Gläubigerverzicht soll Gerry Weber bis November aus der Insolvenz führen
Nächster Schritt zur Rettung

Halle (WB). Der insolvente Haller Modekonzern Gerry Weber hat den wohl wichtigsten Schritt auf dem Weg zur angestrebten Rettung gemacht. Mit den Finanzinvestoren Robus Capital und Whitebox Advisors sind neue Geldgeber gefunden. Von der Gründerfamilie dürfte indes nur der Name bleiben.

Mittwoch, 17.07.2019, 03:00 Uhr
Die Zentrale des Modekonzerns Gerry Weber in Halle. Foto: Fälker

Vorstandschef Johannes Ehling verbreitete am Dienstag Optimismus. »Die Investoren haben volles Vertrauen in uns und die neue Strategie.« Die Neuausrichtung, die erste Erfolge zeige, sieht unter anderem monatliche Kollektionen und eine stärkere Verzahnung des stationären und Onlinehandels vor. Teil des Konzepts sind aber auch die bereits eingeleiteten Maßnahmen für Filialschließungen sowie Stellenabbau. Es gebe nun Planungssicherheit. Damit sende der Konzern noch vor der Ordermesse CPD am Wochenende in Düsseldorf ein »positives Signal«. Ohne belastbare Zukunftslösung war befürchtet worden, dass die Handelskunden weniger Aufträge beim angeschlagenen Modekonzern platzieren könnten.

Sanierungsvorstand spricht von »Meilenstein«

Sanierungsvorstand Florian Frank, der über die Laufzeit seines bis Jahresende befristeten Vertrags bleiben könnte, sprach von einem »Meilenstein«. Der Blick des Unternehmens, das am 25. Januar Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet hatte, geht nun nach vorn. Die beiden Investoren wollen aus von ihnen verwalteten Fonds bis zu 49,2 Millionen Euro für die »nachhaltige Sanierung« bereitstellen und neue Haupteigentümer werden. Das Geld soll zum Teil den Gläubigern zukommen, zum Teil in den Konzern fließen. Geplant ist, im Insolvenzverfahren alle alten Aktien einzuziehen und neue Aktien zunächst allein an Robus und Whitebox auszugeben. Das würde alle Altaktionäre treffen – vor allem die Gründerfamilien Weber und Hardieck als Großaktionäre. Ihre Ära wäre damit endgültig vorbei. »Die Familie Weber wird keine Rolle mehr spielen«, sagt Generalbevollmächtigter Christian Gerloff. Sie habe sich zu einem gewissen Zeitpunkt aus dem Investorenprozess zurückgezogen.

Käufer für Logistikzentrum gesucht

Geld für die Gläubiger soll auch der Verkauf des erst im Dezember 2015 eingeweihten, für 90 Millionen Euro erbauten Logistikzentrums in Halle bringen. Es gilt als zu teuer und überdimensioniert. Es gebe mehr Interessenten als erwartet, heißt es – was wohl auch am attraktiven Standort direkt an der Autobahn 33 sowie vorhandenen Erweiterungsmöglichkeiten liegt. Eine Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen. Dem Vernehmen nach wird ein Erlös von mindestens 30 Millionen Euro angestrebt. Unklar ist, was mit den fast 300 Beschäftigten dort geschieht. Gerry Weber selbst will die Logistik wieder einem externen Dienstleister übertragen und damit auch kostengünstiger arbeiten. Ein Übergangszeitraum von bis zu 24 Monaten soll den reibungslosen Wechsel sicherstellen.

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Gläubiger sollen Beitrag leisten

Einen entscheidenden Beitrag zur Sanierung sollen auch die Gläubiger – Banken, Vermieter, Lieferanten – leisten. 1500 von ihnen fordern rund 262 Millionen Euro von der Konzernmutter und 1300 Gläubiger 35 Millionen von der ebenfalls insolventen Handelstochter. Sie sollen auf einen Großteil ihres Geldes verzichten – könnten aber von einer positiven Entwicklung profitieren. So sehen Eckpunkte für den Insolvenzplan, der in den nächsten drei Wochen ausgearbeitet werde, verschiedene Möglichkeiten vor. Gläubiger könnten sogar Aktionäre werden.

Konzept zugestimmt

Der zehnköpfige Gläubigerausschuss stimmte dem Konzept am Montagabend einstimmig zu. Die Gläubigerversammlung soll noch im dritten Quartal die Pläne absegnen. Sachwalter Stefan Meyer sagt, das Angebot sei aus Gläubigersicht das beste der am Ende drei verbliebenen Bieter gewesen. Für die Gläubiger stünden deutlich mehr als 50 Millionen Euro zur Verfügung, betont Gerloff.

Bormann ist »zufrieden«

Gerry-Weber-Betriebsratschef Lutz Bormann ist mit Investorenwahl »zufrieden. Wir haben jetzt erst einmal Sicherheit und es kann Ruhe einkehren.« Offen sei aber, wann und wie die Finanzinvestoren wieder aussteigen wollen. Ehling sprach von »einem Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren«. Bormann geht derweil davon aus, dass der im März ausgehandelte Sanierungstarifvertrag mit Lohneinbußen bald in Kraft tritt.

Gedämpfter Optimismus bei Menningen

Manfred Menningen, IG-Metall-Verhandlungsführer und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, sieht den Investoreneinstieg mit »gedämpftem Optimismus«. Das Wichtigste sei, dass Klarheit herrsche. »Für eine Bewertung der Investoren ist es aber noch zu früh.« Zudem fürchtet Menningen, dass nach dem Mehrheitsverkauf der Tochter Hallhuber weitere Stellen in der Zentrale wegfallen könnten. Das ließ der Vorstand offen.

Gerloff hält es derweil für möglich, dass Gerry Weber schon zum 1. November, dem Beginn des Geschäftsjahres 2019/20, das Insolvenzverfahren beenden kann.

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