Oliver Köhr vom ARD-Hauptstadtstudio spricht bei Haller Wirtschaftstreffen
Ein Haller ist bald ARD-Chefredakteur

Halle (WB). Nein, der Hinweis auf Friedrich Nowottny ist Oliver Köhr erkennbar nicht recht. Mit dem legendären politischen Journalisten der Bonner Republik will sich der 44-jährige MDR-Redakteur und stellvertretende Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin nicht vergleichen. Doch eines haben die beiden dennoch gemeinsam: Die ersten Schritte ihrer journalistischen Laufbahn haben sowohl Friedrich Nowottny als auch Oliver Köhr im kleinen Halle unternommen.

Mittwoch, 07.10.2020, 03:00 Uhr
Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann freute sich beim letzten Wirtschaftstreffen ihrer Amtszeit sehr, mit dem in Halle aufgewachsenen Oliver Köhr einen Gast zu präsentieren, der bald als ARD-Chefredakteur noch mehr Verantwortung haben wird. Foto: Küppers

Auch Friedrich Nowottny hat in Halle seine ersten journalistischen Schritte gemacht

Während Nowottny seinerzeit in den frühen 50er Jahren bei der Freien Presse als Volontär in deren Haller Lokalredaktion am Lindenplatz arbeitete, hat der KGH-Schüler Oliver Köhr in den 90er Jahren als Freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung HK seine ersten Termine gemacht. Nach Journalismus- und Politikstudium in Leipzig hat der heute 44-jährige Köhr einen stetigen Aufstieg über verschiedene Stationen beim MDR bis hin zum Fernsehkorrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio erlebt, wo er seit 2019 auch Führungsverantwortung hat. Die wird demnächst noch einmal deutlich wachsen. Denn der Haller ist von den ARD-Intendanten ab Mai 2021 zum ARD-Chefredakteur gewählt worden. Er verantwortet ab dann in der ARD-Programmdirektion aktuelle Sendungen wie Tagesschau oder Tagesthemen, politische und Verbraucher-Magazine, Dokumentationen, Reportagen und Sondersendungen, aber auch die Talkshows.

Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann war sichtlich stolz, diesen Haller als Gast für eines der traditionellen Haller Wirtschaftstreffen mit geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft gewonnen zu haben. Der Kontakt kam übrigens anlässlich der Goldhochzeit der Eltern Köhr zustande, als die Bürgermeisterin beim Goldpaar ihre Aufwartung machte. Die Mutter war als Schulsekretärin in der Haller Realschule eine städtische Mitarbeiterin und Vater Köhr war im Ordnungsamt Steinhagen ebenfalls beruflich im öffentlichen Dienst tätig.

„Wenn es wichtig wird, greifen Menschen auf die Nachrichten von ARD und ZDF zurück.“

Oliver Köhr war bei seinem Auftritt am Montagabend im Saal des Landhotels Jäckel sehr an einer lockeren Atmosphäre gelegen, weshalb sein Vortrag über die Arbeit recht kurz und die offene Diskussion mit Gästen aus Politik und Wirtschaft deutlich länger geriet. Insbesondere was hinter den Kulissen politischer Berichterstattung läuft, war von Interesse. Dass bei Parteien tatsächlich Strichlisten geführt werden, wie oft ihre Vertreter in ARD-Nachrichtenbeiträgen zu Wort kommen, deutete an, unter welchem Rechtfertigungsdruck öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gelegentlich stehen und wie diesem Druck journalistisch widerstanden werden muss.

Oliver Köhr beschrieb die Lage des geänderten Nutzungsverhaltens von Nachrichtenkonsumenten, dass mittlerweile ein Drittel der unter 30-Jährigen sich ausschließlich mit Informationen aus sozialen Netzwerken versorge. Weshalb die Tagesschau soziale Netzwerke als gleichberechtigte Ausspielkanäle nutze. „Und wenn es wirklich wichtig wird, dann greifen die Menschen auf die Nachrichten von ARD oder ZDF zurück“, stellte Oliver Köhr fest.

Unabhängige Presse kann es Populisten schwerer machen

Auf eine kritische Nachfrage zur Trump-Berichterstattung meinte Köhr, dass wohl kaum zu viel über den US-Präsidenten berichtet werde, sondern womöglich eher zu wenig darüber, was zu der besonderen gesellschaftlichen Spaltung in den USA geführt habe. Köhr hält es übrigens für absolut denkbar, dass Trump wiedergewählt wird. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk könne wohl nicht verhindern, dass Menschenfänger und Populisten gewählt werden. Aber eine unabhängige Presse könne es diesen Populisten schwerer machen, meinte Köhr.

Köhr, der schon viele Kommentare in den Tagesthemen gesprochen hat, stellte auf Nachfrage klar, dass kein Kommentator seinen Meinungsbeitrag vor der Sendung einem Chef vorlegen müsse. Allerdings werde ein Kommentator klugerweise immer auch mal Kollegen um ihren Rat und Meinung zu einem Beitrag fragen, so Köhr. In der Zukunft, so sagt der künftige Chefredakteur, wird das Überprüfen von Nachrichten immer wichtiger werden. Dazu gebe es auch Faktenfinder-Einheiten, deren Prüfarbeit aber auch viel Zeit und Geld koste.

Natürlich musste Köhr auch Fragen nach dem Teleprompter beantworten, ob er denn alles immer so flüssig vortragen könne oder ob er ablese. Seine Antwort: Für Moderationen läuft ein Teleprompter, doch für Gesprächssituationen komme der nicht in Einsatz. Apropos Interviews: Besonders gern erinnert sich Köhr an Gespräche mit Robert Habeck (Grüne). Der habe sich bei ihm „beinahe um Kopf und Kragen geredet“, sagte der Journalist mit einem deutlichem Schmunzeln.

Übrigens: ein Honorar für die Stadt fiel an dem Abend nicht an. „Sie zahlen mich ja schon aus ihren Rundfunkgebühren“, merkte Köhr an. Ein kleines Präsent der Bürgermeisterin bekam er trotzdem.

 

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