Historikerin überrascht bei der Ausstellung »300 Jahre Stadtrechte«
Eine »Grabesrede« auf Halle

Halle (WB). »Es regiert der kalte Rechengeist ...!« So vernichtend und abschätzig hat vor Jahrzehnten der Chronist und Rektor a. D. Heinrich Meise die Verleihung der Stadtrechte an acht Orte in der Grafschaft Ravensberg kommentiert.

Mittwoch, 02.10.2019, 05:00 Uhr
Als Gastgeber der Wanderausstellung in Halle begrüßten die Sparkassendirektoren Hartwig Mathmann (links) und Henning Bauer auch Vize-Landrätin Elke Hardieck, Historikerin Dr. Katja Kosubek und Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann (von links). Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Halle hat 1719 durch die radikalen Reformen des jungen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. mit seinen drückenden Schulden nämlich viel verloren. Das berichtet Historikerin Dr. Katja Kosubek in ihrer »Grabesrede«. Bei der Eröffnung der Wanderausstellung zum Jubiläum »300 Jahre Stadtrechte« geht die profunde Kennerin der Haller Geschichte am Dienstag im Foyer der Kreissparkasse auf die Zeit zwischen 1648 und 1719 ein. Eine Überraschung auch für historisch Interessierte. Und zugleich eine spannende Geschichte aus anderem Blickwinkel.

Ein »feiner Flecken«

Schon seit dem Mittelalter sind Halle, Borgholzhausen und Werther uralte freie Wigbolde mit stadtähnlichen Rechten, wie Dr. Kosubek in ihrem ebenso kenntnisreichen wie emotionalen Vortrag sagt. Die Rechte sind 1652 im »Halleschen Wigboldbuch« vermerkt. Der Ort mit seinen drei Straßen und 91 Häusern mit 102 Haushaltungen rund um die Johanniskirche hat eine eigene Gerichtsbarkeit und einen eigenen Magistrat, darf selbst den Bürgermeister stellen und ist »gleich der Nachbarstadt Bielefeld mit allen Mercaturen von alters her privilegieret«. Handwerk und Handel dürfen frei ausgeübt werden. Noch.

Mit der Leinenlegge für robustes Löwendlinnen, einer Prüfstelle für alle Stoffe vor dem Verkauf, haben sich Handwerker angesiedelt. Kaufmannsfamilien wie die Abekes und die Brunes bauen repräsentative Häuser an der Bahnhofstraße und der Langen Straße. Halle sei »ein feiner, nahrhafter und reicher Flecken«, schreibt Hermann Adolpf Meinders um 1700 von einem blühenden kulturellen Leben. Und von Konzerten auf einer 1718 geschenkten Orgel.

Der Bürgerstolz und die Linde

Ja, die Haller sind damals mit Grund stolz auf ihre Stadt. Auch der hochgelehrte Rentmeister Meinders, der an der Geschichte Ravensbergs in zwölf Bänden schreibt. Als er das Amt des Gografen übernimmt und den Titel eines »Königlichen Justizrathes und Histeriographen« erhält, ahnt er nicht, sechs Jahre später Opfer der Staatsräson zu werden. Es kursiert nämlich ein Gerücht: Der junge König will den Handel auf dem Land verbieten. Darum schlagen die Kaufleute ihm vor, die Accise, eine Art Umsatzsteuer, auch in freien Wigbolden einzuführen, wenn sie im Gegenzug ihren Geschäften nachgehen können. Die königlichen Geheimräte setzen die Honoratioren daraufhin unter Druck. Eine folgenschwere Erpressung. Katja Kosubek: »Es erwischt die alten Eliten«. Auch Hermann Adolph Meinders. Der König setzt sein Spardiktat fort. Die Gogerichte werden abgeschafft und die berühmte Linde 1726 von Ludolf Ordelheyde aus Steinhagen vor den Augen entsetzter Haller abgesägt. Eine Tragödie. Wenige Jahre später stirbt Meinders. Seine letzte Ruhe findet er in der Familiengruft in St. Johannis.

 

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