Kommentar zum Wahlkampf im Lockdown-Kreis Gütersloh
Gereizte Stimmung

Wer in diesen Tagen als Bürger des Kreises Gütersloh nach mehr als einer Woche Tönnies-Corona-Shutdown nach seiner Befindlichkeit gefragt wird, antwortet womöglich: „Ich habe die Nase wirklich voll.“ (Es gäbe auch kräftigere Ausdrücke.)

Samstag, 04.07.2020, 08:24 Uhr aktualisiert: 04.07.2020, 08:28 Uhr
Der erneute Corona-Shutdown, der von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück seinen Ausgang nahm, wird mittlerweile als Thema im Kommunal-Wahlkampf benutzt. Foto: dpa

Der Frust der Menschen wird noch getoppt

Wer will den Menschen ihre Verärgerung verdenken? Zum Beispiel den berufstätigen Eltern, die nach Kita- und Schuldauerschließungen in den zurückliegenden Monaten jetzt schon wieder keine geregelte Betreuung für ihre Kinder bekommen. Wer hätte da kein Verständnis für den Frust all der Menschen im Hotspot GT, die plötzlich nach Corona-Tests anstehen müssen, um an ihren fernen Urlaubsorten eingelassen oder bei ihren Arbeitgebern außerhalb vom Kreis Gütersloh vorgelassen zu werden. Der Frust wird noch getoppt, wenn man zu den allgemeinen Feier-, Freizeit- und Arztbesuchverboten in Nachbarkreisen auch noch allein wegen eines „verräterischen“ GT-Nummernschildes am Auto schräg angesehen oder gar angepöbelt wird. Kurzum, es gibt jede Menge Gründe, warum die allgemeine Stimmung hier derzeit ziemlich gereizt ist.

Wahlkampf wird immer schmutziger

Aber sind Frust und Ärger von Otto-Normalbürger auch gute Ratgeber für verantwortliche Akteure in der Politik? Wer die politischen Attacken der vergangenen Tage verfolgt hat, die bei Sitzungen und Versammlungen, in Presseerklärungen oder auch in sozialen Netzwerken abgeschossen werden, der wähnt sich nicht in einer großen Krise, die verantwortlich Handelnde doch bestmöglich gemeinsam bewältigen sollten. Nein, er sieht sich mitten in einem schmutziger werdenden Wahlkampf, in dem schnelle Punkte vor dem 13. September gemacht werden sollen.

Wäre es nicht klüger, in der Krise zusammen zu stehen?

Natürlich haben wir alle Fragen, wie die Corona-Katastrophe bei Tönnies passieren konnte und wem welche Verantwortung dabei zukommt. Aber was haben manche Akteure aus dem linken Lager eigentlich für eine Vorstellung von Gemeinwesen, wenn sie höchst belastete Krisenstäbe „als viel zu lasch“ diffamieren und immer wieder wortreich Chaos und Unfähigkeit beklagen? Wie fühlen sich dann eigentlich die vielen (oft ehrenamtlichen) Krisenhelfer im Hintergrund, wenn ihren Führungskräften von der „Opposition“ ständig schlechte Noten ins öffentliche Zeugnis geschrieben werden? Natürlich werden Fehler gemacht. Aber wäre es trotzdem dann nicht klüger, dass Vertreter des Gemeinwesens zusammenstehen, um Verunsicherung nicht noch weiter zu schüren? Politische Konflikte kann man anschließend immer noch klären. Doch wer mit Wutpolitik Wutbürger anstachelt, riskiert das Vertrauen in Handlungsfähigkeit und Integrität des Staates. Das aber ist der gesellschaftliche Kitt, den wir gerade in Krisen dringend benötigen.

Eine große Revolution machen nur politische Rindviecher

Hoffentlich bleiben die verantwortlichen Akteure trotz der verbreiteten Wut und aufgeheizten Stimmung nüchtern. Denn die derzeit von vielen politischen Heißspornen propagierten „Tönnies muss weg“-Parolen, die oft mit scharfen Aufforderungen zu privatem Fleischverzicht einhergehen, sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass in unserem Kreis Gütersloh sehr, sehr viele Menschen in vielerlei Weise von der Fleischwirtschaft leben. Eine große Revolution, die gleich alles komplett umstürzt, aber machen nur politische Rindviecher.

Kommentare

Frank Husemann  wrote: 04.07.2020 21:19
Fleisch ist lecker, aber Fleisch von gequälten Tieren ist einfach nur abartig und ekelhaft
Liebe Kathrin Weber, danke für diesen äußerst treffenden Konter zu diesem Kommentar !

Ich bin 49 Jahre alt, komme ursprünglich aus Werther. Ich wohne jetzt mit meiner Frau und Tochter in der Nähe von Hamburg.
Ja, ich finde Fleisch immer noch lecker und manchmal vermisse ich es, denn ich habe es über 40 Jahre gegessen.
Vor 6 Jahren hat unsere Tochter entschieden kein Fleisch mehr zu essen und wir haben einfach mitgemacht.

Viele Jahre haben wir gar nicht über die Herkunft des Fleisches nachgedacht. Meine Generation ist der größte Teil des Problems. Geld sparen beim Einkaufen macht man am liebsten beim Essen, warum ? Diese Gedankenlosigkeit von früher sollte neuen Verhaltensweisen weichen. Einfach das Hirn einschalten wenn man einen Laden betritt und Qualität aus nachhaltiger Tierhaltung kaufen. Ja, muß man sich leisten können, aber muß es wirklich jeden Tag Fleisch sein? Currywurst ? Schnitzel aus der Plastikpackung ? BIFI ? Pfui bäh.
Bei Oma gab es einmal die Woche ein gutes Stück Braten und ab und zu Salami und Schinken. Und man wußte woher es kommt
Die ersten Monate ohne Fleisch waren sehr gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweile ist das kein Problem mehr.
Auch wenn ich kein Fleisch mehr essen mag, will ich doch nicht den kompletten Fleischverzicht für alle progagieren.
Eine Rückbesinnung zur Landwirtschaft von früher mit kleineren Höfen mit maximal ein paar hundert Tieren denen es gut geht und die mit Demut und Sorgfalt in regionalen Schlachtereien geschlachtet werden wäre sicherlich sinnvoll.

