Gewaltsamer Tod im Übergangswohnheim
„Leider können wir sowas nicht verhindern“

Halle-Sandforth -

Wie kann es sein, dass in einem Haller Übergangs- und Obdachlosenwohnheim innerhalb von knapp drei Jahren zwei Menschen totgeschlagen werden? Diese Frage treibt viele Menschen um. Auch Halles Bürgermeister Thomas Tappe (CDU). Seine Stadt ist schließlich Träger der Einrichtung.

Freitag, 04.12.2020, 18:00 Uhr
In diesem Übergangs- und Obdachlosenwohnheim ist ein 60-Jähriger im Bett tot aufgefunden worden. Foto: Archivfoto: Hoeltzenbein

„Auch wir bedauern zutiefst, dass so etwas passiert ist. Leider können wir nicht verhindern, dass es zu solchen Entgleisungen kommt“, betont Tappe. Klar sei jedoch, dass nicht die Unterbringungssituation die Ursache für den Streit zweier Männer auf einem Zimmer gewesen sei, an dessen Ende ein 60-Jähriger an seinem Geburtstag tot aufgefunden wurde. Er war tags zuvor so heftig geschlagen worden, dass er unter anderem schwere Kopfverletzungen davon trug (wir berichteten) und an inneren Verletzungen starb. Ein 43-Jähriger sitzt in Untersuchungshaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Haller Bürgermeister betont, dass die beiden Männer keineswegs in einem Zimmer untergebracht gewesen seien und es aufgrund dessen zu der Eskalation gekommen sei. „Im Gegenteil: Die Männer haben weder in einem Zimmer noch auf einer Etage gelebt.“ In der Einrichtung seien ohnehin momentan nur 18 Menschen untergebracht. Möglich seien 50 Personen. Und bei dem Übergangswohnheim an der Gütersloher Straße, in dem alleinstehende Menschen ohne festen Wohnsitz leben, handele es sich um eine offene Wohnform. „Das ist keine geschlossene Einrichtung, die Menschen sollen sich frei bewegen, sich untereinander treffen und ihre Privatsphäre im eigenen Zimmer haben“, sagt Tappe.

Daher empfinde er auch Berichte über das verdreckte Zimmer des Verstorbenen, bei dem indirekt die Stadt als Träger an den Pranger gestellt werde, als unfair. „Es gehört dazu, dass die Menschen, die dort leben, Selbstverantwortung wieder lernen, und das fängt beim eigenen Zimmer an.“ Das sei der erste Schritt hin zu einer Rückführung in normale Verhältnisse.

Die Stadt reinigt einmal in der Woche die Gemeinschaftsräume. „Das ist keineswegs Usus in anderen vergleichbaren Einrichtungen im Kreis“, betont Tappe. Zudem ist ein Hausmeister jeden zweiten Tag vor Ort, bei Bedarf auch häufiger. „Es ist gut und normal, dass der persönliche Bereich in eigener Regie steht“, sagt Tappe und betont, dass völlig vermüllte Zimmer die Ausnahme seien. Die Stadt habe in schlimmen Einzelfällen schon einmal Zimmer gereinigt. „Das ist aber generell das falsche Signal. Wenn ich das nicht sauber halte, macht das halt die Stadt sozusagen. Das geht nicht“, wird Tappe deutlich.

Natürlich hat sich der Bürgermeister mit seinem Team darüber unterhalten, wie es sein kann, dass solche Vorfälle mehrfach in einer Einrichtung passieren. Es soll auch einen Runden Tisch geben, um noch mehr präventive Maßnahmen anzudenken. Eine davon läuft bereits seit Mitte des Jahres. Über Landesmittel wurde gemeinsam mit Borgholzhausen, Versmold und Steinhagen eine sozialpädagogische Fachkraft engagiert, die auf Wohnungslose zugeht und sie betreut. „An dieser Stelle müssen wir unbedingt dran bleiben.“

Thomas Tappe macht keinen Hehl daraus, dass ihn der Vorfall mitnimmt. „Wir hätten es als Träger aber nicht verhindern könne, weil es nicht absehbar war.“ Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung könne die Stadt in der Einrichtung nicht machen. „Man kann schließlich nicht ständig daneben stehen.“ Das stehe dem offenen Konzept völlig entgegen.

So einfach wie es sich manche Menschen vorstellen, ist es ohnehin nicht. Selbst wenn ein Bewohner mehrfach aggressiv auffällt, kann die Stadt ihn nicht einfach vor die Tür setzen. Sie ist gesetzlich verpflichtet, die Menschen dort unterzubringen, wenn eine Gefahr für Leib und Leben besteht. „Und das ist bei Obdachlosen der Fall“, sagt Tappe. In Einzelfällen habe die Stadt Personen in andere Haller Wohnheime verlegt. Aber auch das sei keine Lösung des Problems, sondern nur eine Verlagerung.

Bürgermeister Tappe treibt aber vor allem eins um: „Es macht mir Sorgen, dass so eine Einrichtung jetzt schnell in eine Ecke gestellt wird, obwohl sich täglich viele Kollegen dort über die Maße engagieren und das in zugegeben schwierigen Verhältnissen.“ Das sei demotivierend und den Mitarbeitern gegenüber ungerecht.

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