Katrin Boidol verarbeitet den Bau der A33 mit künstlerischen Mitteln
Porträts der verlorenen Landschaft

Halle (WB). Wer ist wohl Erster? Am Freitag, 29. November, wird in der Alten Lederfabrik eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet. Eher unfreiwillig und nebenbei begibt sich die Haller Malerin Katrin Boidol damit in einen Wettlauf mit der geplanten Fertigstellung der seit über 60 Jahren geplanten A33.

Freitag, 06.09.2019, 05:00 Uhr
Katrin Boidol thematisiert in ihren großformatigen Bildern die Entstehung der A 33 und die Folgen für die Bevölkerung. Ab Ende November stellt sie ihre Werke in der städtischen Galerie in der Alten Lederfabrik aus. Foto: Johannes Gerhards

Während der vergangenen sieben Jahre hat sie die durch den Autobahnbau verursachten landschaftlichen Veränderungen zwischen Steinhagen und Borgholzhausen fotografisch dokumentiert. Die Fotos bilden jetzt die Grundlage für großformatige Aquarell-, Acryl- und Ölbilder. Darin wird zum einen die ursprüngliche bäuerliche Kulturlandschaft festgehalten und zum anderen die verschiedenen Baustadien bis hin zum fließenden Verkehr auf den bereits freigegebenen Teilabschnitten abgebildet.

Brückenbau und Holzeinschlag

Katrin Boidol ist selber zu Recherchezwecken gelegentlich auf Inlineskates oder mit dem Fahrrad auf der neuen Trasse unterwegs und gewinnt so detaillierte Einblicke aus ungewohnter Perspektive. »Beim Abholzen blutet einem das Herz«, gibt die in Bokel lebende Künstlerin zu, vor allem, wenn man – wie sie – die ostwestfälische Landschaft so sehr liebe. Sie nähert sich dem Thema in unterschiedlichen Serien unter jeweils einem anderen Kernbegriff. Da geht es unter anderem um Brückenbau oder Holzeinschlag.

»Das kann weg« beschreibt etwa den Verfallsprozess von ehemaligen Wohngebäuden, die der Autobahn weichen mussten. In »Hinter Wällen« setzt sich Katrin Boidol mit der Situation unmittelbarer Anlieger auseinander, die jetzt anstelle in die freie Natur auf eine Lärmschutzwand blicken. Wie genau die Fotos eingebettet werden ist noch nicht abschließend geklärt, es geht der Künstlerin auf jeden Fall um den Wiedererkennungsprozess beim Betrachter.

»Anhand einer Fotografie erstelle ich zunächst eine Skizze mit Kohle«, so beschreibt Katrin Boidol die unterschiedlichen Arbeitsschritte. Es folgt das großflächige Ausmalen mit Aquarellfarben und später eine Bearbeitung mit Öl- oder Acryl. Diese außergewöhnliche Mischmaltechnik erzeugt bewusst eingesetzte Effekte, die letztlich zum Verschwimmen und Verblassen des Ursprungsmotivs führen können. Assoziationen zum Verfließen der Zeit, zum Verschwinden der Vergangenheit, aber auch zu Tränen der Trauer und Empörung sind dabei durchaus beabsichtigt.

Wie man mit der Rest-Natur umgeht

Es geht in den Bildern aber keineswegs nur um die Autobahn. Auch die inzwischen etwas entspanntere Situation an der B68-Ortsdurchfahrt und die gelegentlich deutlich überproportionierte Bebauung entlang der neuen Trasse werden dargestellt. »Wenn ein Bild fertig ist, stelle ich es erst einmal weg und schaue mir nach einiger Zeit an, ob ich noch etwas ändern muss«, sagt Katrin Boidol zu ihrer Vorgehensweise. Derzeit arbeitet sie viel an der frischen Luft und nutzt die ideale Lage ihres Ateliers. Bis zum Beginn der Ausstellung kann sie sich über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen. Es ist noch einiges zu tun.

Mit ihrer Kunst möchte die Künstlerin die Bevölkerung zum Diskurs einladen und stellt Fragen wie »Was bedeutet der Autobahnbau für die Lebensqualität in unserer Heimat?« »Sollen weitere Flächen für Gewerbe- und Wohnbebauung verbraucht werden?« oder »Wie gehen die Haller mit Restnatur und historischer Bausubstanz um?«. Auch der Konflikt zwischen Naturschützern und Verkehrsplanern spielt eine Rolle.

Neben der Ausstellung Ende November ist auch ein Erzählabend mit dem Heimatverein Bokel geplant, bei dem Anwohner private Fotos zum Thema der Öffentlichkeit präsentieren können.

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