Wie Chefarzt Dr. Michael Hanraths sein „Plädoyer fürs kleine Krankenhaus“ begründet
Kurze Wege dienen den Patienten

Halle (WB). 21 Jahre hat er kleine Krankenhäuser als Chefarzt und Ärztlicher Direktor geleitet, 14 Jahre davon in Halle. Dass dabei eine besondere Überzeugung gewachsen, die manche Großmannssucht im Gesundheitssystem sehr kritisch sieht, das hat Dr. Michael Hanraths am Dienstagabend in seinem „Plädoyer für das kleine Krankenhaus“ deutlich gemacht. Die 30 Zuhörer in der Cafeteria des Klinikums erlebten einen erfrischend offenen Abschiedsvortrag des scheidenden Chefs, der dabei ziemlich genau beschrieben hat, unter welchen Voraussetzungen ein kleines Haus wie Halle eine gute Zukunft haben kann.

Donnerstag, 06.02.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.02.2020, 05:02 Uhr
Kurze Wege, die schnellen Kontakte mit Kollegen auf dem Flur, die Nähe zu Patienten und die Akzeptanz in der Bevölkerung hält der scheidende Chef des Klinikums für wesentliche Vorteile kleiner Kliniken. Deshalb hält Dr. Michael Hanraths ein „Plädoyer fürs kleine Krankenhaus. Foto: Küppers

Dass ihn zuletzt manches geärgert hat, daraus hat Michael Hanraths kein Hehl gemacht. Zum Beispiel die Studie der Bertelsmann-Stiftung, die im Kern die Aussage getroffen habe, dass Deutschland nicht mehr als 600 Krankenhäuser brauche, um bestmögliche Spezialisierung für die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Tatsächlich gibt es in Deutschland noch mehr als 1900 Kliniken, 344 davon allein in NRW. Hanraths ärgert sich über Schlagzeilen in der überregionalen Presse wie „Irrationale Liebe zum wohnortnahen Krankenhaus“, die als Begleitmusik zu solchen Studien produziert wurden. „Ich finde das überhaupt nicht irrational“, sagt Hanraths, der dem stetig wachsenden wirtschaftlichen Druck auf die Krankenhäuser seine Sicht entgegen stellt: Nämlich dass eine Klinik einen medizinischen Versorgungsauftrag für die Bevölkerung zu erfüllen hat, bei dem es am Ende ausreichen sollte, wirtschaftlich am Ende bei Plus minus Null zu landen. Weil aber Bundesländer, wie zum Beispiel auch NRW, ihrer Finanzierungsaufgabe für die Krankenhäuser nicht zureichend nachkämen, müssten Kliniken die notwendigen Investitionsmittel zunehmend aus dem eigenen Betrieb heraus erwirtschaften, kritisiert Hanraths.

Ärger über die Hauptaussagen in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung

Rational kann Hanraths die Hauptargumente in der Bertelsmann-Studie für die drastische Verringerung der Kliniken-Zahl nachvollziehen: notwendig wegen der Finanzlage, Vorteile bei der Besetzung mit Fachärzten und Pflegepersonal, bessere Geräteausstattung und bessere Qualität bei planbaren Eingriffen. Das Ziel: In großen Einheiten einen höheren Spezialisierungsgrad vorhalten. Aber in der Konsequenz bedeute die Studie für das kleine Klinikum Halle eben auch, dass es keine Legitimität zum Überleben habe. Und das sieht Hanraths deutlich anders, auch weil er die große Wertschätzung für ein kleines Haus immer wieder von den Patienten hört.

„Die Fusion mit dem Klinikum Bielefeld war für das Überleben unabdingbar. Ohne Fusion hätten wir die gleichen Probleme wie Werther, Versmold und Dissen bekommen.“

Dr. Michael Hanraths

Eine Grundvoraussetzung, um das kleine Haus der Grund- und Regelversorgung in die Zukunft zu führen, sieht er mit der Fusion mit dem Städtischen Klinikum Bielefeld als erfüllt an. „Das war fürs Überleben unabdingbar. Ohne Fusion hätten wir die gleichen Probleme wie Werther, Versmold und Dissen bekommen“, betont er. Es komme auch darauf an, mehr als ein reines Portalkrankenhaus, das Patienten nur schnell durchreiche, oder auch ein ambulantes Gesundheitszentrum zu sein. Halle brauche eine gute Mischung der Hauptdisziplinen mit Teilspezialisierung, wie zum Beispiel in der Pneumologie, um für Patienten und das arbeitende Personal attraktiv genug zu sein. „Und wir müssen mit dem Vertrauensverhältnis punkten. Für ein kleines Haus brauchen Sie einen guten Leumund in der Bevölkerung“, sagt Hanraths. In Halle sieht er das als gegeben an und mit über 100.000 Einwohnern auch ein ausreichend großes Einzugsgebiet.

Ein attraktives Angebot für ein kleines Haus sei möglich, verweist Hanraths auf die Haller Geburtsstation. Die sei möglich unter der Voraussetzung, dass Risikoschwangerschaften in der Zentrale in Bielefeld behandelt werden. „Ich muss das alles ja auch medizinisch verantworten“, sagt er. Halle habe eben auch seine Grenzen. „Wenn einer mit Herzbeschwerden kommt, dann wird er in Halle erstversorgt. Aber die Herzkatheteruntersuchung wird in Bielefeld gemacht“, verdeutlicht er. „Ich bin aber dennoch so selbstbewusst zu sagen, dass wir eine gute Medizin in Halle bieten können“, fügt er hinzu.

„Wir müssen mit dem Vertrauensverhältnis punkten. Für ein kleines Haus brauchen Sie einen guten Leumund in der Bevölkerung.“

Dr. Michael Hanraths

Als den großen Vorteil eines kleinen Haues sieht Hanraths den direkten und engen Kontakt unter Kollegen. „Wenn man auf dem Flur zum Kollegen sagen kann, guckt mal eben nach dem und dem Patienten, dann kann man das nicht messen“, sagt Hanraths, weiß aber zugleich wie wichtig im Patientensinne solch kurze Wege sind.

Als Grundvoraussetzung dafür, dass unter oftmals personalbedingt schwierigen Bedingungen an kleinen Häusern die Mannschaft solidarisch zueinander steht, um den Laden am Laufen zu halten, benennt Hanraths die Stimmung in einer Klinik. „Darum kann man sich aber bemühen, man muss die Mitarbeiter pflegen“, sagt der Chef. Und er weiß, dass man für kleine Kliniken einen bestimmten Typ Arzt braucht. „Was nutzt ein toller Notendurchschnitt und hohe wissenschaftliche Kenntnis, wenn man nicht weiß, wie man mit einem Patienten reden muss.“ Kleine Kliniken bekämen öfter Anfänger als Ärzte. Hanraths: „Aber die muss ich dann auch groß werden lassen.“

Auf die Frage, wie er die Zukunft der Haller Klinik in fünf, in zehn und 15 Jahren sieht, zeigte Hanraths sich für die nächsten fünf Jahre zuversichtlich, über zehn Jahre aber könne er nicht hinausblicken. Doch wenn die Ziele weiter so gesetzt blieben, wie sie jetzt seien, wenn die Arbeit für Ärzte und Pfleger attraktiv und somit die Personalaquise erfolgreich bleibe sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung anhalte, dann sei er optimistisch, meinte er.

 

 

 

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