Kommunal-Spezialistin Dr. Kirsten Witte will von der Bertelsmann-Stiftung ins Rathaus wechseln Grüne möchte Bürgermeisterin in Halle werden

Halle (WB). Seit 25 Jahren haben die Grünen in Halle keinen eigenen Bürgermeister-Kandidaten mehr ins Feld geschickt. Diesmal aber wollen sie es wissen. Die Grünen haben Montagabend in nichtöffentlicher Wahlversammlung die Ratsdame Dr. Kirsten Witte einstimmig als Bürgermeister-Kandidatin für die Kommunalwahl am 13. September nominiert.

Von Stefan Küppers
Der stellvertretende Sprecher der Grünen-Ortsgruppe, Hassan Akpinar, beglückwünscht Dr. Kirsten Witte zur einstimmigen Nominierung als Bürgermeister-Kandidatin.
Der stellvertretende Sprecher der Grünen-Ortsgruppe, Hassan Akpinar, beglückwünscht Dr. Kirsten Witte zur einstimmigen Nominierung als Bürgermeister-Kandidatin. Foto: Stefan Küppers

Dass sich die Grünen einiges ausrechnen, machte der stellvertretende Sprecher des Grünen-Ortsverbandes Hassan Akpinar bei der Vorstellung der Kandidatin deutlich. Seit der Europawahl (die Grünen holten im Mai 2019 in Halle mit 27,9 Prozent sogar mehr Stimmen als die CDU) spüre man viel Rückenwind. Bei der einstimmigen Wahl von Kirsten Witte sei der Andrang mit 26 von 35 stimmberechtigten Mitgliedern so groß gewesen, dass man gar keine Stimmzettel mehr übrig gehabt habe, lachte Akpinar.

Witte: „Ich habe große Lust, meine Wahlheimat Halle als Bürgermeisterin mit den Bürgern zu gestalten.“

Werdegang von Kirsten Witte

Kirsten Witte ist 1966 in Soest geboren und im nahen Bad Sassendorf-Lohne aufgewachsen. Abitur in Soest (Leistungskurse Mathe und Physik), Studium von BWL/VWL in Saarbrücken und Münster (1987-1991); wissenschaftliche Mitarbeiterin Uni Münster und Promotion 1994.

1994 bis 2001 Mitarbeiterin der Stadt Münster als Referentin des Stadtdirektors, Leiterin der Wirtschaftsförderung (Sprecherin der AG der Wirtschaftsförderer im Münsterland), Geschäftsführerin Technologie-Park Münster.

2001 Wechsel zur Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, darin Projektleiterin Soziale Sicherung, dann Strategiereferentin des Vorstandes, seit 2007 Leiterin des Programms Lebenswerte Kommune (Schwerpunkte: Nachhaltige Kommunen, Demografischer Wandel, familiengerechte Kommune, soziale Inklusion von Kindern und Jugendlichen, Digitalisierung „Smart Country“, Kommunalfinanzen)

Ehrenamtliches Engagement in der Landjugend Lohne (1982-86), Öffentlichkeitsreferentin der westfälisch-lippischen Landjugend (WLL, 1987-89), zweite/erste Vorsitzende des WLL (bis 1991); 2002 Parteieintritt bei den Grünen; seit 2014 für die Grünen Mitglied des Haller Stadtrates, stv. Vorsitzende des TWO-Aufsichtsrates.

Kirsten Witte ist verheiratet mit Grünen-Fraktionschef Jochen Stoppenbrink, zwei Kinder (18 und 20 Jahre alt).

Dass sie im September deutlich mehr Stimmen von allen Haller Bürgern bekommt, darauf setzt die 53-jährige Kirsten Witte, die selbstbewusst sagte: „Die Aufgabe als Bürgermeisterin muss jemand machen, der es kann. Und ich glaube, dass ich es kann.“ Die Leiterin des Programms Lebenswerte Kommune bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh verweist auf ihren Lebenslauf, der auch langjährige Tätigkeiten bei der Stadt Münster in verschiedenen Funktionen beinhaltet (siehe Kasten).

