Wie Halles größter Einkaufsmarkt auf die Corona-Anforderungen durch gestiegene Infektionszahlen reagiert
Hygiene durch unsichtbaren Schleier

Halle -

Abstand halten, vorsichtig sein: Mit den steigenden Corona-Zahlen im Kreis Gütersloh (7-Tage-Inzidenzwert von 198 Fällen je 100.000 Einwohnern) und auch in Halle (am Montag offiziell 41 aktive Corona-Fälle, was einem Inzidenzwert von 143,2 im Stadtgebiet entspricht) rücken die Orte, an denen sich mutmaßlich die meisten Menschen im Laufe eines Tages begegnen, wieder stärker ins Blickfeld.

Dienstag, 10.11.2020, 12:12 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 12:16 Uhr
Marktleiter Oliver Speicher skizziert mit seiner Hand den unsichtbaren „hygienischen Schleier“ an den Frischetheken. Durch Lüftungsschlitze in der Decke wird ein ständiger Luftstrom von oben nach unten erzeugt, der laut Speicher wie besagter „Schleier“ wirkt und keinen Austausch von Aerosolen zulassen soll. Foto: Stefan Küppers

 

Diese Orte sind vor allem Verbraucher- und Supermärkte, weil sie wichtige Versorgungsfunktionen erfüllen. Am Beispiel des mit Abstand größten Haller Marktes, dem Marktkauf von Oliver Speicher, zeigt sich, wie umfassend und zugleich überraschend ein Betrieb mit einer vierstelligen Kundenzahl am Tag auf die Herausforderungen durch Corona reagiert. Denn wer hat schon mal von einem „unsichtbaren Hygieneschleier“ gehört?

Auf die behördlich festgelegten Begrenzungen bei der Kundenzahl, die sich nach der Verkaufsfläche bemisst, reagieren die Märkte unterschiedlich. Um die Kundenströme zu steuern und zu begrenzen, müssen Kunden des Aldi-Marktes am Künsebecker Weg seit der vergangenen Woche in jedem Fall wieder einen Einkaufswagen mitführen. Sind keine Wagen mehr vorhanden, müssen Kunden warten.

Bei seinem Marktkauf hat Oliver Speicher hingegen schon vor Monaten damit begonnen mit einem digitalen Zählsystem eigene Wege zu gehen, mit dem er für den Kunden quasi unsichtbar die Aufenthaltszahl überwacht. An den Eingängen werden automatisiert Zu- und Abgänge erfasst. Ausgerichtet an dem zulässigen Höchstwert bekommen die Mitarbeiterinnen in der Infozentrale ständig angezeigt, wie viel Prozent erfüllt sind. „Bei grün ist alles in Ordnung. Bei gelb oder rot treten wir in Aktion und regeln durch Personaleinsatz den Kundenzugang“, erläutert Oliver Speicher.

Aktuell gilt für den 3600 Quadratmeter großen Marktkauf eine behördlich erlaubte Höchstbelastung von einem Kunden auf zehn Quadratmetern. Rechnerisch dürfen demnach maximal 360 Kunden gleichzeitig im Markt sein. „Unser digitales System springt aber schon bei 310 auf gelb und ab 340 auf rot“, verweist Speicher auf einen selbstgewählten Sicherheitspuffer. Während der Sommermonate, als in Halle zeitweise gar keine Neuinfizierten registriert wurden, reichte es, wenn ein Kunde sieben Quadratmeter rechnerisch zur Verfügung hatte, mithin durften etwa 500 gleichzeitig im Markt sein. Speicher ist froh, dass vor dem neuerlichen Teillockdown im November die Bundesregierung davon abgesehen hat, die Höchstbelastung auf 25 Quadratmeter pro Kunde heraufzusetzen, was maximal 144 Menschen gleichzeitig im Marktkauf bedeutet hätte. „Unter diesen Umständen wäre die Versorgungssicherheit wohl gefährdet gewesen“, meint Speicher. Die jetzt gültigen zehn Quadratmeter je Kunde seien gut handhabbar. „Generell haben wir festgestellt, dass Kunden seit Corona nicht mehr so häufig und nicht mit so vielen Familienmitgliedern kommen. Es wird dafür mehr auf einmal eingekauft“, so Speicher. Allenfalls im Weihnachtsgeschäft könne der Andrang zwischenzeitlich größer werden, glaubt er.

„Sicherheit zuerst“ gilt für viele eigenständige und freiwillige Corona-Maßnahmen im Marktkauf, mit denen das Unternehmen den Behörden zuvorkommen will. Grob gerechnet hat er eigenen Angaben zufolge bereits mehr als 50.000 Euro in spezielle Corona-Maßnahmen investiert. Dazu zählen zum Beispiel zahlreiche Belüftungsmaschinen für Aufenthaltsräume der Mitarbeiter und Büros, die pro Stück schon mal mehr als 4000 Euro kosten können. Auch Plexiglasscheiben zwischen den Schreibtischen von Kollegen oder an Essenstischen in Aufenthaltsräumen, wo Mitarbeiter sich in Pausen nur in einer streng limitierten Zahl aufhalten dürfen, gehören zum Sicherheitspaket. Auch dass Mitarbeiter-Treffen nun zumeist als Video- oder Zoom-Konferenz laufen ebenso wie Vorstellungsgespräche dient der Kontaktminimierung.

Jetzt da Marktkauf-intern aufgrund der Infektionslage in Halle die Warnstufe gelb ausgerufen wurde, gilt in den meisten Arbeitsbereichen des Marktes eine ständige Maskenpflicht für Mitarbeiter. Oliver Speicher ist jedoch froh, dass in dem erst sieben Jahre alten Neubau mit einer modernen Anlage ein ständiger und kompletten Luftaustausch vollzogen wird, der in Corona-Zeiten um so wertvoller ist.

Ohne dass vor Jahren bereits an Corona gedacht worden wäre, erweist sich eine weitere Lüftungseinrichtung im Marktkauf nun als besonderer Sicherheitsclou. Denn an den Frischetheken von Fleisch, Wurst, Fisch und Käse wird aus Lüftungsschlitzen unter der Decke durch Erzeugen von Über- und Unterdruck ein sogenannter Coanda-Effekt erzeugt, wie Speicher erläutert. So entstehe quasi ein unsichtbarer „hygienischer Schleier“, der verhindere, dass Aerosole von Kunden in den Frischebereich eintreten können. Was einst vor Keimen schützen sollte, hat nun eine weitere Corona-Schutzfunktion.

Oliver Speicher glaubt, dass die Schutzmaßnahmen wohl noch eine ganze Weile andauern werden. „Ich glaube, dass wir noch das komplette Jahr 2021 mit Einschränkungen zurecht kommen müssen“, sagt er.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7671655?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516076%2F
Kurz vor dem Kontrollverlust
Mit Megafonen wiesen Ordnungsamtsmitarbeiter die Schnäppchenjäger darauf hin, dass die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten sind.
Nachrichten-Ticker