Haller Zeiträume: Vor 75 Jahren waren 1300 Menschen im Waldlager untergebracht
Zwangsarbeiter nahmen Rache

Halle (WB). Nur eine Woche vor dem Einrollen amerikanischer Panzer in Halle zu Ostern 1945 hatte man im „Waldlager Künsebeck“ noch sieben Russen am Galgen erhängt. Die Frage nach dem Warum der Gestapo-Hinrichtungen konnte nie geklärt werden. Juristisch nie aufgearbeitet worden sind auch die Ereignisse nach dem Einmarsch der US-Truppen. Zwangsarbeiter haben damals Vergeltung geübt. Die Historiker des Internet-Museums „Haller Zeiträume“ haben im Raum Nationalsozialismus kürzlich die allerdings verblassende Erinnerung von Zeitzeugen und die dünne Quellenlage dokumentiert.

Freitag, 01.05.2020, 06:00 Uhr
In solchen Baracken lebten die Zwangsarbeiter im Waldlager Künsebeck. Im Frühjahr 1945 verließen immer häufiger kleine Trupps das nur unzureichend gesicherte Areal. Vor allem der Hunger trieb die Menschen zu Beutezügen.                               Foto: Stadtarchiv Halle

Größtes Lager im Altkreis

Ungefähr 1300 Menschen waren bei Kriegsende vor 75 Jahren noch im größten der 23 Lager für Fremd- und Zwangsarbeiter sowie für Kriegsgefangene im Amt Halle untergebracht. Es lag abgeschieden zwischen Steinhagen und Künsebeck in einem Winkel von Schnatweg und Flurstraße und gehörte zum angrenzenden Rüstungsbetrieb Dürkopp. Ein Jahr zuvor hatte man dort sogar 1360 Gefangene gezählt: 300 Männer, 860 Frauen und 200 Kinder. In den anderen Lagern hatte man noch einmal 1241 Menschen untergebracht: serbische, polnische, französische, russische Kriegsgefangene, die man auch als Tschechen oder Ostarbeiter bezeichnete. „Sie mussten in Industrie- und Handwerksbetrieben sowie in der Landwirtschaft jene Lücken schließen, die durch den Kriegseinsatz der deutschen Männer und die vielfältigen Dienstpflichten deutscher Frauen an der sogenannten Heimatfront entstanden waren“, heißt es in den „Haller Zeiträumen“. Ein Katalog kleinlichster Maßregeln habe ihr Verhalten bestimmt. Geringste Verstöße führten zu harter Bestrafung, manchmal mit dem Tod.

Einige der Bauern behandelten ihre neuen Hilfskräfte gut und gaben ihnen sogar verbotenerweise einen Platz am Tisch. Andere behandelten sie im Sinn der NS-Ideologie als Menschen zweiter Klasse. Gerade sie traf oft die Rache der Häftlinge, die über den Kriegsverlauf oft gut unterrichtet waren.

Beutezüge zu den Höfen

Im Frühjahr 1945 verließen immer häufiger kleinere Trupps von Zwangsarbeitern das nur unzureichend gesicherte Waldlager. Vor allem trieb sie der Hunger auf Beutezüge zu den umliegenden Höfen. Neben Lebensmitteln nahmen sie Kleidung mit, Wertgegenstände, sogar Fahrzeuge. Die Übergriffe auf die Bevölkerung wurden brutaler und häufiger und veranlassten Amtsbürgermeister Eduard Meyer zu Hoberge um Hilfe durch die Militärregierung zu bitten, weil sich die entwaffnete Bevölkerung nicht mehr selbst schützen konnte.

Neun Fälle hat er amtlich dokumentiert. Darunter war am 18. April der Bauer Erich W. Nachdem man zum wiederholten Male den Hof seines Nachbarn überfallen hatte, sollen sich etwa 100 Personen seinem Hof zugewandt haben. Man fand ihn später erschlagen. Augenzeugen berichteten davon, dass der Bauer die Angreifer mit einem Spaten abwehren wollte. Dabei ist möglicherweise auch ein Russe ums Leben gekommen. Rätselhaft bleibt auch die Schilderung des Todes der zehnjährigen Hanna aus Gartnisch. Das Kind starb im Haller Krankenhauses „an den Folgen eines Bauchschusses mit innerer Blutung“.

Tragödie nach Streit um Schuhe

Zu einer Tragödie wurde der 1. Mai 1945 für vier Deutsche und einen Russen, wie auf der Museumsseite zu lesen ist. Sie starben bei einem Gewalt-Exzess, den ein Streit um hübsche Schuhe ausgelöst hatte. Der Russe wollte die Schuhe einer 19-jährigen Brockhagenerin haben. Doch ihr Bekannter, ein ehemaliger SS-Mann, erschoss ihn und verletzte seinen Begleiter. Dieser organisierte im Waldlager einen Rachefeldzug.

Die Lage beruhigte sich erst, als die Amerikaner mehr Präsenz in Halle zeigten und einige US-Soldaten sogar auf den Anwesen übernachteten, die im Fokus von Plünderern standen, heißt es im virtuellen Museum. Mehr Informationen sind zu finden unter

www.haller-zeitraeume.de

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