Kirsten Witte machte deutlich, dass es ihr schwerfallen würde, ihren „super Job“ bei der Stiftung im Falle ihrer Wahl aufgeben zu müssen. „Aber ich habe auch große Lust meine Wahlheimat Halle, die ich liebe, zu gestalten und viele tolle neue Projekte mit den Bürgerinnen und Bürgern zu gestalten.“ Der noch lange Zeitraum bis zur Kommunalwahl nötigt ihr auch wegen des damit verbundenen Zeitaufwandes im Wahlkampf viel Respekt ab. „Ich habe noch nie neunmonatige Bewerbungsgespräche geführt“, scherzt sie. Sie gehe gerne auf Menschen zu und suche gemeinsame Lösungen. „Ich setze gerne ehrgeizige Projekte um und habe einen langen Atem“, fügte sie hinzu. Witte verweist auf ihre wissenschaftliche Ausbildung, wodurch sie sich schnell in neue Themen einarbeiten könne, sowie auch das Fachwissen und die Netzwerke, die sie bei der Stiftung zu vielen kommunalen Themenfelder aufgebaut habe („Ich weiß, wo ich nachfragen kann“).

Witte: „Bin stolz darauf, eine Grüne zu sein. Ich bin aber kein Betonkopf.“

Seit 2002 ist Kirsten Witte Mitglied der Grünen und sagt, stolz darauf zu sein. Die Partei habe sich schon immer konsequent gegen die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen eingesetzt. „Ich bin aber kein Betonkopf“, sagt sie auch. Und ein weiteres ist ihr wichtig zu betonen: „Das Bürgermeisteramt ist nicht der verlängerte Arm irgendeiner Partei ins Rathaus. Die Bürgermeisterin muss unabhängig, zum Wohle der Bürger handeln, Mehrheiten suchen und akzeptieren.“

Im Zusammenhang mit ihren Vorstellungen zur Haller Wirtschaftspolitik („den Standort weiter und einen guten Draht zu Unternehmen entwickeln“) nahm Witte auf Nachfrage zu einer möglichen Ausweitung des Ravenna-Parks Stellung, die der Stadtrat bekanntlich gegen die Stimmen der Grünen vorgeplant hat. „Ich bin gegen eine Erweiterung des Ravenna-Parks und glaube, dass ich dafür die Mehrheit der Bürger auch auf meiner Seite habe“, nannte sie als ein Argument den Flächenfraß. Zur Storck-Erweiterung wollte sie sich noch nicht klar positionieren, da gelte es vieles abzuwägen, nannte sie als ein Stichwort den Wasserverbrauch.

Kritische Untertöne

Als weiteren Schwerpunkt benannte Kirsten Witte die Bürgerbeteiligung. Es sei Aufgabe einer Bürgermeisterin, Wissen der Bürger nutzbar zu machen. Sie wolle Formate etablieren, damit alle Bürger zu Wort kommen. Kritische Untertöne ließ Witte vernehmen, als sie davon sprach, dass es einige Bürger gebe, die glaubten, die Bürgermeinung zu vertreten. Es gebe in Halle aber viele, die sich eben nicht äußerten. Zum Stichwort Alleestraße sagte sie: „Mir ist schleierhaft, warum die Schüler noch nicht zu den Plänen gefragt worden sind.“ Ihr schweben repräsentative Beteiligungsformate vor, bei der verschiedene Gruppen sich über eine gute Lösung austauschen. Angesprochen auf das angespannte politische Klima in Halle sagte Witte: „Ich bin zwar keine Gruppentherapeutin, sondern Volkswirtin. Aber reden hilft eigentlich immer.“

Der WB-Kommentar zur Kandidatur von Dr. Kirsten Witte

Dass die Grünen nach mehr als 20 Jahren in Halle nun mit einer eigenen Bürgermeister-Kandidatin ins Rennen gehen, ist allzu nachvollziehbar. Wer bei der Europawahl vor einigen Monaten fast 28 Prozent der Stimmen in Halle holt, muss sich auch bei der Kommunalwahl fragen lassen: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Mit Dr. Kirsten Witte haben die Grünen eine Kandidatin nominiert, die zweifellos einen beeindruckenden Lebenslauf mit vielen kommunalspezifischen Bezügen vorweisen kann. Zu einer gemeinsamen Nominierung oder Unterstützung durch die SPD, mit der es in Halle viele inhaltliche Schnittmengen gibt (von flächendeckend Tempo-30-, Klima- bis Schulpolitik), hat es trotz dieser Vita aber offenbar nicht gereicht.

Wittes Problem ist ihr (noch?) mangelnder Bekanntheitsgrad. Denn obwohl die Grüne seit fünf Jahren im Stadtrat sitzt, ist sie inhaltlich bislang kaum wahrgenommen worden. Ob die Zeit bis zur Wahl ausreicht, um das für die Mehrzahl der Bürger überzeugend zu ändern, wird sich zeigen. Stefan Küppers

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