Schwierige Zeiten für Puppenspieler und die Künstler aus der Alten Lederfabrik
„Ohne Publikum gibt es kein Theater“

Halle (WB). Vielleicht wird Ihre Majestät radeln. Oder das ganze 1. Königliche Fahrradtheater geht auf Tour. Vielleicht sitzt Ralf Kiekhöfer aber auch mit der Puppe in der Hand in einer Fußgängerzone, spielt und lässt dann den Hut herumgehen. Denn ganz sicher braucht der Schauspieler eine Bühne – auch zu Zeiten von Corona. „Ohne Publikum gibt es kein Theater“, sagt der Figurenspieler vom Haller Theater Töfte. Das Drama für den darstellenden Künstler liegt derzeit auf der Hand, aber auch für viele Kollegen von der bildenden Zunft in der Alten Lederfabrik.

Donnerstag, 04.06.2020, 05:00 Uhr
Auch das Märchen vom „Froschkönig“ eignet sich für Auftritte des Puppenspielers Ralf Kiekhöfer. Seine Bühne muss er derzeit vor allem draußen aufbauen. Aber er hat auch Stücke, die er vor Erwachsenen im Wohnzimmer spielt. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Egal, ob man diesen Ausspruch nun tatsächlich dem Komiker Karl Valentin zuschreibt oder nicht – damit ein Bild an der Wand hängt, Musik erklingt und ein Kind über die Späße eines Clowns lacht, braucht es Talent, Kreativität und Arbeit. Zu Zeiten von Corona ernährt die ohnehin schon als „brotlos“ verschriene Kunst kaum Mann oder Frau. Während die Ateliers mit den zunehmenden Lockerungen am kommenden Samstag wieder für Besucher öffnen, fragen sich Ralf Kiekhöfer und seine frei schaffenden Künstlerkollegen, wie ihre berufliche Zukunft aussieht. Denn trotz staatlicher Soforthilfe für Solo-Selbstständige haben die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus existenzbedrohende Honorarausfälle zur Folge.

Projekte geplatzt oder auf Eis

In diesem Frühjahr hat der Wahl-Haller eine Absage nach der anderen bekommen. Ein großes Projekt mit den renommierten Bielefelder Puppenspielen von Dagmar Selje, das für die Weihnachtszeit geplant war, ist erst einmal auf Eis gelegt. 14 Auftritte. Auch ein Shakespeare-Projekt mit dem Figurentheater Osnabrück ist gefährdet. Ralf Kiekhöfer: „38 Jahre lang habe ich immer befürchtet, dass ich einmal krank werden könnte und dann läuft es nicht mehr mit dem Puppenspiel. Aber mit etwa 120 Auftritten im Jahr in ganz Deutschland hat es immer geklappt. Bis jetzt dieser plötzliche Bruch kam.“

Noch am Tag vor dem Lock-Down hat er im Siegerland gespielt, allerdings vor 30 statt vor 120 Kindern, am 13. März noch in Münster. „Danach habe ich nie wieder gespielt“, sagt der Puppenspieler, dessen Frau als Ärztin in einem systemrelevanten Beruf arbeitet. Bei vielen Kollegen sieht Ralf Kiekhöfer indessen gleich doppelte finanzielle Ausfälle. „Glücklicherweise haben sich 18 Künstlerverbände zusammengetan, um sich für Tanz, Theater und Musik einzusetzen.“ Ob Kiekhöfer wirklich Ende Oktober das „3. Hallerlei“ organisieren kann, steht noch nicht fest.

„Kunst und Genuss“ am Samstag

Der Kulturbetrieb funktioniert anders als die Wirtschaft. „Wir müssen eingeladen werden. Bei mir sind das meist Kindergärten, Schulen oder Städte.“ Veranstalter sind in diesen schwierigen Zeiten verunsichert und wollen keine Verträge mehr abschließen oder feilschen um die Gage. Viele hoffen dennoch, dass sich Künstler Termine frei halten. Denn Corona gilt jetzt als höhere Gewalt.

In der Haller Lederfabrik hoffen die Künstler nach dem Ausfall des „Frühlingserwachens“, dass wieder mehr Leute zu der Werbeveranstaltung „Kunst und Genuss“ an die Alleestraße finden. An jedem ersten Samstag im Monat sind acht bis zehn Ateliers von 11 und 16 Uhr geöffnet. Anja Wallmichrath: „Kunst kennt keinen Stillstand. Wir haben natürlich in den vergangenen Monaten weiter gearbeitet.“ Sonia Russo: „Manche von uns haben sich mit Corona auseinander gesetzt, andere gerade nicht“. Auch Maler, Bildhauer und Fotografen brauchen die Wertschätzung. Marion Reuning: “Was für Schauspieler der Applaus ist, ist für uns der Verkauf.“

Metallgestalter sorgt sich um Existenz

Metallgestalter Christoph Kasper durfte als Handwerker zwar trotz Corona arbeiten. Doch die Kunden blieben weg. Und jetzt geht es auch für ihn um die Existenz. „Wenn es nicht langsam wieder losgeht, ist es bei mir nach dem Sommer vorbei.“ Der Schmied hofft, dass wenigstens aus dem Haller Rathaus bald ein Signal kommt. „Ohne Kulturreferentin öffnet ja nicht einmal die Städtische Galerie. Die Kunst sollte in Halle nicht sterben.“ Die Künstler unter dem Dach der Fabrik weisen deshalb noch einmal auf ihre Internet-Seiten hin (www.alte-lederfabrik-halle.de).

Für Ralf Kiekhöfer sind Draußen-Veranstaltungen das Gebot der Stunde. Und leider kein Mitmach-Theater mehr. „Ich darf keine Kinder anfassen und verkleiden. Damit fallen fünf Stücke aus meinem Repertoire weg“, sagt der Puppenspieler. Als kreativer Kopf hat er sich Alternativen wie das Fahrradtheater ausgedacht. Damit kann er überall seine Bühne aufbauen, wo es schön ist.

Figurentheater macht Erwachsene zu Kindern und Kinder ein Stück größer. Seinen „Faust“ kann Kiekhöfer inzwischen in jedem Wohnzimmer aufführen. Hauptsache, man lässt den Mann spielen. Vor Zuschauern. Damit er Kraft und Kondition nicht verliert. Und damit es nicht irgendwann „im Kopp klemmt.“

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