besucht, ein zweiwöchiges Schulpraktikum in der Pressestelle des Bistums Münster. Johanna Müller beteiligt sich aktiv am Gemeindeleben. Und sie steht dazu, auch vor Gleichaltrigen. Selbst wenn das nicht immer gut ankommt. „Manchmal gelte ich deshalb als Sonderling“, so die 16-Jährige.

Es muss sich einiges verändern, damit die katholische Kirche eine Zukunft hat

Aber sie sagt auch, dass sich einiges ändern muss, damit die katholische Kirche eine Zukunft hat. Und daran möchte sie aktiv mitarbeiten. Warum? „Ich möchte mich nicht mehr für meine Kirche schämen müssen. Ich wünsche mir eine glaubwürdige, unaufdringliche und authentische Kirche, hinter der man wieder stehen kann, ohne schief angeschaut zu werden“, sagt Johanna Müller, die sich nicht beirren lässt. Und dass sie etwas verändern möchte, finden die meisten ihrer Mitschüler dann wieder „cool“, wie sie sagt.

Anstoß für Veränderungsprozess sind die unzähligen Missbrauchsfälle

Anstoß für den Veränderungsprozess in der katholischen Kirche in Deutschland waren die unzähligen Missbrauchsfälle. Auch dazu hat Johanna Müller eine klare Meinung: „Der sexuelle Missbrauch an sich ist schon grauenhaft. Aber genau so schlimm ist die Vertuschung des Ganzen. Die Machtstrukturen – das geht so nicht mehr.“

16-Jährige sieht den Zölibat kritisch

Auch den Zölibat sieht die junge Marienfelderin kritisch. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare befürwortet die 16-Jährige: „Wenn sich zwei Menschen lieben und in Treue leben, warum kann man sie dann nicht segnen?“ Eben diese Meinung wird Johanna Müller auch in den nächsten zwei Jahren an vier festgelegten Terminen gegenüber den Mitgliedern der Synodalversammlung vertreten. Das hat sie sich fest vorgenommen.

Der Anfang zum Synodalen Weg ist gemacht

Der Anfang ist gemacht: Vor wenigen Tagen fand der Auftaktgottesdienst im Frankfurter Kaiserdom statt, bei dem die Marienfelderin die Fürbitten vorlas. An zwei weiteren Tagen wurden die 230 Teilnehmer, die den Querschnitt aller Katholiken in Deutschland widerspiegeln sollen, in die vier Hauptthemen eingeführt: „Macht und Gewaltenteilung“, „Partnerschaft und Sexualität“, „Zölibat“ sowie „Die Rolle der Frau“.

Johanna Müller arbeitet zum Thema „Macht und Gewaltenteilung“

Johanna Müller arbeitet bis zum nächsten Treffen im September in einem der vier Foren zum Thema „Macht und Gewaltenteilung“. Mit in ihrer Gruppe sind unter anderem Bischof Karl-Heinz Wiesemann aus Speyer, der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, und der Generalvikar aus Berlin, Pater Manfred Kollig. Die 16-Jährige hofft und glaubt, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern etwas in der katholischen Kirche verändern zu können.

Inhaltlich noch nicht viel passiert

Inhaltlich ist beim Auftakt zum Synodalen Weg in Frankfurt noch nicht viel passiert. Das folgt beim nächsten Treffen im September. Hat Johanna Müller denn nach den ersten Begegnungen den Eindruck, dass etwa die Bischöfe auf Augenhöhe mit den anderen Teilnehmern sind? „Ja, sicher! Vor allem mit den jüngeren Bischöfen kann man gut sprechen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es Berührungsängste gibt. Ich habe eher den Eindruck, dass die Mehrheit der Teilnehmer des Synodalen Wegs hoffnungsvoll in die Zukunft schaut“, berichtet Johanna Müller vom Auftakt in Frankfurt.

Kein einfacher Prozess

Der jungen Marienfelderin ist bewusst, dass es kein einfacher Prozess wird, die veralteten Strukturen aufzubrechen. „Es muss Stück für Stück etwas verändert werden, sonst funktioniert es nicht“, bezieht die 16-Jährige deutlich Stellung. Als positiv empfindet die Marienfelderin, dass auch Beobachter zugelassen sind – etwa von den katholischen Kirchen aus Frankreich oder Skandinavien sowie von der evangelischen Kirche. „Wir haben mit den Franzosen gesprochen, die den Prozess hier sehr spannend finden. Sie meinen, dass Deutschland eine Vorreiterrolle einnimmt. Und sie haben uns darin bestärkt, auf dem Weg weiterzumachen“, berichtet Johanna Müller.

Versammlungen per Live-Stream verfolgen

Sie freut sich, dass der Prozess des Synodalen Wegs offen gestaltet ist: „Es gibt eine große Transparenz. Die Versammlungen kann jeder, der will, über einen Live-Stream im Internet verfolgen.“ Und sie könnte sich vorstellen, auch im Religionsunterricht oder in ihrer Gemeinde St. Marien den Synodalen Weg und ihre Erfahrungen zu thematisieren: „Diese Offenheit ist auch gewünscht.“ Und wenn sie in die Zukunft blickt, was sieht die Marienfelderin dann? „Die Verantwortung in der Kirche sollte auf viele Schultern verteilt werden. Und es sollte auch eine stärkere Kontrolle geben.“

Der Synodale Weg ist ein Gesprächsformat für eine Debatte innerhalb der Katholischen Kirche in Deutschland. Er soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung einer Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken tragen gemeinsam die Verantwortung für den Geprächsprozess, der auf zwei Jahre angelegt ist. Deutsche Bischöfe und Laien debattieren auf dem Synodalen Weg über Reformen.

In der vergangenen Woche wurde in Frankfurt der Startschuss gegeben. In den nächsten zwei Jahren diskutieren beim Synodalen Weg Bischöfe, Laien und Interessengruppen – insgesamt 230 Mitglieder – über die Zukunft der Kirche, um Beschlüsse zu fassen.

Die Marienfelderin Johanna Müller ist die Jüngste, die beim Synodalen Weg mitdiskutieren kann. Die 16-Jährige hat im sozialen Netzwerk Instagram davon gelesen und sich beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) beworben. Der BDKJ konnte 15 Plätze mit jüngeren Gläubigen unter 31 Jahren besetzen – Johanna ist eine von ihnen. Auch weil sie in ihrer Bewerbung klare Kante gezeigt hat. Sie machte deutlich, dass ihre Kirche keine Zukunft habe, wenn sie so weitermache wie bisher.

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