Eva Sperner: 2018 gab es im Kreis 42 Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt an Kindern
Lügde kann auch in Halle passieren

Halle (WB). Der Missbrauchsskandal im lippischen Lügde hat auch in Halle viele Eltern alarmiert: Kann so etwas auch hier passieren? Warum hat niemand etwas bemerkt? Wie konnten möglicherweise Signale überhört und/oder übersehen werden? »Lügde ist ein Ausnahmefall. Aber Lügde kann auch überall sein«, sagte Gleichstellungsbeauftragte Eva Sperner im Jugend- und Sozialausschuss.

Freitag, 05.07.2019, 05:00 Uhr
Nein sagen bei schlechten Gefühlen: Kinder haben ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung – und nie eine Schuld beim Missbrauch. Foto: dpa

Auf Bitte der Politiker informierte sie über das weite Feld sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen, sehr sachlich und präzise. Und auch über das, was an Prävention möglich ist. Wie ihre Kolleginnen aus dem Arbeitskreis »Rückenwind« wünschte sie sich für die praktische Vorbeugungsarbeit in Kitas und Schulen griffigere Schutzkonzepte. Denn Anspruch und Realität klafften noch weit auseinander, weil es einen hohen Aufwand bedeute und eine Koordinierungsstelle oft fehle. »Als wir den Arbeitskreis 1990 gegründet haben, wurden wir noch belächelt«, sagte sie.

Jeden Monat zwei Anzeigen

Sexualisierte Gewalt: Genau das sei der korrekte Begriff. »Es ist kein Missbrauch, denn es gibt auch keinen Gebrauch«, sagte Eva Sperner. Laut Definition sei jede sexuelle Handlung gemeint, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen werde. Dabei nutzten Täter ihre Machts- und Autoritätsposition aus. »Bei unter 14-Jährigen ist das immer als strafbar zu werten«.

In Deutschland erlebt jedes siebte bis achte Kind diese Gewalt. Bei der Dunkelziffer geht man von einer Million betroffener Kinder aus. Angezeigt werden die wenigsten davon: 13.500 Anzeigen bundesweit. Für den Kreis Gütersloh hat es 2017 nur 36 Anzeigen gegeben, 2018 42. »Das sind jeden Monat zwei Anzeigen. Das finde ich schon erschreckend«, sagte Eva Sperner und verwies auf das erheblich größere Dunkelfeld.

Täter ist Vertrauensperson

Ein Täterprofil gibt es nicht. Die Gewalt sei zumeist im sozialen Nahbereich, in den Familien, bei Freunden, im Verein zu finden. Und Fremde seien dabei die absolute Ausnahme. Eva Sperner: »Es ist sehr selten, dass jemand ein Kind vor der Schule anspricht«. Der Täter ist zumeist eine Vertrauensperson. Jemand, der sich womöglich fürsorglich zeigt und das Vertrauen von Kindern erschleicht, der ihnen Geschenke macht, der ganz langsam und allmählich ein Abhängigkeitsverhältnis aufbaut. Opfer werden oft Kinder, die sich »zu wenig geliebt, anerkannt oder wertgeschätzt« fühlen, Kinder, die nie gelernt haben, eigene Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Kinder, die sich unter Druck setzen lassen, den Missbrauch geheim zu halten, und auf Droh-Szenarien reagieren: »Wenn du etwas erzählst, komme ich ins Gefängnis!« 75 Prozent der Opfer sind übrigens weiblich, nur ein Viertel männlich.

Ganz neue Dimensionen

Die neuen Medien machen das Phänomen in neuen Dimensionen möglich, sprach sie das sogenannte Sexting an, also das Versenden von Nachrichten mit sexueller Botschaft, das Cybergrooming, bei dem in Livechats gezielte Kontakte genutzt werden, oder Webcams, die virtuell den Kindesmissbrauch »in seiner gruseligsten Form« ermöglichen.

Wer bei Verdacht hilft

Wie sollen Erzieher, Lehrer, Nachbarn in Verdachtsfällen reagieren? Oberstes Ziel sei das Kindeswohl, forderte Eva Sperner auf, Ruhe zu bewahren. Und keinesfalls sofort die Eltern informieren. Oder gar die Polizei. Weil letztere einen potenziellen Missbrauch als Offizialdelikt bearbeiten muss. Stattdessen raten Fachleute laut Sperner dazu, anfangs lieber anonyme die Opferschutzbeauftragte der Polizei anzusprechen. Weitere Empfehlungen: Austausch mit Kollegen, sorgfältig beobachten (und darüber Buch zu führen), Fachdienste einschalten. Die Einrichtungen in Halle und beim Kreis seien sehr gut vernetzt. Es gebe Schulungen und Fachtagungen und viele gute Angebote für Kinder. Dazu zählen auch die Selbstbehauptungs- und verteidungskurse. Im Altkreis haben daran schon 3750 Mädchen teilgenommen und 1750 Jungen, in Halle selbst 1200 Mädchen und 500 Jungen.

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