WB-Umfrage auf dem Halle Wochenmarkt – Stadt will Tempo-30-Zonen flächendeckend ausweiten
Tempo 30: Skepsis der Bürger überwiegt

Halle (WB). Die Ausweisung von nach und nach flächendeckenden Tempo-30-Zonen schreitet voran. Nächste Woche sollen weitere wegweisende Beschlüsse im Rathaus gefasst werden. Derweil formiert sich unter Bürgern Protest gegen neue Versickerungsbeete an der Schloerstraße.

Sonntag, 07.04.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 07.04.2019, 16:10 Uhr
Regen Betrieb hat es trotz ungemütlichen Wetters bei einem Stand des WESTFALEN-BLATTes auf dem Haller Wochenmarkt gegeben. Die WB-Lokalredaktion wollte ein Stimmungsbild von Passanten erlangen, ob Bürger die flächendeckende Ausweisung von Tempo-30-Zonen in Halle befürworten oder ablehnen. In Gefäßen konnten die Bürger je nach Votum bunte Eier ablegen. Die Nein-Stimmen überwogen am Ende deutlich. Die Gelegenheit zur Diskussion mit WB-Lokalchef Stefan Küppers (r.) ist vielfach genutzt worden. Foto: Schillig

Die WESTFALEN-BLATT-Lokalredaktion hat am Freitag auf dem Wochenmarkt eine Umfrageaktion durchgeführt, um ein kleines, nicht repräsentatives Stimmungsbild zu erheben. »Wünschen Sie die flächendeckende Einführung von Tempo-30-Zonen in Halle?«, lautete die Frage. Passanten konnten Ostereier in Gefäße werfen, je nachdem ob sie die Frage bejahten oder verneinten. Bei regnerischem Wetter und eher schwachem Marktbesuch nahmen in gut zwei Stunden 57 Passanten an der Umfrage teil. 16 Bürger befürworten die flächendeckende Einführung von Tempo-30-Zonen, 41 hingegen lehnen dies ab.

Stadt will rund ums Klinikum eine ganz große Tempo-30-Zone schaffen

Bürgerinitiative wirft Grünen Dramatisierung vor

Die Bürgerinitiative Alleestraße kritisiert die Grünen für einen Antrag, den diese in den Verkehrsausschuss am Dienstag einbringen wollen. Die Grünen beantragen den Start einer Kampagne, die auf das Problem mangelnder Sicherheitsabstände beim Überholen von Radfahrern oder beim Aussteigen aus einem Fahrzeug aufmerksam macht.

Nach Recherchen der Verwaltung hat es Unfälle mit Radfahrern beim Aussteigen aus Autos nur einen in 2010 und zwei in 2013 gegeben. »Anstatt der Haller Bevölkerung ein Kompliment zu machen, vorsichtig und umsichtig miteinander auf den Straßen und Wegen umzugehen, werden hier ewig gestrige Situationen dramatisiert und die Bevölkerung als unfähig dargestellt«, kritisiert die Bürgerinitiative. Die geringe Unfallhäufigkeit ist nach Auffassung der Initiative dem Umstand geschuldet, dass die Angebotsradwege auf der Alleestraße gerne angenommen werden.

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Am Dienstag, 9. April, 17.15 Uhr im Rathaus befasst sich der Bau- und Verkehrsausschuss erneut mit der Umsetzung des Nahmobilitätskonzeptes. Nach Vorschlag der Verwaltung sollen folgende Straßen ohne besondere verkehrsberuhigende Maßnahmen als Tempo-30-Zonen ausgewiesen werden: Eisweg, Wasserwerkstraße, Klingenhagen, Winnebrockstraße und Roonstraße. Darüber hinaus sollen Querverbindungen zwischen Klingenhagen und Winnebrockstraße (also Goethe-, Schiller- und Rilkestraße) als gemeinsame Tempo-30-Zone ausgewiesen werden. Vom Straßenverkehrsamt des Kreises ist zu vernehmen, dass mindestens für die breite Winnebrockstraße weitere Einengungen erforderlich wären.

Laut dem Aktionsplan Nahmobilität, der der Redaktion vorliegt, soll im Laufe der nächsten Jahre praktisch die ganze Haller Innenstadt (inklusive größerer Haupterschließungsstraßen wie Wertherstraße, Lange Straße, Bielefelder Straße, mithin die B68, Moltkestraße und Mönchstraße) in Tempo-30-Zonen umgewandelt werden. Die Bürgerinitiative Alleestraße hatte kürzlich auf damit einhergehende Ausbaukosten hingewiesen, die beispielhaft am Künsebecker Weg laut Nahmobilitätsplan mit zwei Millionen Euro ausgewiesen sind. Am Künsebecker Weg hat die Polizei jetzt mehrfach das vorgegebene Tempo 30 überwacht. Bei der jüngsten Kontrolle in dieser Woche wurden laut Polizei in rund zwei Stunden etwa 30 Temposünder ermittelt.

Anlieger der Schloerstraße sind sauer

Über die Anlage von Versickerungsmulden in gleich drei Straßen will der Bau- und Verkehrsausschuss ebenfalls am Dienstag entscheiden: In der Sperberstraße, am Langen Brink und in der Schloerstraße. Insbesondere in der Schloerstraße ist der Widerstand allerdings erheblich. Die Anwohner auf dieser viel befahrenen Querverbindung zwischen Gartnischer Weg und Künsebecker Weg lehnen Hindernisse und den Wegfall weiterer Parkplätze an der Straße nach einer Versuchsphase mit Warnbaken ausdrücklich ab. Dennoch empfiehlt die Verwaltung in ihrer Vorlage den Bau von insgesamt vier Versickerungsmulden. Die Anlieger wollen ihren Protest, den sie ausführlich begründen, in der Sitzung vortragen.

 

Kommentar zum Thema flächendeckendes Tempo 30 in Halle

Von Stefan Küppers

Nein, die Umfrage der WB-Redaktion zu Tempo 30 ist nicht repräsentativ. Eine umfassende Befragung der Bürger zu einem Thema, das praktisch jeden im Alltag angeht, kann dies nicht ersetzen. Nur, mit Verlaub, warum gibt es eine solche Befragung in Halle eigentlich nicht?

Das Nahmobiltätskonzept, das Tempo-30-Zonen auch auf Hauptverkehrsstraßen vorsieht, ist zwar umstritten. Dennoch soll es scheibchenweise umgesetzt werden, ohne dass es als Ganzes bei der Kommunalwahl 2020 einem Bürgertest unterworfen würde. In Halle sind 13.463 Pkw gemeldet, mithin stellen Autofahrer einen sehr großen Anteil der Bürger dar. Diese Mehrheit hat gewiss nicht alle Vorfahrtsrechte. Doch wenn man das Gefühl gewinnt, dass Belange von Autofahrern nur noch im Sinne von Vergrämen und Verdrängen auf die Agenda kommen, dann passt die Gewichtung nicht mehr.

Gute Erreichbarkeit ist auch für den Handel von existenzieller Bedeutung. Der Marktkauf macht 14 Prozent seines Umsatzes mit auswärtigen Kunden. Was passiert wohl mit der Innenstadt, wenn diese Auswärtigen keine Lust mehr auf das Tempo-30-Halle haben? Solches wird bisher zu wenig diskutiert.

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