In den Ateliers der Alten Lederfabrik sind Besucher wieder willkommen
Kunst und Kultur als Lebensmittel

Halle (WB). »Die Freiheit der Kunst ist ein Geschenk, und Künstler möchten durch ihr Schaffen ein Stück Freiheit zurück geben«. Unter diesem Motto sind nach Monaten der Isolation erstmals die Ateliers in der Alten Lederfabrik wieder für Besucher geöffnet worden. Denn um ihre gesellschaftliche Funktion, die Bundespräsident Frank Walter Steinmeier unlängst den Lebensmitteln gleichstellte, erfüllen zu können, muss Kunst auch sichtbar sein.

Montag, 08.06.2020, 04:30 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 05:00 Uhr
Eindrücke aus der Alten Lederfabrik: Marion Reuning stellt das in Graustufen gehaltene Bild »Corona« (rechts) dem farbenfrohen »Polychrom« gegenüber. Oben ein Familienporträt mit Oma und Opa und ihrem heute 80-jährigen Vater im Knabenalter, die sie als »Schutzpatrone« bezeichnet. Foto: Johannes Gerhards

»Wir freuen uns, dass wieder geöffnet ist und wieder Leute kommen«, sagt Sonia Russo, denn Kunst bringe die Menschen zusammen. Ihre Kollegin Anja Horstkotte ergänzt: »Kunst und Kreativität können helfen, Krisen besser zu überstehen«. So gesehen, waren die rund 20 Kunstschaffenden in ihren Ateliers der Alten Lederfabrik schon etwas privilegiert. Von Jörg Immendorfs Ehefrau Oda Jaune ist sogar das Zitat überliefert: »Als Malerin bin ich grundsätzlich in mich gekehrt. Ich kenne den Zustand des Lockdowns«.

Künstlerin fragt sich: Wo ist mein normales Leben hin?

»Wirklich schlimm wäre gewesen, wenn ich nicht in mein Atelier gedurft hätte«, betont auch Malerin Anja Wallmichrath. Sie hat sich künstlerisch weniger mit dem Thema Corona auseinandergesetzt und sich stattdessen mit Arbeiten für ihren zweijährigen Studiengang an der Augsburger Akademie beschäftigt. Eine Online-Vorlesung im eigenen Atelier zu verfolgen, sei dennoch eine ungewöhnliche Erfahrung gewesen. Für Christine Klatt, die seit drei Jahren mit der hier noch relativ unbekannten Gießharztechnik experimentiert, begann das Corona-Abenteuer während einer Asienreise. Nachdem es dann hierzulande Absagen hagelte, stellte sich auch ihr die Frage: »Wo ist mein normales Leben hin?«

Die Antworten der Künstler sind so variantenreich wie die angewandten Stile und Techniken. Anja Horstkotte entdeckte in Kalendersprüchen wie »Man muss immer etwas haben, worauf man sich freut« Bezüge zur Corona-Krise und integrierte diese in ihre Mixed Media Werke im Postkartenformat. Sonia Russo wusste anfangs nicht mehr, was sie malen sollte. Schließlich gelang ihr ein eindrucksvolles Porträt ihrer Cousine, die in Italien als Krankenschwester arbeitet. Nach ihrer Ansicht könne Kunst zwar nicht die Welt retten, führe aber die Leute zusammen. Dialog und Zusammenhalt seien gerade in Corona-Zeiten das Allerwichtigste.

Malerin hat wegen Corona Phase der Schockstarre durchlebt

Auch wenn die Kreativität immer da ist, hat die Malerin Marion Reuning eine Phase der »Schockstarre« durchlebt. »Ich konnte meine eigenen Farben nicht mehr aushalten« erinnert sie sich und stellt ihr eher düsteres Bild »Corona« dem Werk »Polychrom« gegenüber, das für Wiedererwachen stehen könnte. Die vorübergehende Erkenntnis »Wir haben’s nicht im Griff« habe ihr mehr Demut vor dem Leben eingebracht. Laufen in der Natur und Malen im Atelier hätten ihr das Gefühl für Hier und Jetzt vermittelt und so durch die Krise geholfen.

»In der Lederfabrik hatten wir immer unsere Ruhe, wurden aber nicht mehr gesehen«, so beschreibt Marion Reuning die Situation und zitiert das Bibelwort: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«. Die Öffnung der Ateliers ist als positives Signal gedacht, die Künstler freuen sich auf den Austausch über ihre Arbeiten. Für sie gab es keinen Stillstand, nur Beschränkungen in Bezug auf Erreichbarkeit.

Künstler hoffen auf Veranstaltung “Unikat” im Herbst

Die meisten haben - wie Holzbildhauer Maik Angermaier als Kurzarbeiter in seinem Hauptberuf - die Zeit für kreative Projekte genutzt. Sie sind sich durchaus der Möglichkeiten bewusst, die der einzigartige Kulturort Lederfabrik bietet und wollen dessen Bekanntheit weiter ausbauen. Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, individuelle Terminabsprachen zu treffen, über die Webseite www.alte-lederfabrik-halle.de Kontakt aufzunehmen oder Follower auf Instagram zu werden. Nach Absage des von der Stadt organisierten »Frühlingserwachens« besteht noch Hoffnung auf die »Unikat« im November. Auch wenn nach Picasso »Kunst den Staub von der Seele wischt«, werden Bilder nicht zuletzt dafür gemalt, an geeigneten Stellen aufgehängt zu werden. »Nach der Renovierungswelle der letzten Wochen, wollen die Leute womöglich neue Bilder an der Wand«, hofft Christine Klatt. Davon gibt es jede Menge in den Ateliers, die jeden ersten Samstag im Monat »Kunst und Genuss« bieten.

 

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