Gerry Weber: Insolvenz in Eigenverwaltung soll Sanierungschancen verbessern
Zwischen Hoffen und Bangen

Halle (WB). Der Anfang vom endgültigen Ende oder der Beginn der Wende zum Besseren? An diesem frostigen Freitag kann in Halle niemand genau sagen, in welche Richtung der Modekonzern Gerry Weber wirklich steuert. Die Insolvenz in Eigenverwaltung soll der Rettungsanker sein. Eine Aktion zwischen Hoffen und Bangen.

Samstag, 26.01.2019, 05:00 Uhr aktualisiert: 26.01.2019, 09:02 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Als die Mitarbeiter das Gebäude nach der einstündigen Betriebsversammlung am Nachmittag verlassen, wirken sie gefasst. Der erste Schock scheint verdaut. Schon am Mittag kam die Nachricht von der Insolvenz in Eigenverwaltung. Und in den vergangenen Monaten ist so viel geschehen, dass dieser Schritt – allem Kampf offenbar auch der beiden Gründerfamilien und Großaktionäre zum Trotz – nicht mehr ganz überraschend kommt.
Schon der Blick auf den Aktienkurs hatte manchen etwas schwanen lassen. Die Papiere des Modekonzerns knickten am Donnerstagnachmittag plötzlich um 25 Prozent ein. Der Absturz setzte sich auch Freitagvormittag fort. Die Aktie des einst nur Wachstum gewohnten Konzerns fiel in Folge der Nachricht vom Insolvenzantrag zwischenzeitlich sogar auf nur noch 37 Cent. Im Juni 2014 hatte sie mit fast 40 Euro ihr Allzeithoch markiert.

Mode spielt plötzlich nicht mehr die große Rolle

Zwei Zahlen, die sinnbildlich für den Niedergang des Unternehmens binnen vier Jahren stehen. Gerry Weber hatte die Umsatzmilliarde im Blick und eröffnete noch neue Geschäfte, als der Markt zu drehen begann. Mode spielt für die Konsumenten plötzlich nicht mehr die große Rolle wie zuvor. Zudem kommen in die stationären Geschäfte immer weniger Kundinnen. Die Branche leidet - vor allem die Marken im mittleren Preissegment.
Der Konzern kämpft mit Umsatzrückgängen und Millionenverlusten. Der Umsatz fiel von 920,8 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2014/15 auf zuletzt unter 800 Millionen. Statt 52 Millionen Euro Gewinn wird für das Geschäftsjahr 2017/18 unterm Strich ein Verlust von rund 200 Millionen Euro stehen. Darin sind aber auch Abschreibungen und Wertberichtigungen in Höhe von 113,5 Millionen enthalten, um Altlasten in der Bilanz zu bereinigen. Zudem hat das Unternehmen 63,3 Millionen für die Restrukturierung reserviert.

»Am Ende hat schlicht Zeit gefehlt«

Das seit Monaten ausgearbeitete Konzept will der Vorstand unverändert umsetzen. »Wir haben bei der Reihe an Aufgaben, die uns die Banken gestellt haben, große Meilensteine erreicht«, sagt Vorstandschef Johannes Ehling. Die Umsätze hätten sich in den vergangenen drei Monaten gut entwickelt. Bei den Erträgen seien die Vorgaben »übererfüllt« worden, liege Gerry Weber einige Millionen besser als geplant. »Deshalb sind wir auch optimistisch gewesen« für die Verhandlungen über ein langfristiges Finanzierungskonzept.
Doch die Interessen von kreditgebenden Banken, Schuldscheininhabern und Gesellschaftern ließen sich nicht übereinbringen. »Am Ende hat schlicht Zeit gefehlt«, sagt Restrukturierungsvorstand Florian Frank. Der Insolvenzantrag war damit »unvermeidlich«, erklärt Ehling. Rund 200 Millionen Euro Schulden muss der Konzern bis März 2025 ablösen. Die Rückzahlung von Schuldscheinen über 31 Millionen, die eigentlich im November fällig gewesen wäre, war bis Ende Januar gestundet.

