Ralph Diehm wünscht sich den Rettungseinsatz nur mit Blaulicht Martinshorn raubt den Schlaf

Harsewinkel (WB). Letzte Nacht hat es Ralph Diehm wieder um den Schlaf gebracht: Um zwei Uhr fährt der Rettungswagen in der Nähe seines Hauses am Rövekamp vorbei und das Martinshorn reißt ihn aus dem Tiefschlaf. »Das geht doch auch ohne Sirene«, ist Diehm die nächtliche Ruhestörung leid.

Von Elke Westerwalbesloh
Die Rettungswagen sind in Harsewinkel in der Nacht immer mit Martinshorn unterwegs. Bei ihren Fahrten zählt jede Sekunde. Doch reißen sie mit der Sirene etliche Bürger aus dem Schlaf. Nur mit Blaulicht zu fahren, wäre juristisch aber nicht in Ordnung.
Die Rettungswagen sind in Harsewinkel in der Nacht immer mit Martinshorn unterwegs. Bei ihren Fahrten zählt jede Sekunde. Doch reißen sie mit der Sirene etliche Bürger aus dem Schlaf. Nur mit Blaulicht zu fahren, wäre juristisch aber nicht in Ordnung. Foto: dpa

Er selbst habe als Rettungssanitäter in Köln gearbeitet und weiß noch von dieser Zeit zu berichten: »Wenn wir da jeden Einsatz mit Martinshorn gefahren wären, dann hätte die gesamte Kölner Innenstadt wach gelegen. Und das Nacht für Nacht«, erklärt der Harsewinkeler im Gespräch mit dieser Zeitung.

Dass bei einem Einsatz jede Sekunde zählt und er die Arbeit der Rettungskräfte schätzt und respektiert, steht außer Frage. Doch: »Es gibt selten eine Notwendigkeit für den Einsatz des Martinshorns mitten in der Nacht. Es kann kein zeitlicher Gewinn dadurch erzielt werden«, blickt er auf die freien Straßen in der Nacht und die Gewissheit, dass der Rettungswagen an jeder Kreuzung vom Gas gehen muss – ob mit oder ohne Sirene.

Ralph Diehm ist der Meinung, dass es reicht, das Blaulicht anzuschalten. Immerhin hat der Rettungsdienst in Harsewinkel in diesem Jahr schon 2737 Notfalleinsätze gefahren und 237 mal wurde der Krankenwagen gerufen. Das verrät zumindest der Kreis Gütersloh, zu dem der Rettungsdienst in Harsewinkel gehört.

Tatsächlich liegt die Lautstärke der Sirene aus eineinhalb Metern Abstand bei 109 Dezibel. Das ist vergleichbar mit dem Lärm einer Motorsäge. Die Schmerzgrenze für ein menschliches Ohr liegt etwa bei 120 Dezibel und ist in etwa so laut wie das Wummern eines Presslufthammers.

Die Rettungskräfte in Harsewinkel sind mit dem Einschalten des Martinshornes bei einem Einsatz rein juristisch gesehen auf der sicheren Seite. Sie haben, was die Straßenverkehrsordnung angeht, bestimmte Sonderrechte – dürfen diese aber nur in Anspruch nehmen, wenn sie Blaulicht und Horn zusammen nutzen.

Das regelt die Straßenverkehrsordnung. Das bestätigt auch der Pressesprecher des Kreises Gütersloh, Jan Focken auf Nachfrage: »Einsatzfahrten mit Blaulicht und Einsatzhorn werden durchgeführt, wenn aufgrund des zuvor eingegangenen Notrufs Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten«, sagt er. Und zeigt sich irritiert, dass es eine Beschwerde diesbezüglich gibt. »Uns hat noch nie jemand angesprochen, weil das Martinshorn zu laut ist«, berichtet Focken.

Die Rettungskräfte haben seinen Angaben zufolge auch keinen Spielraum zu entscheiden, ob sie mit Sirene fahren oder nicht. »Seit 2010 gilt für die Einsatzkräfte des Kreises Gütersloh eine Dienstanweisung, nach der Alarmfahrten ohne Einsatzhorn nicht zulässig sind; der Einsatz von Blaulicht allein gewährt keine Vorrechte«, erklärt der Sprecher des Kreises. »Das ist die juristische Antwort auf meine Bitte, aber nicht die vernünftige Antwort«, wünscht sich Diehm einfach nur seinen Schlaf zurück.

Kommentar zum Thema

So sehr ich den Harsewinkeler Bürgern ihren Schlaf gönne, so sehr wünsche ich mir auch für jeden medizinischen Notfall schnelle Hilfe. Leider lassen sich Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. nicht in den Nachtzeiten verbieten – sonst könnte man sie gleich den Bestattern überlassen.

Ein nächtlicher Noteinsatz mit Martinshorn und Blaulicht stört vielleicht den ein oder anderen, doch wer in der Stadt wohnt, muss das aushalten können. Andere Bürger ärgern sich über Laubbläser, Kirchenglocken, stinkende Tiere oder piepende Müllfahrzeuge.