Ja, Tönnies sollte dichtmachen und auch andere Schlachtfabriken sollten verschwinden. Die Bauern können natürlich nicht so schnell umstellen, das ist mir auch klar. In Dänemark habe ich viele glückliche Schweine in Freilandhaltung gesehen, das geht hier doch auch ! Es muß ein Anfang gemacht werden. Das Nichtstun unserer
lieben aber unkompetenten Frau Klöckner macht mich jeden Tag noch ein bißchen fassungsloser.

Hier geht es nicht um rechts und links sondern schlichtweg um die Frage: wie wollen wir in Zukunft leben und was für eine Welt und Werte hinterlassen wir unseren Kindern.

Ich wünsche mir mehr Demut vor dem Leben, für Menschen wie auch für Tiere.
Ich schäme mich zutiefst für meine Generation und auch für meine jahrelange Gedankenlosigkeit.

Machen wir es alle besser !
Kathrin Weber  wrote: 04.07.2020 14:07
Sehr geehrter Kommentator,

ich würde mich nicht als jemand bezeichnen, der dem "linken" Spektrum zugehört. Aber ich bin eine aufmerksame Landbewohnerin, und sehe, dass hier in den 45 Jahren, die ich bewusst zurückblicken kann, immer mehr Natur zerstört wurde. Erst waren die Lerchen weg, dann wurden es immer weniger Rebhühner, jetzt verschwinden auch die Schwalben und die Bachstelzen. Was das mit Tönnies zu tun? Ganz einfach: Wenn unser Bauer, der Rinder züchtet, davon leben will, hat er viele Rinder und baut intensiv an, um sie ernähren zu können. Er mäht die Wiese fünf Mal im Jahr, er düngt ordentlich und viel, er holt noch das Letzte aus seinem Maisacker, macht die Randstreifen immer kleiner... . Da ist dann kein Platz mehr für Natur.
Tönnies ist ein Riesenschlachtbetrieb für Riesenmengen an Nutztieren, die in diesen Mengen gemästet werden, damit die Bauern leben können und wir günstiges Fleisch haben.
Nein, ich bin nicht links, ich bin sogar sehr konservativ: Fleisch vom kleinen Schlachter nebenan, der selbst schlachtet und mir genau sagen kann, von welchem Bauern sie kommen und wie sie gelebt haben. Ich bin konservativ: Wir brauchen keine Massenindustrie, wenn wir bereit sind, vernünftige Preise zu zahlen, und dann eben weniger Fleisch für unser sauer verdientes Geld zu essen. Der Bauer, der vor Ort verkauft, bekommt einen vernünftigen Preis. Er kann mit weniger Fläche auskommen und auch der Natur noch einen Platz lassen.
Ihr Arbeitsplatzargument ist wirklich ein Totschlagargument. Jeder vernünftig wirtschaftlich denkende Stadtrat sollte wissen, dass Riesenfirmen eine große Abhängigkeit bedeuten. Die Förderung und Subventionierung kleinerer Betriebe aus ganz verschiedenen Sektoren ist deutlich sinnvoller und auch ertragreicher, was die Arbeitsplätze für die hiesige Bevölkerung angeht. Und bei Tönnies gibt es viel zu viel Arbeit, die keiner aus der hiesigen Bevölkerung machen will und arme Teufel aus anderen Ländern für uns machen müssen. Und Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, dass Tönnies den armen Leuten aus Rumänien etwas Gutes damit tut? Jeder Erntearbeiter unseres Spargelbauern hier ist glücklicher (auch der ist kein Umweltengel und keine besonders soziale Seele, aber er stützt zumindest kein System, und er lässt auch mit sich reden, weil sein Markt die Leute hier sind).
Die Fleischindustrie muss sich ändern. Und ernsthaft: Ich sehe ja, wie hier auf dem Land seit Jahrzehnten alles nur schlimmer wird, und die sog. langsame Verbesserung keine ist. Und da werde ich auch radikal: Manchmal ist eine sofortige und radikale Abkehr besser als eine lange Verschlimmbesserung. Ja, sage ich deswegen auch: Tönnies möglichst schnell schließen, aber Bauern ermutigen, Direktvermarktung zu suchen und z.B. die Stadt und jedes größere Unternehmen verpflichten, ihre Kantinenfleisch aus durchsichtigen und örtlichen Quellen zu beziehen. Und den anderen fleischhungrigen Leuten klarmachen, dass sie zu einem ausgewählten Fleischer vor Ort gehen können und dort für ihr Geld gute Qualität bekommen.
Was hat das mit Corona zu tun? Eigentlich nichts, außer dass durch Corona die Probleme mehr in die Öffentlichkeit gelangt sind. Ja, wir müssen in Corona-Zeiten zusammen stehen. Aber wir müssen nicht jahrzehntelate verfehlte Politik weiter decken. Und wenn man Kultur herunterfahren kann, soviele kleine Unternehmer in große Probleme stürzen kann , warum kann man dann nicht auch Tönnies zerschlagen?
Ich schäme mich für jeden Politiker, der am Großwerden von Tönnies mitgearbeitet hat und für jeden, der so blind argumentiert wie Sie!
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