Finanzierung des Konzerns sei bis 2020 gesichert

Dieser Termin ist erst einmal hinfällig. Das Insolvenzverfahren schützt den Konzern vor der Fälligkeit. Der neue Generalbevollmächtigte und versierte Eigenverwalter Dr. Christian Gerloff setzt darauf, dass mit den klaren Vorgaben des Verfahrens eine Lösung gelingt. Denn statt Einzelinteressen zählen nun in Gläubigerversammlung und Gläubigerausschuss Mehrheitsbeschlüsse.
Am Ende dürften die Geldgeber auch bei erfolgreicher Sanierung nur einen Teil ihrer Forderungen erhalten. Das verschafft dem Konzern zusätzlich die Perspektive, ein langfristig tragfähiges Fundament zu schaffen. »Durch die Verhandlungen der vergangenen Wochen ist die Basis für weitere Gespräche gelegt«, sagt Frank.
Die Finanzierung des Konzerns sei nach jetzigem Stand bis ins Jahr 2020 hinein gesichert. Die volle Konzentration gelte jetzt aber erst einmal der Umsetzung der Sanierung mit Filialschließungen und Stellenabbau. Wesentliche Schritte sollen bis Sommer abgeschlossen sein. Auch dabei kann die Insolvenz helfen: Verträge kann das Unternehmen nun mit dreimonatiger Frist kündigen – auch eigentlich noch Jahre laufende Mietverträge für Filialen, aber auch Arbeitsverträge bei der Konzernmutter.

»Wieder in die Erfolgsspur«

Inwieweit der jüngst ausgehandelte Sanierungstarifvertrag, der Lohnabstriche für die Beschäftigten vorsah, in Kraft tritt, ist unklar. Ehling bezeichnet die Einigung zwar auch als einen Meilenstein. Der Vorstand lässt aber offen, ob die Vereinbarungen unter den neuen Umständen umgesetzt werden. Manfred Menningen, Verhandlungsführer der IG Metall und Vize-Vorsitzender des Konzern-Aufsichtsrates stellt klar, dass der Vorstand dazu Position beziehen müsse.
Über die Insolvenz zeigt sich Menningen »geschockt. Das Konzept ist aber gut und zeigt erste Wirkung. Die Insolvenz ist eine Chance für das Unternehmen, wieder auf die Füße zu kommen.« Vorstandschef Ehling ist »fest davon überzeugt, dass wir nach erfolgreicher Sanierung aus dem Verfahren wieder in die Erfolgsspur zurückkehren werden«. Er will die als »bieder und altbacken« abgestempelte Marke verjüngen, aber gezielt vor allem die zahlungskräftige Kundin ab 50 ansprechen.
Zudem soll die Ware in die Läden kommen, die zum Wetter passt. So seien auch weniger Preisnachlässe nötig. Um das Vertrauen des Fachhandels will Ehling bei der Modemesse CPD in Düsseldorf von diesen Samstag bis Montag werben. Es sollen weitere Schritte sein auf dem Weg zur Rettung.

Für Tennisturnier wird neuer Titelsponsor gesucht

Die Austragung des seit 1993 als Gerry Weber Open etablierten und inzwischen bedeutendsten deutschen Tennisturniers ist trotz der prekären Lage des Titelsponsors nicht gefährdet. Das bekräftigte am Freitag die von Ralf Weber geführte Stadionbetreibergesellschaft Gerry Weber Management & Event. Gleichwohl liefen bereits Gespräche mit potenziellen Titelsponsoren, die womöglich schon bei der 27. Auflage des Turniers im Juni Namensgeber sein könnten. 2020 solle es auf jeden Fall von einem anderen Unternehmen präsentiert werden, hieß es.
Gerry Weber hat den bis Ende 2022 laufenden Fünfjahresvertrag nicht gekündigt. Er sieht Zahlungen für die Namensrechte von rund vier Millionen Euro pro Jahr vor.

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