Wer das alles in den Städten nicht braucht, der sollte aufs Land oder auf eine einsame Insel ziehen und die Rettungskräfte einfach ihre Arbeit machen lassen. Elke Westerwalbesloh

Kommentare

Logik und Vernunft

Wenn nachts durch den Einsatz des Martinhorns KEINERLEI Vorteile erzielt werden können, darf die Sinnfrage gestellt werden. Durch das Einschalten des Horns fahren Rettungsfahrzeuge nicht schneller! Verkehrsteilnehmer, die ausgeschlafen und deshalb konzentriert zur Arbeit fahren, sind die begrüßenswerte Begleiterscheinung von vernünftigem Umgang mit Alarmfahrten.Und: Wer möchte schon von einem unausgeschlafenen Arzt operiert werden?

Warum muss man das überhaupt besprechen???

Da fragt man sich immer mal wieder.....? Was möchte denn der Artikelschreiber wenn es um sein Leben oder bedeutende Sachwerte geht!!!!!

Ich kann mich hier der Frau Westerwalbesloh nur anschließen. Wer meint das ihn das stört bitte raus aufs Land. Den Rest regelt ganz klar der Paragraph 35 der StVO sowie die entsprechende Verwaltungsvorschrift. In dieser steht eindeutig drin das das Einsatzhorn eingeschaltet werden soll!!!! Ach ja ansonsten sollte man sich einfach mal das ein oder andere OLG Urteil zum Sachverhalt durchlesen. Hier sehr empfehlenswert OLG Düsseldorf und Hamm! Ach ja ich wohne im schönen Ruhrpott und führe als Fahrlehrer hier regelmäßig Schulungen des Rettungsdienstes und der Feuerwehr durch. Es ist erschreckend wieviel Ablehnung gegenüber den Kräften gezeigt wird die eigentlich alles richtig machen.
Sehr geehrte Damen und Herren anstatt immer über andere zu meckern sollte man mal überlegen was diese teilweise ehrenamtlichen Kräfte leisten und für wen. Und was ist wenn ich Ihre Hilfe selbst mal in Anspruch nehmen muss. Ein letzter Nachbrenner. Jedes Kfz der Rettungsdienste und Feuerwehr ist mit einem Unfalldatenschreiber ausgerüstet. Dieser speichert auch die (nicht) Benutzung des Horns welches dann bis zu strafrechtlichen Konsequenzen für den Fahrer haben könnte!!!!

Über Sonderrechte und über Wegerecht.

Immer wieder liest man in letzter Zeit von Bürgern, die sich beschweren über den sinnlosen Einsatz des Martinhorns (sic!). Der Aufschrei ist dann immer recht groß, das Gelächter über solche offenbaren Querulanten ebenso. Dabei haben sie jedoch gar nicht so Unrecht: Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen Sonderrechten und Wegerechten. Erstere betreffen etwa das Schnellerfahren, Überfahren von Rotlicht, Einfahren in Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung und dergleichen. Diese Sonderrechte haben NICHTS mit Blaulicht oder Martinhorn zu tun und betreffen auch nicht das Fahrzeug, sondern sind Rechte der betreffenden Person, nachzulesen in der StVO 35.

Redet man über Blaulicht und/oder Martinhorn, dann kommt StVO 38 zum Tragen. Dieser besagt, dass das gemeinsame Benutzen von Horn und Blaulicht eine ANWEISUNG an andere Verkehrsteilnehmer sind, sofort den Weg frei zu machen. Das bedeutet konktet, dass genau dann (und nur dann!), wenn jemand zum angewiesenwerden gleichzeitig nicht nur zugegen ist, sondern zusätzlich im Weg steht UND der Rechteinhaber sein Recht auch durchsetzen (anweisen!) möchte, die gemeinsame Nutzung von Blaulicht und Horn anzezeigt ist; es gibt nicht selten verkehrsbedingte Gründe, lieber im fließenden Verkehr mitzufahren anstatt bei Gegenverkehr mit Patient Slalom zu fahren oder ständig Beschleunigungen auszusetzen. Blaulicht alleine darf daher selbstverständlich ebenfalls bei der Einsatzfahrt verwendet werden (ebenda), und genau das ist, was man normalerweise überall dort auch beobachten kann, wo professionelles Personal unterwegs ist; man sehe sich einfach mal RD und BF bei Einsatzfahrten an etwa in Hannover oder Berlin auch tagsüber in dichtem Verkehr. In sämtlichen mir bekannten Rettungsmitteln ist genau aus diesem Grund im Fußraum ein Fußtaster angebracht, mit dem das Horn vom Fahrer zugeschaltet werden kann bei Bedarf; bereits Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es ebenfalls Taster für den Beifahrer.

Ich fasse also zusammen:
Sonderrechte und Wegerecht kommen gemeinsam vor, sind aber unabhängig von einander. Blaulicht und Horn stellen eine Anweisung an andere Verkehrsteilnehmer dar. Der Rechteinhaber entscheidet, ob er etwas anweist. Anweisungen an Abwesende sind nicht nur sinnfrei, sondern absurd ( Anm.: und manchmal auch Grund zum Fremdschämen, wenn das Einsatzfahrzeug mit quäkendem Horn bei etwa 80 km/h den übrigen Verkehr behindert oder nachts um 3 laut blökend über Feldwege fährt). Das Fahren mit Blaulicht alleine während einer Einsatzfahrt ist vom Gesetz explizit vorgesehen (StVO 38, 2).

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