Seniorenbeiratssprecher ärgert sich auch privat über Isolation von Pflegeheim-Bewohnern
Die Alten nicht im Regen stehen lassen

Halle (WB). Der Juni ist für Heinz Farthmann mit einem „schwarzen Dienstag“ zu Ende gegangen. TV-Gerät, Telefon, Auto und das Hörgerät waren plötzlich defekt. Und es gab Streit wegen der Pflegeeinstufung für seine Lebensgefährtin. Für den Juli hat er nach der Ankündigung von gelockerten Corona-Regeln in Pflegeheimen wieder neue Hoffnung geschöpft. „Wenn es klappt, kann ich meine Gertrud nächste Woche endlich wieder in den Arm nehmen“, hofft der 81-Jährige, dass das Land nach dem 7. Juli auch im Kreis Gütersloh wieder Besuche auf den Zimmern im Haller Marienheim erlaubt.

Donnerstag, 02.07.2020, 05:00 Uhr
Jeden Mittag besucht Heinz Farthmann seine Lebensgefährtin Gertrud im Haller Marienheim. Weil sie ein Zimmer mit großem Fenster hat, kann der Vorsitzende des Haller Seniorenbeirates mit ihr wenigstens sprechen – trotz Corona Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Heinz Farthmann ist seit 13 Jahren Vorsitzender des Seniorenbeirates der Stadt Halle. Ein bodenständiger, umgänglicher Mann mit viel Erfahrung in der Arbeit für ältere Menschen. Einer, der seit Jahren auch bestens vernetzt ist. Der in der kommunalen Seniorenvertretung in Gütersloh, aber auch in der Landesseniorenvertretung in Münster als Stimme seiner Generation auftritt und ihre Interessen öffentlich macht. Und der sich derzeit nur darüber wundert, wie man von Amts wegen alte Menschen schützen will – auch über ihre Köpfe hinweg. Eine unerwünschte Wohltat. „Mit der Festsetzung der älteren Leute – das ist doch Wahnsinn“, ärgert sich Farthmann über die strengen Regeln in den Einrichtungen für stationäre Kurzzeit- und Dauerpflege. Diese werden – wie berichtet – wegen des Lockdowns im Corona-Kreis Gütersloh frühestens nächsten Dienstag wieder gelockert.

Lebensgefährtin im Marienheim

Die Kontaktsperre beobachtet er nicht nur qua Amt, sondern auch aus privaten Gründen besonders kritisch. Denn seine Lebensgefährtin Gertrud (89) ist seit Januar 2019 im katholischen Marienheim untergebracht. Dort hat er sie über Wochen hinweg täglich besucht, als sie nach einem Krankenhausaufenthalt und anschließender Kurzzeitpflege wegen Demenz mit dem Pflegegrad 4 in die Pflegeeinrichtung kam. „Jeden Abend habe ich sie zu Bett gebracht. Wir sind spazieren gegangen und zu den Seniorenveranstaltungen in Halle, besonders auch zu denen mit Johanna Kormeier habe ich sie mitgenommen“, erzählt der gebürtige Niedersachse, der seit 1955 in Halle lebt.

Die Coronakrise und ihre Folgen haben dem neuen Alltag des Paares für Monate ein Ende gemacht. Heinz Farthmann, verwitweter Vater von drei Kindern, dreifacher Groß- und inzwischen auch schon Urgroßvater, hat seine Gertrud auch im Pflegeheim nicht allein gelassen. Vor fast 17 Jahren hat er sie beim Tanztee in der Remise kennen gelernt. „Wir haben uns gleich top verstanden und uns gemeinsam ein schönes Leben gemacht.“ Seit mehr als zehn Jahren haben die beiden eine Wohnung geteilt. Darum fühlt er sich auch als Angehöriger einer Bewohnerin einer Pflegeeinrichtung noch verantwortlich – und zwar obwohl er weder eine Betreuungsverfügung noch eine Vorsorgevollmacht hat. „Beides hat die Schwiegertochter“, sagt Heinz Farthmann bedauernd, dass man ihn zwar über nichts bestimmen lasse, er aber bei vielem zur Kasse gebeten werde. Weil es Streitigkeiten über die Pflegeeinstufung und anderes gibt, ist eine Schiedsfrau eingeschaltet.

Besuche unterm Fenster

Auch wenn es sicher sei, dass ältere Menschen mit Begleiterkrankungen ein höheres Risiko tragen, dürfte Alter allein kein Kriterium für besondere Kontaktsperren sein, findet er (das WB berichtete am 6. Juni). Es sei unzumutbar – auch unter Beachtung des Infektionsschutzgesetzes – alte, hilfsbedürftige, demente oder todkranke Menschen von ihren Angehörigen zu trennen und allein zu lassen. „Es gibt doch so wenig Personal in den Einrichtungen. Da bleibt oft keine Zeit für ein bisschen mehr Pflege“. Seit Corona findet sich der rüstige Rentner, der vor drei Wochen einen Corona-Test gemacht hat, jeden Mittag unter dem Fenster seiner Lebensgefährtin ein, denn zum Glück hat sie im Marienheim ein Zimmer mit prima Ausblick. „Wenn ich einen Tag nicht komme, fragt sie gleich nach“, weiß Farthmann, wie wichtig jeder seiner Besuche für seine Gertrud ist.

Er wendet sich gegen jede Art von Altersdiskriminierung, auch gegen die aus gesundheitlichen Gründen. Wenn das Alter nur noch als Risiko gelte, werde jedes differenzierte Altersbild vernichtet. „Deswegen fordere ich alle Träger von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern auf, Vorkehrungen dafür zu treffen, dass sich eine ähnliche katastrophale soziale Isolation nicht wiederholt.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7476580?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516076%2F
Datenpanne: Inzidenz steigt auf 41 – doch Kreis darf nicht sofort handeln
22 Neuinfektionen sind am Samstag gemeldet worden. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker