Wie ein Steuerberater und Wirtschaftsprüfer auf Corona-Folgen blickt - Kritik an staatlichen Hilfsprogrammen
„Natürlich wird es Insolvenzen geben“

Halle -

In den besonders von den Corona-Lockdowns betroffenen Branchen erwartet der Haller Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Dr. Roland Tomik in der Zukunft zahlreiche Unternehmensinsolvenzen. Zugleich kommt der Fachmann zu einer teilweise sehr kritischen Bewertung der staatlichen Hilfsprogramme für die Wirtschaft.

Mittwoch, 06.01.2021, 12:22 Uhr
Die Corona-Soforthilfen haben bereits bei manchem gutgläubigen Unternehmer für böse Überraschungen gesorgt, als später vom Staat die Rückzahlungsforderungen kamen. Das ist nur ein Ärgernis mit den Hilfen-Hilfen, Foto: dpa

Auf der Homepage seines Ministeriums spricht Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) von „deutlich verbesserten Überbrückungshilfen“ für Unternehmen sowie einer „unbürokratischen Dezemberhilfe“. Das koste viel Geld, so Scholz weiter, „aber die Alternative einer Welle von Unternehmenspleiten und Entlassungen wäre noch viel teurer für uns alle“. Der Haller Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Dr. Roland Tomik hingegen pflegt den nüchternen Blick auf die gelebte Praxis der staatlichen Corona-Hilfen für seine Mandanten. Und aus diesem Blickwinkel kommt Tomik bei den Bewertungen der Hilfen zu deutlich anderen Einschätzungen als der Minister.

Dr. Roland Tomik hat nach eigenem Bekunden im Vergleich mit anderen Kanzleien zwar relativ wenig Mandanten aus den besonders von den Lockdowns geschüttelten Branchen wie Hotellerie und Gastronomie, Reise- oder auch der Veranstaltungswirtschaft. Doch auch so sind die Erwartungen des Wirtschaftsfachmanns für die Zeit nach der Krise sind für die genannten Branchen nicht sehr optimistisch. „Natürlich wird es eine Vielzahl Insolvenzen geben. Wie soll das anders gehen?“, sagt Roland Tomik.

Kein Schwarzmalen, aber ein ungeschönter Blick

Im Gespräch mit dem Haller Steuerberater geht es dabei nicht um Schwarzmalen, sondern einen ungeschönten Blick auf die tatsächliche Lage im über viele Monate andauernden Lockdown. Generell wird die starke Region OWL mit vielen Familienunternehmen die Pleiten nach der Corona-Krise nach Tomiks Einschätzung relativ gut verkraften. Doch zugleich konstatiert der Steuerberater Veränderungen, die sich auch in der nach-Corana-Zeit wohl nicht zurückdrehen lassen. Zum Beispiel im Übernachtungsgewerbe. „Viele große Unternehmen, die ihre Mitarbeiter früher oft auf Reisen geschickt haben, durchlaufen doch eine steile Lernkurve, dass viele Begegnungen auch sehr gut digital gehen“, erwartet Tomik für Hotels künftig keine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau. Was aus seiner nicht bedeutet, dass man nichts tun kann. Im Gegenteil: Unternehmer müssten ihre Lehren aus der Corona-Krise ziehen.

Für sein eigenes Unternehmen mit 40 Mitarbeitern lässt er jetzt mittags ein fertiges Essen vom Restaurant Hollmann liefern, was nicht nur gut schmeckt, sondern Tomik zufolge auch die Mitarbeiterzufriedenheit fördert. Tomik rät zur Nachahmung, weil Unternehmen so gezielt örtliche Gastronomie fördern können.

Bei haftungsbegrenzender Unternehmensstruktur kann Neustart besser gelingen

Zu Beginn der Corona-Krise hatte Tomik bereits öffentlich dazu geraten, dass Unternehmer im Lockdown im Zweifel auch eine Insolvenz mit ins Kalkül ziehen. Auf jeden Fall rät er trotz eines breiten Angebots an Überbrückungs- und Soforthilfen, Stundungen und Kreditangeboten des Staates zum illusionsfreien Blick auf die tatsächliche Lage. Probleme gehörten gelöst, nicht nur verschoben. So könne die Nutzung staatlicher Hilfen sinnvoll sein, zum Beispiel der Kreditprogramme. „Doch der Unternehmer muss seine persönliche Situation betrachten“, warnt Tomik. Wer als Einzelunternehmer einen staatlichen Corona-Kredit aufnehme, der müsse zwar bei Beantragung keine Sicherheiten stellen, dafür aber hafte er bei der Rückzahlung auch mit seinem Privatvermögen.

Wer aber als Unternehmer in einer haftungsbegrenzenden Rechtsform (GmbH, GmbH & Co. KG) arbeite, der sei im Vorteil, wenn er wertvolle Betriebsgrundlagen und Erspartes wie eine Immobilie nicht in der haftenden Gesellschaft habe. Genau in diese Richtung zielen viele Beratungen von Tomik bei der Schaffung von Unternehmensstrukturen. Denn dann seien im Falle einer Insolvenz die Bedingungen für einen geschäftlichen Neustart deutlich günstiger. Viele Soloselbstständige und Einzelunternehmer sei hätten solche Strukturen allerdings nicht, weiß Tomik.

Kanzleimitarbeiter wie Manuel Paulfeuerborn haben sich 2020 besonders intensiv mit den Corona-Hilfsprogrammen für Unternehmer befasst. Nachdem im Frühjahr bei den Soforthilfen auch manche Betrüger unterwegs waren, hat der Staat in der Folge für die Beantragung Steuerberater dazwischen geschaltet. Gleichwohl ist das das Urteil von Roland Tomik über die staatlichen Hilfsinstrumente nicht immer ein gutes.

Förderprogramm für Beratung „ein Schuss in den Ofen“

So erwies sich laut Tomik beispielsweise, dass ein Förderprogramm für Inanspruchnahme von Beratungsleistungen völlig unterfinanziert war. „Wir haben für 20 Mandanten sehr schnell Förderung beantragt. Doch nur einer hat sie bewilligt bekommen. Das war ein Schuss in den Ofen“ stellt Tomik nüchtern fest.

Während es für die Kurzarbeit-Regelung vom Kanzlei-Chef eine gute Note gibt, hat er für die Soforthilfen nur die Note vier (ausreichend) über. Insbesondere die Hängepartie für viele Unternehmer, wer wie viel von den pauschalen Soforthilfen wieder an den Staat zurückzahlen muss, habe schon zu viel Frust geführt.

Konstruktionsfehler durch kompliziertes Nebeneinander von Hilfen

Die Überbrückungshilfe als Zuschuss für bestimmte Fixkosten, die mittlerweile in der dritten Phase läuft, bewertet Tomik zwar als wichtiges Instrument. Dennoch sieht er grundlegende Konstruktionsfehler in dem komplizierten Nebeneinander von Überbrückungs- sowie November- und Dezember-Soforthilfen. Und das obwohl der Staat Monate Zeit gehabt habe, um aus Fehlern zu lernen und es besser vorzubereiten. Insbesondere. dass Soforthilfen lediglich an Umsatzzahlen orientiert werden, bewertet Tomik kritisch. Die Fehlsteuerungen, die sich in Praxis dadurch ergäben, seien mitunter „abstrus“, wird er deutlich. Ansonsten rät Tomik auch hier Unternehmern zu Einschätzungen ohne Illusionen: „Von reinen Kostenzuschüssen kann keiner auf Dauer leben.“

 

 

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